Missbrauchsskandal in Korntal-Münchingen Eine Frage des Glaubens

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In der Aufarbeitung des Missbrauchs mit der Juristin Brigitte Baums-Stammberger und dem Jugendforscher Benno Hafeneger wollen Kritiker nicht wahrhaben, was Betroffene schildern. Auch wenn Beweise fehlen – sie sind nicht alles.

Der Saalplatz  mit dem Großen Saal, dem Gotteshaus der Brüdergemeinde ist das historische Zentrums des von  den Pietisten gegründeten Korntal. Foto: factum/Granville
Der Saalplatz mit dem Großen Saal, dem Gotteshaus der Brüdergemeinde ist das historische Zentrums des von den Pietisten gegründeten Korntal. Foto: factum/Granville

Korntal-Münchingen - Der Marburger Wissenschaftler Benno Hafeneger hat am Montag auf Einladung der evangelischen Brüdergemeinde in Korntal über die Heimerziehung in Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren gesprochen. Hafeneger arbeitet den Missbrauchsskandal in den Einrichtungen der Brüdergemeinde auf. Er stellte zwar dar, dass auch die Einrichtungen der Brüdergemeinde ein Kind ihrer Zeit waren. Das rechtfertige aber nicht unrechtmäßiges Verhalten einer Institution gegenüber den ihr anvertrauten Kindern.

Um was geht es?

Seit 2014 berichten ehemalige Heimkinder von ihren Erlebnissen. Detlev Zander war der erste, der damit an die Öffentlichkeit ging. Er sprach von Demütigungen, Feldarbeit, sexuellem Missbrauch. Auf die Veröffentlichung hin berichteten weitere Betroffene. Mit den Schilderungen erweiterte sich der Kreis der Täter, ob Hausmeister, Erzieher, Landwirtschaftsmeister, auch der Pfarrer soll übergriffig geworden sein. Die Kinder wurden nicht nur in den Einrichtungen der Gemeinde Opfer von Gewalt, sondern auch im Ort und darüber hinaus. Wie viele betroffen sind, ist unklar.

Was lässt sich wie belegen?

Der Marburger Wissenschaftler Benno Hafeneger sichtet die Unterlagen aus den Archiven der Brüdergemeinde und der Jugendämter. Bewiesen sind laut Hafeneger sexualisierte Gewalt, auch körperliche Gewalt, Strafe, Prügel, Züchtigung. Es gab zudem viele Formen von seelischer und beschämender Gewalt, Erniedrigung, Beschimpfungsorgien. Die Akten zeugen auch von Vertuschung: Mehrere Verantwortliche hätten von den Missbrauchsfällen gewusst, diese seien aber nachweislich vertuscht worden. In der Regel sei dies nicht zur Anzeige gekommen, sondern es wurde versucht zu bagatellisieren. „Es war ein System gewesen, weil es eben keine Einzelfälle sind“, sagte Hafeneger in einem Bericht des ARD-Magazins „Report Mainz“. Die Akten der einzelnen Heimkinder enthalten zudem persönliche Dokumente, etwa Briefe der Angehörigen, die den Kindern nie ausgehändigt wurden.

Warum glaubt man den Betroffenen?

„Es bedeutet für Betroffene eine große seelische Anstrengung, über den erlittenen Missbrauch zu sprechen. Wer den eindrücklichen und schmerzlichen Berichten von Betroffenen einmal persönlich zugehört hat, wird dies so schnell nicht mehr vergessen“, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. „Die Schilderungen der Betroffenen, wie ohnmächtig und alleine sie waren, wie viele Menschen, denen sie vertraut haben, ihnen nicht geholfen haben, sind nur schwer auszuhalten. Fast alle berichten, dass ihnen als Kinder nicht geglaubt und der Missbrauch vertuscht wurde.“

Entscheide sich eine Institution zur Aufarbeitung, übernehme sie Verantwortung für die unterlassene Hilfe und ihr Wegschauen. Aufarbeitung sei deshalb nach Jahren des Verschweigens und Vertuschens ein so wichtiges Signal an Betroffene, dass ihnen geglaubt wird – jenseits von Gerichtssälen und Glaubhaftigkeitsgutachten, so Rörig. Die Erlebnisse der Betroffenen ähnelten sich. „Warum sollten Betroffene sich dies ausdenken und die Last auf sich nehmen, über den Missbrauch zu sprechen, der mit so viel Scham besetzt ist und ihnen oft weiteres Leid in der Gegenwart bereitet? Bei Aufarbeitung geht es gerade nicht um den Nachweis einer lückenlosen Beweiskette, sondern um Plausibilität und Anerkennung..“ Betroffene im Rahmen von Aufarbeitung anzuhören und dann das Erlebte in Frage zu stellen, führe Aufarbeitung im Kern ad absurdum. „Eine solche Aufarbeitung ist keine Anerkennung des Leids, sondern eine Aberkennung.“

Einer der wichtigsten Grundsätze der Arbeit sei neben dem Zuhören das Glauben, sagt auch die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Sabine Andresen. „Sexueller Kindesmissbrauch konnte geschehen und kann weiterhin geschehen, weil Kindern nicht geglaubt wurde und geglaubt wird.“

Welche Kritik gibt es an Aufarbeitungsprozessen, auch in Korntal?

Einige ehemalige Korntaler Heimkinder bemängeln, dass für die Opfergespräche mit der Juristin Brigitte Baums-Stammberger nur eine Vertrauensperson, nicht aber auch ein Mann zur Verfügung steht.

„Es ist ein fatales Signal in die Gesellschaft, Betroffenen keinen Glauben zu schenken.“ Darin spiegelten sich Verhaltensweisen wie vor 2010 wieder – bevor die vielen Missbrauchsfälle in Einrichtungen wie Kloster Ettal, Canisiuskolleg oder der Odenwaldschule – bekannt wurden. „Bis dahin wurde viel zu oft weggeschaut, vertuscht, bagatellisiert und unter die Decke gekehrt im Sinne von: es ist nicht, was nicht sein darf“, sagt Rörig. Verharmlosen und Verteidigen seien keine Grundsätze, die Aufarbeitung weiterbrächten. „Es muss Schluss sein mit dem Institutionen- und Täterschutz. Betroffene dürfen nicht zu Bittstellern werden. Aufarbeitung ist ein Qualitätsprozess einer Institution, sie wird ihr aber dann als Makel anhaften, wenn sie nicht unabhängig und transparent durchgeführt wird – und nicht das Vertrauen der Betroffenen genießt. Man kann nicht einerseits Aufarbeitung anschieben, sie aber gleichzeitig verhindern wollen. Entsteht ein solcher Eindruck, ist dies fatal.“




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