InterviewMissbrauchsskandal in der Brüdergemeinde Korntal „Eine Zerreißprobe für die Gemeinde“

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Lange haben sich die Pietisten zurückgehalten. Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, äußerst sich nun erstmals ausführlich zu den Missbrauchsvorwürfen in den Heimen der evangelischen Institution, die seit dem Jahr 2014 von ehemaligen Zöglingen erhoben werden.

Klaus Andersen sieht die Gemeinde intensiv beteiligt. Foto: factum/Weise
Klaus Andersen sieht die Gemeinde intensiv beteiligt. Foto: factum/Weise

Korntal-Münchingen - Die Aufklärung des Missbrauchsskandals läuft. Die evangelische Brüdergemeinde ist zufrieden, obwohl Detlev Zander, der die Missbrauchsvorfälle publik gemacht hatte, und andere Betroffene nicht beteiligt sind.

Hätten Sie sich im Aufarbeitungsprozess ein klares Wort der Landeskirche gewünscht?
Der Landesbischof Frank Otfried July hat Ende 2014 die Erwartung formuliert, dass wir aufarbeiten. Mehr braucht es von einem Landesbischof nicht.
Er betonte aber den Sonderstatus der Gemeinde. Fühlen Sie sich nicht alleingelassen?
Nein, der Landesbischof hat uns gegenüber keine originäre Verantwortung. Dennoch: wenn er in der Verbundenheit der gemeinsamen evangelischen Kirchenarbeit als Landesbischof die Erwartung formuliert, dass vorbehaltlos aufgearbeitet wird, ist das gut so. Umgekehrt entnehme ich dem aber auch, dass er sagt ‚Übernehmt Ihr die Verantwortung.’ Er hat mit Sicherheit erkannt, dass wir die Verantwortung auch übernommen haben und dazu stehen.

Korntal – ein Einzelfall?

Der Landeskirche gelingt es mit dieser Haltung, Korntal als Einzelfall darzustellen.
Ob wir als Brüdergemeinde Korntal deutschlandweit zu den zehn Aufarbeitungsprozessen gehören, die intensiv dran sind, hat zunächst nichts mit dem Landesbischof zu tun. Wir sind verantwortlich für unser Diakonisches Werk. Deshalb klären wir unsere Missbrauchsvorwürfe auf.
Es gibt mehr Bezugspunkte zwischen der Brüdergemeinde und der Landeskirche, als dass die Diakonie der Gemeinde dem Diakonischen Werk Württemberg angehört.
Wir sind als Brüdergemeinde eine freie evangelische Gemeinde . . .
. . . aber Sie sind eine evangelische Gemeinde und alles, was passiert ist, ist im Namen des Protestantismus passiert.
Wenn Sie das nur dem Protestantismus zuordnen . . .
. . . nicht nur, aber deshalb müssen sich andere Protestanten auch angesprochen fühlen.
Deshalb finde ich es wichtig, dass sich der Landesbischof geäußert hat mit der Erwartung, dass wir eine Aufklärung machen.
Weitere Konsequenzen hat er nicht gezogen.
Er kann keine weiteren Konsequenzen ziehen, weil er als Landesbischof nicht Vorgesetzter der Brüdergemeinde ist. Die vertragliche Verbindung stammt noch aus dem Privileg des Königs Wilhelm I. von Württemberg.
Sie ziehen sich auf die vertragliche Konstruktion zurück. Aber im Zentrum stehen Vorwürfe, die mit religiöser Gewalt zu tun haben. Insofern kann sich die Landeskirche nicht einfach zurückziehen.
Was die Landeskirche und ihr Diakonisches Werk im Bereich Aufarbeitung zu tun haben, ist die Verantwortung des Landesbischofs.
Bleiben wir in Korntal. Wie viele Gespräche mit Betroffenen sind geführt?
Wir sind nicht detailliert informiert, es wird unabhängig aufgearbeitet. Nach den letzten Informationen waren es mehr als 40.
Wie viele sind geplant?
Derzeit sind circa 80 Gespräche geplant.
Gibt es Hinweise auf organisierte Gewalt?
Ich habe die Erwartung, dass dies über die Aufklärung rauskommt. Das müssen wir als Einrichtung genauso abwarten wie die Öffentlichkeit.
Im TV-Politmagazin Report Mainz hatten Sie sich aber doch recht deutlich geäußert.
Der Bericht von Report Mainz ist ein deutliches Indiz dafür, wie unabhängig aufgearbeitet wird. Ich sprach von Einzelfällen, Herr Hafeneger davon, dass es nicht nur Einzelfälle seien. Daran wird deutlich, dass wir nicht vor allen anderen Detailinformationen haben als die Auftraggebergruppe.

Wie weit ist die Brüdergemeinde informiert?

