Wie schön die Herbstsonne durch die letzen Blätter funkelt. Kleine Mädchen, die dem Papa in die Arme fliegen. Freundinnen, die auf einer Bank liegen und reden. Jungs, die auf dem Dach eines Spielhäuschens sitzen. Das Herz kann einem aufgehen beim Anblick dieser Idylle auf der Stuttgarter Uhlandshöhe. Auf dem Gelände, das sich hinter der Haußmannstraße erstreckt, ist die Waldorfschule zu Hause.
Und natürlich ist man dort stolz auf das Refugium, das so harmonisch anmutet. Wie auf vieles andere, vor allem natürlich die eigene Geschichte. Die Waldorfschule auf der Uhlandshöhe war 1919 die erste Waldorfschule überhaupt.
Was ist damals passiert?
Die Geschichte, die sich dort vor mehr als zehn Jahren zugetragen hat, hingegen ist nichts, auf die man stolz sein kann. Sie handelt von Misshandlungen durch einen Lehrer, der sich keiner Schuld bewusst ist, an Schülern, die bis heute leiden. Obwohl der Fall lange zurückliegt und der Lehrer verurteilt wurde, ist er noch immer aktuell.
Christoph Kühl von der Schulführung spricht von dem „dunkelsten Kapitel“ der jüngeren Schulgeschichte. Und doch geht es dabei nicht nur um die Uhlandshöhe, sondern – mal wieder – auch um das Prinzip Waldorf.
Der Junge wird verschlossen und aggressiv
Der Christian (Name geändert) von früher war ein fröhliches und freundliches Kind. Lebhaft, sozial, ausgeglichen. Ein Schatz und ein Sonnenschein. So beschreibt ihn seine Mutter. Dann verändert sich Christian. Er wird verschlossen und aggressiv. Er zerschmettert Stühle, schlägt seinen Bruder, brüllt seine Schwester und feindet seine Eltern an. Sein Verhalten wird so auffällig, dass sich die Eltern Sorgen machten. „Vielleicht ist er psychotisch?“
Christians Verwandlung begann auf der Uhlandshöhe. Dass Christian auf die Waldorfschule gehen würde, war schon immer klar. Seine Eltern waren sicher, ihr Junge wäre dort gut aufgehoben. Und mit der Uhlandshöhe hatten sie beste Erfahrungen. Christians Geschwister waren auch dort. Doch dann wurde alles anders.
Christian wütet nicht nur gegen seine Geschwister und Eltern. Er wird häufig unvermittelt ohnmächtig oder kann zeitweise nicht mehr laufen. Der Kinderarzt wird konsultiert, Christian in einer Klinik untersucht, ein Sozialarbeiter in die Familie geschickt. Heute wissen die Eltern, dass ihr Sohn in der Schule misshandelt worden ist. Und dass die Schule lange nicht hingeschaut hat. Obwohl es genug Anhaltspunkte dafür gab, dass Christians Klassenlehrer ein äußerst zweifelhafter Pädagoge ist.
Schule von der schlimmsten Seite
Von der ersten Klasse an lernt der Junge die Schule von der schlimmsten Seite kennen. Der Lehrer hält Christian im Gebäude fest und tritt ihn gegen die Beine und in den Unterleib. Er packt ihn im Nacken, schüttelt ihn und presst ihn an eine Wand, an der er ihn nach oben schiebt. Er zieht ihm die Hose runter und tritt in die Hoden oder schubst ihn, bis er umfällt. Und der Lehrer lässt zu, dass Mitschüler Christian schlagen. Auch andere Kinder lernen in ihren ersten beiden Schuljahren Dinge fürs Leben, die niemand wissen muss.
Christians Misshandlungen sind dokumentiert. Das Stuttgarter Amtsgericht hat den Lehrer im Dezember 2020 wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen verurteilt. Der Fall liegt einerseits also geraume Zeit zurück, andererseits ist er noch immer sehr aktuell. Aber das gilt genau genommen für die ganze Geschichte.
Sie beginnt im Jahr 2009, als Christian in die Schule kommt. Diese erste Klasse ist die erste des Lehrers. Bis dahin hat der Mann, Mitte 50, nur ältere Schüler unterrichtet – und dies offenbar so, dass sich einige dieser Eltern Sorgen machen. In einer Unterschriftenaktion mahnen sie die Schulleitung, dem Mann keine Erstklässler anzuvertrauen. Es kommt allerdings anders.
Die Schule stellt den Lehrer frei
Als jedoch Vorbehalte und Beschwerden von Eltern zunehmen, setzt die Schule dem Lehrer im Herbst 2011 einen Kollegen mit in den Unterricht. Um zu schauen, ob der Mann wirklich Kinder packt, schüttelt, anbrüllt und schlägt. Und sie spricht mit Eltern. Das Ergebnis: Die Schule stellt den Lehrer frei und ordnet an, eine Therapie zu machen, um sich besser beherrschen zu lernen. Weil er keine Einsicht zeigt, kündigt ihn die Schule. Als er gegen seinen Rauswurf klagt, kommt es zu einem Abschied „im gegenseitigen Einvernehmen“. Für den Lehrer bedeutet dies, er bekommt eine Abfindung und ist beruflich nicht erledigt. Und für die betroffenen Schüler bedeutet es, dass sie nicht vor dem Arbeitsgericht aussagen müssen. Damit ist die Angelegenheit zunächst erledigt.
