Missbrauch in der katholischen Kirche „Es ist unfassbar, was da gerade geschieht“
Die katholische Kirchengemeinde Ostfildern wendet sich mit einem Brandbrief an Bischof Fürst und fordert lückenlose Aufklärung und Ahndung der Skandale.
Die katholische Kirchengemeinde Ostfildern wendet sich mit einem Brandbrief an Bischof Fürst und fordert lückenlose Aufklärung und Ahndung der Skandale.
Ostfildern - Von der Basis muss etwas kommen. Wir müssen uns zu Wort melden und dürfen uns nicht wegducken“: Gerhard Pietsch geht es wie vielen Katholiken. Ihn macht fassungslos, wie seine Kirche jahrzehntelang mit dem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen umgegangen ist. „Die Kirche hätte die Chance gehabt, das zu regulieren. Aber da wollte man offenbar nur den äußeren Schein wahren.“
Als gewählter Vorsitzender des katholischen Gesamtkirchengemeinderats in Ostfildern hat Pietsch zusammen mit dem leitenden Pfarrer Klaus Alender und anderen einen Brandbrief an den Bischof Gebhard Fürst geschrieben. Die Unterzeichner drücken darin ihre Empörung über die durch das jüngste Gutachten bestätigten Skandale aus. Und sie fordern den Oberhirten der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf, alles daran zu setzen, dass wieder Vertrauen in die Verantwortungsträger in Kirche und Gemeinden wachsen kann.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Pfarrer der katholischen Kirche Esslingen im Gespräch
Eine ähnliche Initiative hatte vor Kurzem die katholische Kirche in Esslingen mit dem Pfarrer Stefan Möhler gestartet. In einem Interview mit unserer Zeitung forderte der Theologe, die „systemischen Ursachen“ des Skandals und der Vertuschung offenzulegen und zu bekämpfen. „Wir sind die Kirche hier vor Ort. Wir wollen es Menschen ermöglichen, nach dem Evangelium und angstfrei zu leben“, sagte Möhler. „Dies soll unsere Kirche auch insgesamt wieder tun. Die Katholiken in Esslingen sollen wissen: Wir wollen keine Kirche sein, die diese Missstände einfach so hinnimmt.“
Bei einem Empfang der Gemeinde im Januar hätten Kirchenmitglieder den Wunsch geäußert, sich über die aktuelle Lage der katholischen Kirche auszutauschen, berichtet der Ostfilderner Pfarrer Alender. Diese Möglichkeit zu einer moderierten Diskussion habe man vergangene Woche in der Kirche Maria Königin in Kemnat geschaffen. „Von ruhig bis heftig“ seien die Stellungnahmen gewesen, sagt Alender. Was er gerade in jüngster Zeit erlebe, mache ihn traurig. Auch, dass mehr und mehr Gemeindemitglieder ihrer Kirche den Rücken kehren. 200 bis 300 Austritte gibt es nach seinen Worten jedes Jahr allein in Ostfildern.
Die Missbrauchsdebatte habe diese Entwicklung verstärkt. Wo es geht, hakt Alender nach und fragt nach den Gründen für den Austritt. Alle Kritiker lässt er dabei wissen, dass die Angebote der Kirche für sie weiter offen stünden. Er spüre, dass die allermeisten diesen Schritt nicht leichtfertig tun, berichtet der Theologe. Die Missbrauchsskandale hätten für viele das Fass zum Überlaufen gebracht. Natürlich gebe es mehr Menschen, die die Kirche nicht mehr erreiche. Das liege auch an dem veränderten Freizeitverhalten. Doch könne man keinesfalls von einer „erodierenden Masse“ sprechen, sagt Alender. Er erlebe in seiner Gemeinde, zu der rund 7500 Katholiken gehören, „viel lebendigen Glauben“.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: „Die Situation ist unerträglich“
Unfassbar sind die aufgedeckten Skandale auch für Hans-Dieter Jedelhauser. Vieles hätte man längst mit aller Konsequenz aufarbeiten und ahnden müssen. „Aber alles wird nur hinausgeschoben. Geändert hat sich bisher nichts“, sagt der Kemnater. Er habe das Verhalten der Verantwortlichen „dicke“. Für Jedelhauser sind die Geschehnisse schmerzhaft, denn die Kirche ist, wie er erzählt, seit seiner Kindheit immer ein wichtiger Teil seines Lebens gewesen. Über Jahrzehnte hat er sich in verschiedenen kirchlichen Gremien ehrenamtlich engagiert. Ihm ist wichtig, dass alle Missbrauchsfälle und Vertuschungspraktiken schonungslos aufgeklärt werden. Ob er auch daran gedacht habe, der Kirche den Rücken zu kehren? Nein, sagt Jedelhauser. „Austreten wäre das falsche Signal.“
Auch Heinrich Niedworok ist erschüttert. Für den 65-jährigen Kemnater war die Kirche zeit seines Lebens Heimat. „Das war immer mein Gedankengerüst“, erzählt Niedworok. Schon als Kind – er stammt aus Oberschlesien und kam mit 20 Jahren als Spätaussiedler nach Deutschland – habe er aus der kirchlichen Gemeinschaft und dem Glauben viel Kraft geschöpft. Deswegen engagiert er sich sogar konfessionsübergreifend. In der evangelischen Kirchengemeinde Scharnhausen leitet Niedworok den Posaunenchor. Zudem gehört er einem Hauskreis an, in dem gemeinsam die Bibel gelesen wird.
Es sei unglaublich, was sich Verantwortungsträger in der katholische Kirche hätten zu Schulden kommen lassen, sagt Niedworok. Alle Fälle müssten lückenlos aufgeklärt werden. Was ihn neben dem Leid der Opfer ebenso schmerzt, sind vernichtende Pauschalurteile. Ja, die aktuelle Lage der katholischen Kirche sei katastrophal, räumt er ein. „Aber das ist doch keine Verbrecherorganisation.“ Wenn er solche Kommentare lese, stocke ihm der Atem. Die Kirche werde zu Unrecht demontiert.
Umso wichtiger ist für Klaus Alender, dass nach den lange vertuschen Missbrauchsskandalen endlich reiner Tisch gemacht werde. Wenn das geschehen sei, werde der Blick wieder frei für das Positive, wofür die Kirche stehe. Davon ist der Pfarrer aus Ostfildern überzeugt.
Auszüge aus dem Brief an Bischof Gebhard Fürst
Ursache im System
„Das Gesamtbild der katholischen Kirche macht uns fassungslos, unser Vertrauen in die Kirche ist zutiefst erschüttert, die Grenze des Unerträglichen ist erreicht. Wir erleben eine Kirche, die nicht bereit ist, in Anerkennung des Leids Verantwortung zu tragen und die Opfer von Missbrauch und Vertuschung zu unterstützen. Die Täter werden jahrelang geschützt, Aufklärung kommt, wenn überhaupt, nur von außen. Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die Abschottung und das Führungsversagen der katholischen Kirche ihre Ursache im System der Institution hat.“
Aufklärung gefordert
„Wenn es nicht zur Umkehr kommt, kann nicht erwartet werden, dass das Erleben der Kirche durch die Mitglieder der Gemeinde und ihres Umfelds vor Ort die kirchlichen Fehlleistungen ausgleicht. Wir erwarten von allen Bischöfen eine schonungslose Aufklärung aller Missbrauchsfälle und aller Vertuschungspraktiken unter Einbeziehung der Verantwortungsträger, denen persönliche Konsequenzen nicht fremd sein sollten.“