Sie sitzen in der Auftraggebergruppe. Also ist die Brüdergemeinde ja doch informiert.
Sehr abstrakt. Im Rahmen von: Wo stehen wir, wie viele Gespräche gab es.
Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf?
Was das letzte halbe Jahr an Fortschritten gezeigt hat, bin ich sehr dankbar, dass so viel gelungen ist.
2018 soll das Projekt abgeschlossen sein. Das ist ein ambitionierter Zeitplan.
Wir haben die Chance, dass 2018 ein dokumentierter Abschluss vorliegt. Aber das ist keine Vorgabe. Uns ist viel wichtiger, dass wir möglichst alle Beteiligten und Anspruchsgruppen mitnehmen, sodass der Abschluss angenommen werden kann.
Wie könnte der Abschluss aussehen?
Wir haben gelernt, dass es darauf ankommt, dass eine Entschuldigung konkret ist, mit dem Wissen, was passiert ist.
Daneben gibt es ausschließlich einen finanziellen Abschluss?
Eine freiwillige Anerkennungsleistung ist das eine, wir haben verstanden, dass mit Geld nicht zu bezahlen sein wird, was die Betroffenen an Leid erfahren haben.

Geprüft wird, was erzählt wird

Sie betonen stets, in der Aufarbeitung komme alles auf den Tisch. Es kann nur auf den Tisch kommen, was erzählt wird. Ist es daher richtig, Detlev Zander nicht zu beteiligen?
Wir haben erlebt, wie sich die Moderatoren in einem direkten Kontakt zu Zander um ihn bemüht haben. Trotz alledem war Herr Zander der Meinung, dass er so nicht mitarbeiten kann und will. Wir wissen nicht, wie viele Betroffene sich zudem außerhalb der Gruppe von Herrn Zander nicht beteiligen. Ich kann es durchaus verstehen, wenn Betroffene sagen, sie retraumatisiere dies.
In der Auftraggebergruppe sitzen Kritiker von Zander und der Brüdergemeinde. Von ihnen hört man nichts mehr. Ist es das, was die Gemeinde wollte, ihre Kritiker einzubinden?
Wir wollen, bei aller unterschiedlichen Positionierung und Sichtweise auf den Aufarbeitungsprozess, erreichen, dass Menschen zu Wort kommen. Mit den unterschiedlichen Gruppen gemeinsam zum Ergebnis zu kommen, das ist unser Ziel.
Nun bestimmen jene den Prozess, die nicht maßgeblich betroffen sind.
Das sehe ich anders. Es war Konsens in der Auftraggebergruppe, dass die Betroffenen-gruppen Unterstützer mitbringen können. Wir haben Betroffene in der Auftraggebergruppe – da möchte ich keine Wertung abgeben, es sind Betroffene und ehemalige Heimkinder –, die nichts anderes im Blick haben, als dass der Aufarbeitungsprozess nach vorne kommt.
Sie sprechen die Gefahr der Retraumatisierung an. Wer bei der Aufarbeitungskommission in Berlin aussagt, bekommt bei Bedarf sofort psychologische Hilfe.
Wir bieten das genauso an, vorbehaltlos, wenn die Situation dies erfordert.
Sie gehen davon aus, dass es nicht in jedem Fall erforderlich ist. Vor Gericht ist bei einer Befragung, die das Intimleben berührt, eine Betreuung vorgesehen. Auch hier ist es eine richterliche Befragung, der sich die Betroffenen aussetzen müssen.
Das müssen sie nicht, die Befragung beruht auf Freiwilligkeit. Es ist keine richterliche Befragung und auch keine Vorladung.
Aber man kann nur zu diesen, von der Gemeinde bestimmten Bedingungen zusagen.
Ich kann nur sagen, dass ermöglicht wird, was gewollt ist. Der Aufarbeitungsprozess soll jenen, die zu Wort kommen wollen, eine Stimme geben. Wir können nur alles tun, diese Freiwilligkeit zu unterstützen.
Sie betonen, alles, was Betroffene erzählen, würde untersucht. Was aber geschieht mit Vorwürfen, die im Raum stehen, aber nicht durch Betroffene transportiert werden?
Können Sie das konkretisieren?
Jakob Munz soll Mittäter sein, sein Erbe ermöglichte den Bau des Gemeindezentrums.
Ich habe das Vertrauen in die Aufklärerin, dass auch dies im Abschlussbericht steht. Und wenn Herr Hafeneger zu dem Ergebnis kommt, werden wir dies ebenfalls über den Bericht erfahren. Das gilt auch für Pfarrer Grünzweig. Wir verlassen uns darauf, dass sich die Betroffenen zu Wort melden. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, werden wir uns als Brüdergemeindewerk überlegen müssen, wie wir damit umgehen.
Sie nehmen also nur auf, was Betroffene erzählen. Wie wollen Sie aber einen Abschluss erreichen, wenn die Vorwürfe in der öffentlichen Meinung vorhanden bleiben und nie dazu Stellung genommen wird? Geben Sie Informationen weiter, von denen Sie erfahren?
Wenn es mir zugetragen würde, geben wir das an die Aufklärer weiter.
Geben Sie weiter, was wir Ihnen sagen?
Wenn Sie mir sagen, das von Betroffenen gehört zu haben, und mir ist es als weltlicher Vorsteher und Vorsitzender der Aufarbeitungskommission und Mitglied der Auftraggebergruppe Hinweis genug, es weiterzugeben, gebe ich es weiter. Und ich sage Ihnen: Mir ist das Hinweis genug.
Wie wird in der Gemeinde darüber geredet?
In einer ersten Phase ist es für manche unvorstellbar, weil Informationen fehlen. In der zweiten Phase geht es darum, wie wir mit Informationen umgehen. Wir haben viele persönliche Gespräche geführt. Insofern ist die Gemeinde intensiv beteiligt.
Manche bleiben in der ersten Phase stecken.
Sie müssen sich vorstellen, wenn das in ihrer eigenen Familie passierte; wie unvorstellbar das wäre, weil man Personen über Jahre gekannt und erlebt hat.
Wird die Aufarbeitung im Gottesdienst thematisiert?
Ja und es gibt Gebetskreise für eine gute Aufarbeitung, für die Betroffenen, und dass wir weiter mutig das Ziel der Aufarbeitung verfolgen. Wir haben eine Vortragsreihe. Wir machen Informationsveranstaltungen nach dem Gottesdienst, an denen 150 Menschen und mehr teilnehmen. Es hat viele Gemeindeglieder betroffen gemacht.
Werden Sie selbst denn angefeindet?
Ich bin nicht allein, wir haben Gremien, die dahinter stehen. Aber Anfeindungen kann ich so nicht bestätigen.

