Missbrauchte Wörter Sammelband zur Macht der Sprache

Sprachgewalt auf dem Cover Foto: Dietz Verlag

Der Kultur- und Politikwissenschaftler David Ranan untersucht in dem Sammelband „Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe“ die Wirkung von Schlagworten.

Stuttgart - Worte sind Taten, notierte einst der Philosoph Ludwig Wittgenstein. In aufgewühlten politischen Zeiten und etwa vor Bundestagswahlen werden Begriffe zu Waffen im Diskurskampf. Waffen sind selten sauber – die ihre Anschlagsziele ins Visier nehmenden Vokabeln nicht minder, wenn sie verbogen und aufgemotzt werden, blenden und ablenken sollen. Der sorglose Umgang mit der Sprache treibt den Kultur- und Politikwissenschaftler David Ranan um.

 

David Ranan ist ein streitbarer Geist: Mit einem Buch über muslimischen Antisemitismus in Deutschland hat er vor drei Jahren Aufsehen erregt, als er nicht die üblichen vorgedachten Erzählungen zu diesem Thema fortgesponnen hat, sondern mehr als siebzig Interviews mit jungen muslimischen Studierenden und Akademikern geführt hat.

Ähnlich gängigen Definitionen und Erkenntnismustern entgegentretend betreute Ranan nun als Herausgeber einen Sammelband, der darauf zielt, das „Bewusstsein für eine Sprache zu schärfen, die irreführend sein kann und oft genug bewusst in die Irre führen soll“. Beiträge zu „Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe“ – es sind 28 – kommen von Politologen, Historikern und Philosophen, von Autoren wie Micha Brumlik, Gregor Gysi, Michael Quante und Peter Steinbach.

Wortkaliber, die die Debatten explosiv aufladen

Programmatisch eröffnet das Schlagwort Fake News die Reihe, in der sich Populismus, Rassismus, Islamismus, Gender finden, zum Abschluss die Wahrheit. Tatsächlich keine kleinen Kaliber, die die Debatten explosiv aufladen. Jeder Beitrag, 15 bis 20 Seiten umfassend samt kleinem Literaturregister, sucht weniger eine abschließende Genese und Definition des Begriffs, sondern soll Anstoß bieten.

Beispielsweise sei Misstrauen angebracht, wenn bei jedem fatalen Ereignis der Terrorismus bemüht wird. Die, die dieses Wort verwenden, führen je eine eigene Agenda, wie David Ranan, der den Text zu diesem Stichwort verfasst hat, erklärt. Natürlich war 9/11 ein „dramatischer Anschlag“, Ranan lässt daran keinen Zweifel. Doch faktisch stehen den 3000 US-Amerikanern, die dabei getötet wurden geschätzt 500 000 Menschen gegenüber, die in den folgenden Kriegen und Invasionen zu Tode kamen.

Der Krieg gegen den Terror, kommt manchen Regierungen entgegen, so Ranan, und er habe Profiteure jenseits der Terroristen: Militär, die Waffenhersteller und die „ständig wachsenden Geheimdienste“.

Das Fazit fällt pessimistisch aus

Der beunruhigte Bürger sei eher bereit, so David Ranan, dem Terrorbekämpfer, also den Regierungen, hohe finanzielle Ausgaben zuzubilligen und „auf hart erkämpfte bürgerliche Freiheiten zu verzichten“. Ranans pessimistisches Fazit: „Solange die Politiker diesen Begriff für nützlich halten, werden sie ihn einsetzen, und die Medien, oder zumindest die populistischeren Medien, werden mit von der Partie sein“. Der Wahlkampf der vergangenen Wochen war jedenfalls nicht von Reizworten bestimmt. Vielleicht erklärt das den Eindruck von Temperamentlosigkeit.

David Ranan (Hg.): Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe. Dietz Verlag, 384 Seiten. 26 Euro.

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