Missbrauchsvorwurf Landessportverband gibt schlechtes Bild ab

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Der Task-Force-Bericht im Fall der Missbrauchsvorwürfe gegen einen Tauberbischofsheimer Trainer schadet dem Landessportverband. Geschäftsführer Ulrich Derad will sich vor der Kommission nicht äußern.

Die Task-Force stößt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit im Fechtzentrum an Grenzen. Foto: dpa
Die Task-Force stößt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit im Fechtzentrum an Grenzen. Foto: dpa

Tauberbischofsheim - Der Rechtsanwalt Sebastian Warken und seine Kommission haben offenbar alles versucht. Das geht aus dem am Dienstag in Tauberbischofsheim vorgestellten Untersuchungsbericht detailreich hervor. Immer wieder wurde über Monate hinweg versucht, Ulrich Derad zu einer Aussage zu bewegen. Doch der Hauptgeschäftsführer des Landessportverbands Baden-Württemberg (LSV) ließ dieses Ansinnen genauso oft über Anwälte ablehnen, sich vor dem vom Fechtclub Tauberbischofsheim beauftragten Aufklärungsgremium zu äußern. „Wir sind an Grenzen gestoßen“, sagt Warken nach zehnmonatiger Ermittlungsarbeit, „es gab keine Unterstützung durch den Landessportverband Baden-Württemberg.“

Der LSV wäre ein ganz wichtiger Ansprechpartner, um die Missbrauchsvorwürfe gegen Sven T. einordnen zu können. Als Arbeitgeber hatte der Verband dem Tauberbischofsheimer Trainer im Dezember 2016 fristlos gekündigt. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sexueller Gewalt erfuhr der Beschuldigte damals nicht von seinen Vorgesetzten, sondern aus einem Bericht im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Am schwersten wiegen dabei die Beschuldigungen, die ins Jahr 2003 zurückreichen. Eine Tauberbischofsheimer Weltklasse-Fechterin informierte am 10. Dezember 2016 den LSV darüber, von Sven T. während der Junioren-Europameisterschaft in Kroatien damals massiv sexuell belästigt worden zu sein.

Wenn die Zeugen nichts sagen wollen

In einer Niederschrift des LSV, die unserer Zeitung vorliegt, heißt es, Sven T. habe die damals 17 Jahre alte Fechterin in ihrem Hotelzimmer aufgesucht, auf das Bett geworfen und sich auf sie gelegt. Beide seien angekleidet gewesen. Der Trainer habe auf ihr Bewegungen gemacht, als würde er den Geschlechtsverkehr durchführen. Außerdem habe Sven T. stark nach Schnaps gerochen. Der Trainer habe erst von ihr abgelassen, als die Zimmerkollegin und Freundin auftauchte. Diese Freundin bestätigte das gegenüber dem Landessportverband.

Sowohl das mögliche Opfer als auch die Zeugin des Vorfalls wollten aber ebenso wie Ulrich Derad gegenüber der Task-Force keine Angaben zur Sache machen. Es wurden dabei auch Zweifel an der Verschwiegenheit des Gremiums ins Feld geführt.

Sven T. bezeichnet die Beschuldigungen als „absolut unwahr“, was er auch der Task-Force in einem mehrstündigen Gespräch immer wieder gesagt hat. Er, der nun seit mehr als einem Jahr arbeitslos ist, glaubt, dass er Opfer einer Intrige geworden ist. Zu dieser These findet sich ein interessanter Abschnitt im Untersuchungsbericht. Eine Gruppe von Sportlerinnen um die gegenüber der Task-Force nicht aussagewilligen Zeuginnen seien schon lange auf Sven T. und den Stützpunktleiter Matthias Behr wütend gewesen. In ihnen sahen sie die treibenden Kräfte für die Entlassung eines anderen Trainers, die schon einige Jahre zurückliegt. Es ging in diesem Fall um Alkoholkonsum. Die Kündigung empfanden die Fechterinnen als ungerecht. Bei diesem Trainer handelt es sich um den heutigen Ehemann der Sportlerin, die im Dezember die schweren Vorwürfe gegen Sven T. erhoben hat. Gleichzeitig wurde Matthias Behr unterstellt, den Fall unter den Teppich kehren zu wollen. Dafür fand die Task-Force aber keine Anhaltspunkte.

Bericht deckt sich in weiten Teilen mit Recherchen unserer Zeitung

In weiten Teilen deckt sich der Untersuchungsbericht mit den Recherchen unserer Zeitung, die in einem am 18. Dezember erschienen Artikel veröffentlicht wurden. Es wird dabei deutlich, dass Sven T. zu den Menschen gehört, die keine Distanz kennen und das Gegenüber – egal ob Mann oder Frau – häufig berühren. Davon haben sich Sportlerinnen sexuell belästigt gefühlt, wie auch von Begrüßungsküssen auf die Wange, andere wiederum fanden nichts Anstößiges daran. Diesen ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen trägt der Untersuchungsbericht auch Rechnung und empfiehlt interne und externe Anlaufstellen, an die sich Schutz suchende Sportlerinnen und Sportler wenden können. Die deutsche Fecht-Präsidentin Claudia Bokel, das sagte sie am Dienstag in Tauberbischofsheim, werde schnell entsprechende Schritte einleiten.

Die nächste Runde im Fall Sven T. folgt bereits in der kommenden Woche, wenn am 7. Februar vor dem Landesarbeitsgericht Stuttgart über seine Kündigung entschieden wird. Im August 2017 erklärte das Arbeitsgericht Heilbronn diese für unwirksam, worauf der LSV in die Berufung ging. Gegenüber unserer Zeitung hat sich bereits der Stuttgarter Arbeitsrechtsexperte Alexander Burger dahingehend geäußert, dass die „Arbeitgeberseite in diesem Fall möglicherweise das Gebiet des Strafrechts betreten hat“. Denn der LSV hat nach Informationen unserer Zeitung Sven T. unter Druck gesetzt, einen Auflösungsvertrag zu unterschreiben, anderenfalls werde die Geschichte an die Medien weitergegeben. „Der Spiegel“ ging dann damit kurze Zeit später in die Offensive.