Missbrauch und Folgen Verfangen in sich selbst

Deutsche 1Bischofskonferenz – die Hirten erstmals digital versammelt. Die Distanz wird manchem ganz recht gewesen sein. Foto: dpa/Sascha Steinbach

Die katholische Kirche zerfällt von innen. Eine Trendwende, das zeigt sich nach der Vollversammlung ihrer Bischöfe, ist nicht in Sicht, meint Paul Kreiner.

München - Es steht nicht gut um einen Patienten, wenn die Nachlassverwalter bereits anrücken. Vor zehn Tagen, eingeladen von der Volkswagenstiftung, hat ein internationales Symposium darüber diskutiert, was mit Kirchengebäuden geschehen soll, die für ihren eigentlichen Zweck nicht mehr gebraucht werden. Deren Zahl nimmt ja genauso zu wie die Schar derjenigen, die ihrer Glaubensgemeinschaft den Rücken kehren. Da zerfällt, im umfassenden Sinne, gesellschaftlich prägendes Kulturgut.

 

Dabei ist es nicht einfach der Zahn der Zeit, nicht mehr nur jene früher von innen heraus so selbstgerecht angeprangerte Verweltlichung der Gesellschaft, die an den Strukturen nagt; nein, die Kirche erodiert von innen; es gehen die bisher Treuesten. Und was bleibt von Kirche übrig? Leere Hüllen, im übertragenen Sinn. Und rein materiell: hohles Bauwerk, für dessen Füllung die Gesellschaft – das wiederum ist ihre Misere – nichts Adäquates zu bieten hat. Es gibt nur Verlegenheitslösungen: Party-Location, Ausstellungs- oder Tennishalle, Urnenfriedhof.

Hinter den Erwartungen zurück

Den Studientag, den die katholischen Bischöfe nun der Frage nach den Ursachen für die extrem vielen Kirchenaustritte gewidmet haben, hätte es gar nicht gebraucht. Die Gründe liegen auf der Hand, Studien gibt es genug, und wenn schon das Reformprojekt des „Synodalen Wegs“ nach mehr als einem Jahr nicht so vorangekommen ist wie versprochen, dann reichen für ein Umsteuern auch die paar Stunden Meinungsaustausch bei einer Bischofs-Vollversammlung nicht.

Dort mischen sich in den Himmel erhobene Strukturfragen und allzu irdische Unzulänglichkeiten. Für eine Institution, die Glauben vermitteln will, ist der Verlust der Glaubwürdigkeit tödlich. Nichts anderes ist geschehen in den mehr als zehn Jahren, in denen die katholische Kirche mit der Aufklärung des sexuellen und des geistlichen Missbrauchs herumdruckst. Gewiss: einige Bistümer haben ihre Hausaufgaben gemacht und sich dem Schmerz der Betroffenen gestellt; zur Missbrauchs-Vorbeugung sind Filter in die Priesterausbildung eingebaut; die Entschädigungen sind deutlich aufgestockt worden, und es ist seit Jahresbeginn – jedenfalls dem Anspruch nach – endlich gesichert, dass sich keine Diözese aus Zahlungspflichten davonschleichen kann.

Heikle Fragen

Aber auch ein Jahr nach der Selbstverpflichtung zu unabhängiger, transparenter Aufklärung, vereinbart mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Sexuellen Kindesmissbrauch, haben nicht alle Diözesen die zugesagten Kommissionen eingerichtet. Der skandalöse Murks von Kardinal Rainer Maria Woelki in Köln liegt über allem. Und zu einer Aufarbeitung, die mehr sein will als Befriedung, gehört mehr – etwa die Frage, die mancher Bischof lieber nicht beantwortet: „Wo warst du, als das alles geschah?“ Ferner geht es nicht ohne Veränderungen in der Leitungs- und der klerikalen Denkstruktur. Im Streit auf dem „Synodalen Weg“ zeigt sich: Das ist der härteste Brocken.

Eine „Alles-gut“-Aufarbeitung wird es nie geben. Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Glaubwürdigkeit und das Misstrauen, das man von außen und von innen dieser Kirche derzeit entgegenbringt, irgendwann wieder die Waage hielten. Frühestens dann kann die katholische Kirche auch gesellschaftlich wieder bedeutsam werden. Einstweilen bleibt sie in sich selbst verfangen, zunehmend polarisiert zwischen selbst ernannten Bewahrern der reinen Lehre auf der einen und immer ungeduldigeren Reformern beziehungsweise Reformerinnen auf der anderen Seite. Auch die Vollversammlung der deutschen Bischöfe in den letzten beiden Tagen hat keinen Knoten durchhauen. Sie konnte es nicht. Und so ist mit einer Trendwende nicht zu rechnen.

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