München - Zehneinhalb Jahre ist es her, dass in der katholischen Kirche Deutschlands die ersten klerikalen Missbrauchsskandale in großem Stil aufgeflogen sind. Seither wurden Kommissionen eingerichtet, Studien erstellt, Ansprechpartner für Opfer benannt, Entschädigungen gezahlt. Man wähnte sich selbst auf gutem Aufarbeitungsweg. Doch das, was nun im Bistum Limburg passiert ist, hat viele Kirchenleute kalt erwischt.
In Limburg hat Bischof Georg Bätzing – erst jetzt! – ganz offiziell den „Beginn von Ehrlichkeit“ ausgerufen. Daraus lässt sich schließen: Zehn Jahre Arbeit, kirchliche Selbstverteidigung und Eigenlob waren unehrlich. „Es ist nicht beendet, wir fangen jetzt an“, sagte Bätzing, als er eine 440-seitige Dokumentation vorstellte, an der 70 Experten neun Monate gearbeitet haben. Sie untersucht alle Missbrauchsfälle im Bistum Limburg seit 1945. Mehr noch: Anders als bisherige Studien geht sie auch der Abwiegelung von Opfern, der Vertuschung durch klerikale Kumpanei in der Diözesanleitung und der Bereinigung von Personalakten nach. Nach aktuellem Polit-Sprech wäre sie ein „Wumms“ in der Aufarbeitungsgeschichte.
Studienseminar gerät in die Schlagzeilen
Bätzing ist seit März Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Viel Macht hat er in diesem Amt nicht, aber durch die Symbolik seines Auftritts – für den er auch noch die Frankfurter Paulskirche wählte! – hat er seinen Amtsbrüdern zu verstehen gegeben, dass er einen Standard setzen wollte. Eine von Missbrauch betroffene Frau rief ins Plenum: „Hört auf zu glauben, dass das, worüber wir hier heute reden, in der Vergangenheit liegt.“ Dass Missbrauch weiter passiert und Kirchenleute aus ihrem Wissen nur zugeben, was der öffentliche Druck gerade erfordert, zeigt sich soeben wieder in München. Dort sind ein früheres kirchliches Heim für „Schwererziehbare“ und das Bischöfliche Studienseminar Traunstein in die Schlagzeilen geraten. Seit vier Jahren, gestand ein Diözesansprecher in der „Süddeutschen Zeitung“ ein, habe man Kenntnis von den Vorwürfen körperlicher Gewalt gegen den inzwischen gestorbenen Studienheim-Leiter Engelbert Siebler, der später Weihbischof wurde. Nachgegangen ist man den Anschuldigungen offenbar nicht. Die erste Gesamtstudie für München, die Kardinal Reinhard Marx schon 2010 erstellen ließ, liegt in einer Schublade. Anfang des Jahres hat man eine neue Untersuchung angekündigt; irgendwann soll sie veröffentlicht werden.
Es gibt noch mehr zu tun. Anfang April, nach monatelangen Verhandlungen, hat sich die Bischofskonferenz mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, auf die Errichtung unabhängiger Kommissionen zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch geeinigt. Und vor allem: auf die Festlegung gemeinsamer Standards. In jeder einzelnen der 27 Diözesen müsste jetzt eine solche Kommission eingerichtet werden, aber manche Bischöfe scheinen es nicht eilig zu haben. Freiburg bemüht sich um eine Anerkennung existierender Strukturen; auch Rottenburg-Stuttgart verweist darauf, dass man in der seit 2002 bestehenden „interdisziplinären und mehrheitlich mit externen Mitgliedern besetzte“ Missbrauchs-Kommission schon jetzt das „Stimmrecht zugunsten der externen Mitglieder verändert“ habe. Man werde aber Ende Juli eine Kommission nach den neuen Regeln beschließen.
Beim Thema Entschädigung hat jetzt der frisch geweihte Augsburger Bischof Bertram Meier die Geduld mit seinen Amtsbrüdern verloren: „Ich wollte die betroffenen Personen nicht länger vertrösten“, sagte er vor zwei Wochen, als er die diözesanen „Anerkennungs“-Summen von bisher durchschnittlich 5000 Euro auf bis zu 75 000 Euro pro Betroffenem erhöhte. Eine von der Bischofskonferenz beauftragte Expertenrunde hatte vergangenes Jahr bis zu 400 000 Euro gefordert. Das war den Bischöfen zu viel; sie vereinbarten im März, sich an den bei deutschen Gerichten üblichen Schmerzensgeld-Summen zu orientieren und „an deren oberem Rand“ zu bleiben. Das wären bis zu 50 000 Euro pro Betroffenem. Die Regelung greift aber noch nicht, weil die Festlegung der „Details“ auf Herbst vertagt worden ist.
Außerdem soll erstmals sichergestellt werden, dass die Bistümer verbindlich zahlen. Bisher handelte es sich, auch bei der Höhe des Schmerzensgeldes, lediglich um „Empfehlungen“ einer Zentralstelle, die häufig nur teilweise oder gar nicht befolgt wurden. Unter anderem deshalb weiß auch die Bischofskonferenz nicht genau, wie viel Geld wirklich geflossen ist. Im Frühjahr war von 10,3 Millionen Euro an 2200 Opfer die Rede. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart kündigt an, sich „am einheitlichen System“ der Bischofskonferenz zu beteiligen, sobald dieses etabliert sei; Freiburg hat seine Sätze bereits auf 50 000 Euro erhöht.
Bischof Bätzing nennt Namen
In Limburg hat „Wumms“-Bischof Bätzing in der Aufarbeitung des Missbrauchs nun Maßnahmen angekündigt, „die weh tun und Diskussionen auslösen“. Eine der schmerzlichsten hat er bereits vorgenommen, eine, vor der sein Kölner Amtskollege im Frühjahr zurückgezuckt ist. In praktisch letzter Minute sagte Kardinal Rainer Maria Woelki die Bekanntgabe einer Missbrauchsstudie aus seiner Erzdiözese ab. Woelki hatte Namen nennen wollen – von Beschuldigten und wohl auch von Vertuschern. Das haben ihm seine Leute und erschrockene Amtsbrüder ausgeredet.
Woelki verspricht zwar, die Studie zu publizieren – aber es passiert nichts. Bätzing ist da einen Schritt weiter: Seine Studie nennt – als „relative Personen der Zeitgeschichte“ – leitende Kirchenmänner, denen man Vertuschung, Einschüchterung von Opfern und die „Konstruktion des Schweigepanzers“ zur Last legt. Die weiteren Namen sind in der Internet-Version der Studie zwar geschwärzt. Wer sie aber wissen will, kann alles in Limburg persönlich einsehen.