Eine schwierige Situation für die Gemeinde

Spaltet das Thema die Gemeinde?
Nein. Dass es eine Zerreißprobe ist für eine Gemeinde, ist nachvollziehbar. Unabhängig davon erleben wir, dass wir als Gemeinde zusammenstehen.
2019 besteht die Gemeinde 200 Jahre. Feiern Sie wie geplant?
Wir feiern, wie wir es jetzt planen. Wir werden feiern - nicht uns als Gemeinde. Aber für das, was wir über die 200 Jahre in der Gemeinde und im Brüdergemeindewerk erfahren haben, sind wir Gott von Herzen dankbar. Deshalb feiern wir als evangelische Christen, was Gott uns geschenkt hat.
Und wenn die Aufarbeitung nicht abgeschlossen ist, feiern Sie dennoch?
Wir feiern im geplanten Maße. Dieser Aufarbeitungsprozess dient dazu, demütig zu lernen, dass Menschen Fehler machen und dazu zu stehen. Deshalb passt es in ein Jubiläumsjahr rein. Wir stehen dazu, auch das ist ein Teil unserer Geschichte.
Für was steht die Brüdergemeinde?
Wir stehen zu dem, was wir in der Bibel lesen, was Kirche und Gemeinde ausmacht. Es wird innen erlebt, was draußen draufsteht. Wir stehen dazu, dass wir mit unseren diakonischen Einrichtungen sehr breit aufgestellt sind in der Unterstützung von Menschen. Insofern haben wir als evangelische Brüdergemeinde einen Auftrag nicht nur als Kirche, sondern auch, in die Gesellschaft hineinzuwirken und Menschen einzuladen, an Jesus Christus zu glauben.
Schaffen sie mit diesen Inhalten nochmals 200 Jahre?
Da bin ich als Christ sehr gelassen. Das überlassen wir Gott.

Die Brüdergemeinde ist mit massiven Vorwürfen konfrontiert

Gemeinde
Die pietistische Brüdergemeinde hat 1500 Gemeindeglieder. Die freie evangelische Gemeinde hat mit Pfarrer Jochen Hägele einen geistlichen und dem Banker Klaus Andersen einen weltlichen Vorsteher. Der 59-Jährige hat das Amt seit 2011 inne.

Missbrauchsskandal
Das ehemalige Heimkind Detlev Zander machte im Mai 2014 die Fälle von Gewalt in den Heimen der Brüdergemeinde publik. Er sprach von sexuellem Missbrauch. In der Folge meldeten sich weitere Opfer mit weiteren Vorwürfen.

Aufarbeitung
Zwei Anläufe, das Geschehen in den Einrichtungen zwischen 1950 und 1970 aufzuarbeiten, scheiterten. Seit März dieses Jahres ist ein Aufklärer-Duo tätig, die Juristin Brigitte Baums-Stammberger und der Jugendforscher Benno Hafeneger.




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