Missbrauchsvorwürfe im Deutschen Schwimmverband Abgründe im Freiwasser

Gegen Lurz stehen schwere Vorwürfe im Raum. Foto: dpa/Daniel Naupold

Der mittlerweile zurückgetretene Bundestrainer Stefan Lurz soll jahrelang Athletinnen sexuell genötigt haben – doch das ist längst nicht alles.

Stuttgart - Das Entsetzen von Sarah Köhler ist so groß wie ihre Entschlossenheit, als sich die Weltmeisterin aus Magdeburg am Donnerstag auf der Homepage des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) zu Wort meldet. „Als Stimme der Aktiven“ will die 26 Jahre alte Langstreckenspezialistin aus gegebenem Anlass „all diejenigen ermutigen, die sich heute oder in der Vergangenheit Gewalt, Machtmissbrauch oder Grenzüberschreitungen ausgesetzt gefühlt haben, sich dagegen zu wehren“. Denn: „Schweigen schützt die Falschen“ – im aktuellen Fall war es der inzwischen zurückgetretene Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz.

 

Ein System aus Schweigen, Wegschauen und Verharmlosen hat dem olympischen Sport in Deutschland einen weiteren Skandal beschert – und den DSV fünf Monate vor den Sommerspielen in Tokio wieder einmal in schwerste Erklärungsnot gebracht. Über viele Jahre hinweg soll Stefan Lurz (43) minderjährige Athletinnen sexuell genötigt und teilweise auch missbraucht haben. Der Würzburger bestreitet die Vorwürfe, doch sind die Indizien erdrückend.

Nacktfotos an Athletinnen geschickt

Detailliert schildert der „Spiegel“ die Erlebnisse von namentlich nicht genannten Spitzenschwimmerinnen, die sich dem Nachrichtenmagazin anvertraut haben. Von sexuellen Übergriffen, massivem Mobbing sowie psychischer Gewalt und Manipulation ist die Rede, es gibt offenbar eine Vielzahl kompromittierender SMS und Nacktfotos, die Lurz seinen Athletinnen geschickt haben soll. Mit den Jahren sei der Trainer immer forscher und sorgloser vorgegangen – offensichtlich ermuntert davon, dass Konsequenzen ausblieben. Die Medaillen, die sein Team für den DSV gewann, schienen ungleich wichtiger als die lästigen Fragen, auf welche Weise die Erfolge am Würzburger Vorzeigestützpunkt zustande gekommen waren.

„Jeder wusste Bescheid – alle haben weggeschaut“

„In der Szene wusste jeder Bescheid, was da läuft – alle haben weggeschaut“, sagt ein ehemaliger DSV-Mitarbeiter, der vorübergehend eng mit der Nationalmannschaft zu tun hatte und nun von einem „Totalversagen des Verbands“ spricht. Der Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen wurde vom DSV inzwischen offenbar freigestellt – eine Bestätigung dieser Personalie ist allerdings auch nach zwei Tagen nicht zu bekommen. Er könne sich dazu nicht äußern, sagt der Pressesprecher des Verbands und verweist auf „ein schwebendes Verfahren“.

Hilferufe versandeten

Bereits 2010 war Stefan Lurz, Bruder und früherer Trainer des zwölfmaligen Weltmeisters Thomas Lurz (41), von einer damals 15-jährigen Schwimmerin der Vergewaltigung bezichtigt worden. Mehrmals wurde das Mädchen vernommen, es gab Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit – am Ende stellte die Staatsanwaltschaft nach Durchführung eines privaten Täter-Opfer-Ausgleichs das Ermittlungsverfahren ein. Dass es sexuelle Kontakte mit der Minderjährigen gab, hat Lurz, damals 33, nie bestritten – berufliche Konsequenzen hatte es für ihn nicht. Im Frühjahr 2019 folgte eine weitere Anzeige einer Schwimmerin, die Jahre vorher sexuell genötigt worden sein soll und die sich nun auch auf Berichte anderer betroffener Sportlerinnen stützte. Sie wandte sich laut „Spiegel“ auch an mehrere weitere offizielle Stellen im deutschen Sport, darunter befand sich nicht nur der DSV, sondern auch die Stiftung Deutsche Sporthilfe. Doch versandete auch dieser Hilferuf. Wieder wurden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft eingestellt, diesmal aus Gründen der Verjährung.

Sportliche Erfolge verschleiern den Skandal

Stefan Lurz blieb weiterhin Freiwasser-Bundestrainer – und reiste im Juli 2019 mit zu den Schwimm-Weltmeisterschaften nach Gwangju (Südkorea). Dort soll die sportliche Leitung des deutschen Nationalteams nach Informationen unserer Redaktion das offizielle Verbot ausgesprochen haben, über die immer lauter werdenden Vorwürfe gegenüber Lurz zu sprechen.

„Das Team hat uneingeschränkt das umgesetzt, was wir ihm zu Beginn der WM mit auf den Weg gegeben haben“, jubelte hinterher Sportdirektor Kurschilgen, nachdem es sieben Medaillen für den DSV gegeben hatte: „Mit Mut, Leidenschaft und Risiko in die Wettbewerbe zu gehen und über die Leistungsgrenzen zu gehen.“ Fünf dieser Medaillen, darunter zwei Weltmeistertitel, gingen auf das Konto der Freiwasserschwimmer, zu denen auch Sarah Köhler gehörte.

Sarah Köhler als Speerspitze der Aufklärung

Als Athletensprecherin des Deutschen Schwimm-Verbands will Sarah Köhler nun zur Speerspitze der Aufklärung gehören: „Jegliche Form von Gewalt und Missbrauch von Macht hat in keiner gesellschaftlichen Schicht, in keiner Position und auch sonst an keiner Stelle einen Platz in unserer Gesellschaft und in unserem Verband“, sagt die Magdeburgerin: „Wir fordern deshalb im Namen aller Aktiven eine vollumfängliche und unabhängige Aufklärung jeglicher Verdächtigungen seitens der Justiz und des DSV.“ Es dürfte einiges zu tun geben.

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