Missbrauchsskandal Betroffene fordern mehr Informationen

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Die Aufarbeitung des Missbrauchs in Kinderheimen brauche Dialog, sagt Mechthild Wolff. Die Koordinatorin dieses Prozesses wirbt nimmermüde für das direkte Gespräch – das zuletzt ins Stocken geraten ist.

Während der  Sommerpause  hat es kein Treffen zwischen   ehemaligen Heimkindern und Vertretern der Brüdergemeinde gegeben. Das Gespräch geriet ins Stocken. Foto: dpa
Während der Sommerpause hat es kein Treffen zwischen ehemaligen Heimkindern und Vertretern der Brüdergemeinde gegeben. Das Gespräch geriet ins Stocken. Foto: dpa

Korntal-Münchingen - Die Betroffenen sprechen von Krisengespräch. Mechthild Wolff nennt es ein Steuerungsgruppentreffen, so wie es in den vergangenen Monaten einige gab. Tatsache ist, dass sich am Samstag die Steuerungsgruppe außerplanmäßig trifft – jenes aus Vertretern der Brüdergemeinde und ehemaligen Heimkindern besetzte Gremium, das die Aufarbeitung von Missbräuchen in Korntaler Kinderheimen lenkt. „Die Interessengruppe Heimopfer hat darum gebeten“, sagt die Koordinatorin.

Die Interessengemeinschaft (IG) hatte die Initiative dazu ergriffen, auch, weil Detlev Zander vor wenigen Wochen der Kragen geplatzt war. Er ist eines der Opfer und hat die Fälle von seelischer und körperlicher Gewalt in Korntaler Kinderheimen öffentlich gemacht, die es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab. In einem Interview mit dieser Zeitung warf er den Verantwortlichen der Brüdergemeinde Intransparenz sowie mangelnde Wertschätzung innerhalb der Steuerungsgruppe vor. Klaus Andersen, der Vorsteher der Brüdergemeinde, äußert sich dazu öffentlich nicht: „Das klären wir in der Steuerungsgruppe.“ Die Prozesskoordinatorin, die Landshuter Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff, stützt das dieses Vorgehen. „Kritik gehört in die Steuerungsgruppe, dort muss sie besprochen werden.“ Zander hatte der Brüdergemeinde vorgeworfen, ihre Gremien besser zu informieren als die ehemaligen Heimkinder in der Steuerungsgruppe. Die evangelische Brüdergemeinde finanziert die Aufarbeitung.

Den Vorwurf mangelnder Information und Intransparenz muss sich zwischenzeitlich allerdings auch Zander selbst gefallen lassen – von anderen Betroffenen. „Man erfährt nichts“, sagt etwa Hans-Jürgen Wollschläger. Zander lässt dies nicht gelten, gerät ob der Vorwürfe aber unter Seinesgleichen zunehmend unter Druck. Einige fordern gar seinen Rückzug aus der Steuerungsgruppe. Gleichwohl rufen selbst Leute wie Wollschläger inzwischen dazu auf, die Betroffenen müssten zusammenstehen. Die im Raum stehenden Vorwürfe jedweder Art offenbaren die Notwendigkeit des kontinuierlichen Dialogs bei der Aufarbeitung. „Die Sommerpause war lang“, sagt Martina Poferl, wie Zander Mitglied der Steuerungsgruppe. „Wir lernen, wie Kommunikation gegenüber allen Anspruchsgruppen gut gelingen kann“, sagt auch Andersen. Das von allen verfolgte Ziel formuliert Wolff: „Die Steuerungsgruppe muss arbeitsfähig bleiben.“ Dass dies gelingen wird, daran lassen die Beteiligten keinen Zweifel.

Dabei befindet sich nicht nur die Brüdergemeinde im Lernprozess. Poferl pflichtet Zander in seiner Kritik zwar bei. Aber sie gesteht, dass ehemalige Heimkinder schnell misstrauisch würden, wenn sie das Gefühl hätten, ihnen würden Informationen vorenthalten. „Wir sind da sehr sensibel“, sagt sie. Der Grund sei die Erfahrung im Kinderheim. „Ich wusste jahrelang nicht, das ich elf Geschwister habe, mir waren nur zwei bekannt.“ Erst als sie im Teenageralter ihre Eltern kennenlernen wollte, habe sie davon erfahren, nennt sie ein Beispiel. Das prägte. „Ich glaube gar nicht, dass der Brüdergemeinde dies bewusst ist“, sagt sie etwa über die wahrgenommene Intransparenz. „Deshalb muss man darüber reden.“

Auch sie lässt den Vorwurf anderer Heimkinder nicht gelten, zu wenig aus der Steuerungsgruppe zu berichten. Dafür gebe es ja anschließend die Opfertreffen, sagt sie. Diese fänden nicht ohne Grund in Anwesenheit der Steuerungsgruppe statt. „Dort haben die Leute die Möglichkeit, nachzufragen.“ Mehr – wie von Kritikern gefordert – könnten sie zeitlich gar nicht leisten. Dass es vor der Sommerpause kein Opfertreffen gegeben habe, sei der Tatsache geschuldet, dass es nichts zu berichten gegeben habe, weil nichts spruchreif gewesen sei. Im Hintergrund liefen zuletzt Verhandlungen mit Fachleuten für die wissenschaftliche Aufarbeitung.

In dieser Situation sind die Beteiligten sichtlich bemüht, die Aufarbeitung voranzubringen. Ende Oktober ist ein weiteres Treffen der Steuerungsgruppe geplant. Im Anschluss sollen die Betroffenen erstmals die Wissenschaftler treffen, die die Korntaler Heimerziehung aufarbeiten.