Es hat eine Weile gedauert. Am 20. Januar hatte der Deutsche Turner-Bund (DTB) mitgeteilt, wie der Verband gedenkt, die massiven Vorwürfe zahlreicher ehemaliger und aktueller Turnerinnen in Bezug auf ihre Trainingsbedingungen aufzuarbeiten. Am Freitag nun fand eine Abstimmung der vom DTB beauftragten Kanzlei Rettenmaier mit dem nationalen Turnverband, dem Schwäbischen Turnerbund (STB), dem Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) und dem Kultusministerium des Landes statt. Aufgearbeitet werden sollen vor allem die Geschehnisse am Kunstturnforum (KTF) in Stuttgart, das der STB betreibt. Aber auch die Zustände am Stützpunkt in Mannheim sind Thema.
„Drohungen, Bestrafungen und Demütigungen sowie die bewusste Missachtung ärztlicher Expertise haben im Sport nichts verloren“, sagte Daniel Hager-Mann im Anschluss an die Videoschalte. Der Ministerialdirektor im Kultusministerium ergänzte: „Die unverrückbare Prämisse der Landesförderung ist, dass internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht über der körperlichen und psychischen Unversehrtheit der Athletinnen und Athleten stehen darf.“
Die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper hatte am Donnerstag angekündigt, Fördergelder seien bereits „eingefroren“. Es geht dabei um die Landesmittel zur Förderung des Leistungssportpersonals, das über den Landessportverband an den jeweiligen Fachverband, hier also an den STB, weitergegeben wird. Die nun „eingefrorenen“ Gelder stehen in direktem Bezug zu den im aktuellen Fall belasteten Personen. Noch unklar ist, ob beziehungsweise inwieweit dies auch den sonstigen Betrieb und die Leistungssportmaßnahmen des STB generell beeinflusst.
Der STB hatte bereits in den vergangenen Wochen Konsequenzen gezogen. Eine Trainerin und ein Trainer sind freigestellt worden, dazu gibt der langjährige Stützpunktleiter seinen Posten früher ab als ursprünglich altersbedingt geplant. Am Freitag ging es um die Art und Weise der nun beginnenden, möglichst unabhängigen Aufarbeitung. Der STB teilte auf Anfrage mit, sich in der Folge des Meetings zunächst im Austausch mit allen Beteiligten zu befinden.
Ist die Unabhängigkeit gewahrt?
Im Zentrum stand die Frage der Unabhängigkeit der beauftragten Kanzlei. Ehemalige Turnerinnen hatten diese zuletzt per Brief in Zweifel gezogen. „Zerstörtes Vertrauen kann nur durch vollständige Aufarbeitung und klare, nachvollziehbare Konsequenzen wiederhergestellt werden“, sagte daher Daniel Hager-Mann und betonte: „Dabei ist klar: Jedwede Aufklärung und erfolgreiche Aufarbeitung steht und fällt mit der Akzeptanz der betroffenen Athletinnen.“ Diese zu gewährleisten ist nun eine klare Forderung des Ministeriums an die an der Aufarbeitung Beteiligten.
Der ursprüngliche Plan des DTB war: Die Kanzlei befragt alle Beteiligten und legt danach die Protokolle dieser Gespräche vor. Eine Expertenkommission, die noch gebildet werden muss, leitet daraus Konsequenzen und neue Handlungsweisen ab.
„Jede Person oder Institution, die die Geschehnisse untersuchen und Vorschläge für eine künftige verbesserte Struktur erarbeiten soll, ist nur dann für diese Aufgabe geeignet, wenn sie auch vom Vertrauen und der Akzeptanz der Athletinnen getragen wird“, sagte der Ministerialdirektor Daniel Hager-Mann und stellte klar: „Diese Voraussetzungen sehen wir gegenwärtig noch nicht als erfüllt an.“ Seine Behörde habe daher „gegenüber den Verbänden unsere klare Erwartung zum Ausdruck gebracht“. An den Sportverbänden liegt es nun, diese zu erfüllen.