Missbrauchsskandal Betroffene werden erneut zu Opfern

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Die Brüdergemeinde und die Wissenschaftler machen die ehemaligen Heimkinder wieder zu Opfern. Ihr Verhalten sei zu kritisieren, meint Franziska Kleiner.

Heimkinder in Korntal  sollen seit den 1950er Jahren  missbraucht worden sein. Foto: dpa
Heimkinder in Korntal sollen seit den 1950er Jahren missbraucht worden sein. Foto: dpa

Korntal-Münchingen - Zwei Fehler sind in den vergangenen Monaten gemacht worden. Offenbar hat die Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff als Leiterin der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde erstens zu lange darauf vertraut, die Betroffenen außerhalb der Steuerungsgruppe sich selbst überlassen zu können. Dieses Gremium war aber an seine Grenzen gestoßen: Zu umfassend war das Projekt geworden.

Zweitens hat Wolff eine zu große Nähe sowohl zu den Betroffenen als auch zu den Pietisten zugelassen. Das gute Verhältnis zu beiden Seiten führte nun aber zum endgültigen Aus, nachdem die Betroffenen nicht mehr mit Mechthild Wolff kooperieren wollten. Denn daraufhin schlugen sich die Pietisten auf die Seite Wolffs und schieben nun den Opfern den Schwarzen Peter zu. Die ehemaligen Heimkinder haben zur Eskalation beigetragen. Aber das entschuldigt das Verhalten der Brüdergemeinde nicht. Wenn sie nun zunächst ohne Betroffene aufarbeiten will, ist das feige: Einer Konfrontation mit den Opfern geht sie zunächst aus dem Weg und bestimmt den Zeitpunkt der Auseinandersetzung.

Denn die Opfer haben weder Macht noch Einfluss, an diesem Verfahren etwas zu ändern. Schließlich hatte sich auch das Team um Mechthild Wolff zurückgezogen: Den Wissenschaftlern geht es offenbar nicht mehr um Aufklärung, ihnen geht es ums Prestige, das man angesichts der noch jungen Forschung bei solchen Projekten offenbar erwerben kann. Opfer spielen keine Rolle mehr. Dieses Verhalten ist nicht nur feige. Es ist unredlich.