Missbrauchsskandal in Rottenburg Das Schweigen der Lämmer

Von Michael Ohnewald 


Vor 15 Jahren hatte sich der Unternehmer das erste Mal wegen des Missbrauchs an die Diözese gewandt. "Damals bin ich gnadenlos abgewimmelt worden", sagt er. Das Täterschutzsystem funktionierte. Der Bischof hieß Walter Kasper, heute Kardinal, Mitglied der römischen Kurie und Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Er rief das Opfer nicht einmal zurück.

Es ist eine lange Zeit zwischen 1981 und 2010. In den dreißig Jahren dazwischen hat es so manchen Verdachtsmoment gegen die Geistlichen gegeben. Nur Opfer gab es lange nicht, solche, die zu einer Aussage bereit waren. Die Kirchenfunktionäre reagierten eher hilflos. Sie gaben psychologische Gutachten in Auftrag und ermahnten die Sünder in Briefen. Dabei gab es mehr als nur Gerüchte. Über Rudolf K. hatten über Jahrzehnte immer wieder Zeugen ausgesagt, dass Kinder bei ihm übernachteten. Walter E. hatte seiner Kirche selbst gestanden, Ende der achtziger Jahre längere Zeit "sexuellen Verkehr" mit einem Halbwüchsigen gehabt zu haben. Trotzdem haben beide noch im Herbst 2009 jeweils eine neue Pfarrstelle bekommen. Warum?

In Munderkingen sind mehr als 73 Prozent der Leute katholisch


Die Spur einer Antwort gibt es hundert Kilometer von Sulz entfernt in Munderkingen, mit 5000 Einwohnern die kleinste Stadt im Alb-Donau-Kreis. Auf dem Dach des historischen Rathauses hat sich ein Storch sein Nest gebaut, zwei Etagen darunter sitzt Bürgermeister Michael Lohner und sagt: "Man will so etwas bei uns nicht wahrhaben." In der oberschwäbischen Stadt, seit jeher dem Heiligen Stuhl zugeneigt, sind mehr als 73 Prozent der Leute katholisch.

"Wenn mir jemand im Gemeinderat die Meinung sagt, dann nennt sich das Zivilcourage", erzählt Lohner. "Wenn jemand Kritik am Pfarrer übt, ist das hier Gotteslästerung." Über die Vergangenheit des suspendierten Priesters Rudolf K. sei in der Gemeinde nichts bekannt gewesen, auch nicht, dass er vom Bischof die Auflage hatte, sich von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten. "Die Leute haben ihn gemocht", sagt der Schultes. Er schätzt, dass achtzig Prozent der Katholiken in Munderkingen trotz der Vorwürfe zum Pfarrer stehen. "Sie hätten nichts dagegen, wenn er zurückkäme."

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