Misshandelte Ureinwohner Kanadas verlorene Kinder

Von Gerd Braune 

In Kanada sind indigene Jungen und Mädchen in Internaten 120 Jahre lang systematisch misshandelt worden. Eine Kommission hat jetzt einen erschütternden Bericht vorgelegt.

Zwei Inuit-Mädchen im Norden Kanadas. Viele Kinder besuchen hier Internate. Foto: laif
Zwei Inuit-Mädchen im Norden Kanadas. Viele Kinder besuchen hier Internate. Foto: laif

Ottawa - Im voll besetzten Saal des Kongresszentrums von Ottawa blieben symbolisch zwei Stühle leer. Sie erinnern an Tausende indigene, vor allem indianische Kinder, die das von Staat und Kirchen eingerichtete System der Internatsschulen nicht überlebt haben. Sie starben an Krankheiten und bei Bränden, sie flohen, ertranken, erfroren oder töteten sich aus Verzweiflung selbst. Der Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission, der Zeugnis von der Tragödie der „Residential Schools“ gibt, war ein emotional bewegendes Ereignis – und soll helfen, in eine bessere gemeinsame Zukunft der Ureinwohnervölker und der Mehrheitsgesellschaft zu führen.

„Ich stehe vor Ihnen in der Hoffnung, dass wir an der Schwelle einer neuen Ära dieses Landes stehen“, sagte Richter Murray Sinclair, der zusammen mit Häuptling Wilton Littlechild und Marie Wilson die Kommission geleitet hat. Sechs Jahre lang waren sie durch das Land gereist, hatten mehr als 6000 Überlebende des Schulsystems oder ihre Angehörigen gehört. Sie erzählten Geschichten von Missbrauch. 4000 Seiten umfasst der Bericht.

Ein kultureller Völkermord

Bei Vorlage seines vorläufigen Berichts im Sommer hatte Sinclair bereits dargelegt, wie er die Vorgänge sieht: Es sei „nichts geringes als kultureller Völkermord, ein systematischer und konzertierter Versuch, die Seele der Urvölker auszulöschen“. Ausgelöscht werden sollte „eine Kultur, die als minderwertig angesehen wurde“. Sie sollte, wie es hieß, „den Indianer im Kind töten“. Die „Residential Schools“ waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Staat eingerichtet und von Kirchen und Ordensgemeinschaften geführt worden. Landesweit gab es 130 solcher Schulen. Die Kinder der indianischen Völker, der Inuit und Metis wurden weit entfernt von ihren Gemeinden in die Schulen gesteckt und hatten keinen Kontakt zu ihren Familien. Oft wurden sie gewaltsam ihren Eltern entrissen. Ihre Muttersprache durften sie nicht sprechen. Ihre kulturelle Identität und ihre Persönlichkeit wurden zerstört. Viele wurden sexuell missbraucht. Die Folgen des Schulsystems werden als eine der Ursachen für die anhaltenden sozialen und ökonomischen Probleme vieler Ureinwohnergemeinden gesehen.

Viele im Publikum weinten

Als Sinclair sprach, konnten viele der Überlebenden im Raum ihre Gefühle nicht zurückhalten und weinten. Auch der Richter war sichtlich bewegt. Bislang konnte lediglich das Schicksal von 3200 umgekommenen Kindern geklärt werden. Aber die Kommission glaubt, dass es mindestens doppelt, wenn nicht sogar zehnmal so viele waren. Viele wurden in anonymen Gräbern beigesetzt, oft erfuhren ihre Eltern erst viel später, dass ihre Kinder gestorben waren. Dokumente in staatlichen oder kirchlichen Archiven gingen unter, wurden angeblich durch Feuer oder Überschwemmungen zerstört. Der Verdacht besteht, dass sie bewusst vernichtet wurden.

Versöhnung zu erreichen werde ein langwieriger Prozess, der vielleicht Generationen brauche, sagte der Richter Sinclair. Der Premierminister Justin Trudeau wurde sehr persönlich. Angesichts der Erfahrung vieler Indianer-, Inuit- und Metiskinder könne er „nur Schuld empfinden“. Trudeau, der seit Anfang November Regierungschef ist, hatte im Wahlkampf versprochen, die Empfehlungen der Kommission umzusetzen. Er würdigte die Entschuldigung, die sein Amtsvorgänger Stephen Harper 2008 gegenüber den Überlebenden der Internatsschulen ausgesprochen hatte.

Das Thema soll in den Schulen gelehrt werden

Insgesamt 94 Empfehlungen gab die Kommission. Sie betreffen die Schullehrpläne, die Juristenausbildung und das Wohlfahrtssystem, das noch immer dazu führt, dass überproportional viele indigene Kinder ihren Eltern weggenommen und Pflegefamilien übergeben werden. „Wir befinden uns heute auf einem neuen Pfad, um eine neue Beziehung von Nation zu Nation zu finden, die auf Anerkennung, Rechten, Respekt, Kooperation und Partnerschaft beruht“, versprach Trudeau.