Missbrauchsskandal Korntal-Münchingen Wie konnten die Gräueltaten unbemerkt bleiben?
Julia Charakter hat einen Film über den Missbrauchsskandal bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal gemacht.
Julia Charakter hat einen Film über den Missbrauchsskandal bei der evangelischen Brüdergemeinde Korntal gemacht.
Vier Jahre hat die Filmemacherin Julia Charakter am Film „Die Kinder aus Korntal“ gearbeitet.
Frau Charakter, warum wollten Sie diesen Film machen?
Vor einigen Jahren habe ich das Thema Missbrauch im Heimkontext in dem dokumentarischen Kurzfilm „Unbarmherzig“ behandelt. „Die Kinder aus Korntal“ war für mich die logische Fortführung des Projekts, dieses Mal hat der Missbrauch im evangelischen Kontext stattgefunden. Diese Tatsache ist viel zu wenig im allgemeinen Bewusstsein der Gesellschaft verankert, denn hier gab es kein Zölibat, wie in der katholischen Kirche, trotzdem gibt es eine sehr hohe Anzahl von Betroffenen. Als wir das erste Mal vom Ausmaß erfahren haben, hat uns vor allem schockiert, dass wir noch nie etwas von Korntal gehört hatten. Wir haben uns gefragt, welche Mechanismen hinter den Gräueltaten stecken, wie konnten diese in einer Kleinstadt über Jahrzehnte unbemerkt bleiben? Und wie ist sie mit den Betroffenen umgegangen?
Wie wirkten die Protagonisten auf Sie?
Natürlich war die Überwindung bei einigen am Anfang recht groß, was bei dem Thema verständlich ist. Am Anfang war spürbar, wie sehr das Macht-Ohnmacht-Gefälle an ihnen genagt hatte. Jetzt hingegen sind Detlev Zander, Angelika Bandle und Martin Poferl sogar auf bundesweiter Ebene politisch tätig. Es ist beeindruckend zu sehen, was für einen langen Weg die Betroffenen zurückgelegt haben, und wir sind dankbar, dass wir sie dabei ein Stück begleiten durften. In den letzten drei Jahren sind viele über sich hinausgewachsen - ich denke, dass man das auch im Film gut erkennen kann. Es hat uns als Team sehr berührt zu sehen, wie selbstbewusst die Protagonisten auf der Premiere aufgetreten sind - der rote Teppich, der Applaus und die Anerkennung der Zuschauer, das haben sie sich auf jeden Fall verdient. Es wäre schön, wenn die eine oder der andere uns bei der Kinotour 2024 begleitet und weiter für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung steht. Das haben alle als großen Mehrwert empfunden.
Können Sie nachvollziehen, dass für sie die Aufarbeitung nicht beendet ist?
Das Gefühl der Ungerechtigkeit kann zum Katalysator werden – und das treibt viele Betroffene an. Das Gefühl ist auch eine Art Kompassnadel, die zeigt, dass der Aufarbeitungsprozess nicht abgeschlossen ist und Bedarf einer Nachbearbeitung besteht - nicht nur bei den Anerkennungsleistungen. Ich wünsche den Betroffenen, dass es zu einer deutlichen Erhöhung der Entschädigungszahlungen kommt und dass sie den Respekt bekommen, den sie verdienen.
Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?
Sehr zufrieden und dankbar. Die Resonanz war überwältigend. Wir freuen uns natürlich, wenn wir viele positive und zum Teil auch sehr persönliche Rückmeldungen bekommen. Auch einen Preis zu gewinnen mit einem Film ist keine Selbstverständlichkeit. Umso dankbarer sind wir, dass der Film nächstes Jahr in die Kinos kommt und so einem größeren Publikum eröffnet wird.
Was wünschen Sie den Protagonisten, stellvertretend für alle Betroffenen?
Wir wünschen ihnen die Kraft, Ausdauer und Unterstützung, die sie brauchen, um ihren Weg zu gehen. Und, dass sie wissen sollen, wie Detlev Zander es passend am Anfang des Films sagt: Betroffene haben eine Stimme, sie muss nur gehört werden.
Der Film
Der 90-minütige Dokumentarfilm „Die Kinder aus Korntal“ wurde beim Filmfestival mit dem Förderpreis der Defa-Stiftung ausgezeichnet. Er kommt 2024 in die Kinos und wird dann im ZDF gezeigt.
Die Filmemacherin
Julia Charakter, 1984 in der Ukraine geboren, lebt und arbeitet als Drehbuchautorin, Regisseurin und Dramaturgin in Köln.