Doch dann beginnt Christian zu reden. Lange hat er seinen Eltern nichts erzählt, weil der Lehrer drohte, man würde ihm nicht glauben und ihn nicht mehr lieben oder den Eltern würde etwas Schlimmes zustoßen. Wenn sie sich über seine blauen Flecken und Schrammen wunderten, behauptete Christian, er sei gefallen. Erst nach und nach kann er darüber sprechen, was wirklich passiert ist. Und erst 2015 ist er in der Lage, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Zwei einstige Mitschüler brechen ebenfalls ihr Schweigen. Im Dezember 2020 schließlich wird dem Lehrer der Prozess gemacht.
Für das Gericht gibt es keine Zweifel
Der Lehrer bestreitet die Vorwürfe, er wähnt sich als Opfer eines Komplotts. Für das Gericht jedoch gibt es „keinerlei Zweifel“ daran, dass der Angeklagte „eine Vielzahl, nicht nachvollziehbarer, von äußerster Grausamkeit getragener Taten“ begangen hat. Es verurteilt ihn zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Außerdem erlässt es ein zweijähriges Berufsverbot.
Die Waldorfschule und ihre Klassenlehrer – das ist ein weites Feld. Weil der Klassenlehrer eine so starke Position hat. Er ist nicht nur zum Unterrichten da, er ist gewissermaßen der Erzieher. Von der ersten bis zur achten Klasse. An kaum einer anderen Schulart ist die Bindung zwischen Schüler und Lehrer so emotional wie an einer Waldorfschule. Im Guten wie im Schlechten. Wenn Helmut Zander, Historiker, Theologe und Waldorfkenner, vom Klassenlehrer als „Autorität“ spricht, dann im Sinne des unbedingten Gehorsams. Autorität von autoritär. In einer solchen Konstellation ist es schwer, einen Lehrer zu hinterfragen.
In Winterbach verlassen Kinder die Schule
Man denke an Weimar: Jahrelang waren Lehrer der dortigen Waldorfschule gewalttätig gegen Schüler. Obwohl die Übergriffe bekannt waren, hat sich lange nichts geändert. (Sogar Eltern von gepeinigten Kindern haben sich hinter die Lehrer gestellt.) Oder an Schwäbisch Hall: Dort hat ein Lehrer über Jahre hinweg mehrere Schülerinnen sexuell missbraucht. Dass seine Taten so lange unentdeckt blieben, lag an seiner besonderen Position.
Oder man denke an Winterbach: Dort gab es zuletzt zwar erbitterte Klagen über eine Lehrerin. Verlassen haben die Schule letztlich aber die Kinder, die unter dem Stil der Pädagogin litten.
Warum wurden die Eltern nicht beachtet?
Auch im Fall der Uhlandshöhe gibt es Fragen: Hätte die Schulärztin nicht merken müssen, dass in Christians Klasse etwas nicht stimmt? Schließlich zog sich der Junge, wie seine Eltern im Nachhinein erfuhren, „fast täglich“ ins Krankenzimmer zurück. Und warum fiel der Lehrerin, der Christians Mutter ihr Leid klagte, offenbar nichts anderes ein, als die Ursache für seine Aggressionen in der Familie zu suchen? Und warum wurden die Eltern nicht beachtet, die vehement davon abrieten, dem Lehrer eine erste Klasse anzuvertrauen?
Christoph Kühl, der seit 27 Jahren auf der Uhlandshöhe arbeitet, sagt, die Vorwürfe seien erst im Herbst 2011 an die Schulführung gedrungen. Bis dahin hätte das Thema Gewalt keine Rolle gespielt. Dass sich Kinder, Erstklässler zumal, ins Krankenzimmer zurückziehen, sei nicht zwingend ungewöhnlich. Die Bedenken der mahnenden Eltern hätten sich auf den schlechten Kommunikationsstil des Lehrers bezogen. „Sonst hätten die Alarmglocken schneller geschrillt.“ Christoph Kühl sagt auch, dass der Lehrer sehr guten Unterricht gemacht hat und dass er so beliebt und vernetzt war, dass viele Eltern massiv protestierten, als er die Schule verlassen musste.
Der Junge hat die Schule gewechselt
Wäre die Waldorfschule eine öffentliche Schule, wäre damals automatisch das Regierungspräsidium in Stuttgart als Schulaufsichtsbehörde involviert gewesen. Bei Privatschulen ist das anders – absichtlich. Wer sich für eine Privatschule entscheidet, der entscheidet sich bewusst für weniger staatlichen Einfluss. Trotzdem: Gesetze gelten natürlich auch dort. Die Schulaufsicht kontrolliert etwa Lehrpläne und prüft die Führungszeugnisse der Lehrer, die der Schulträger einstellt. Und sie schaltet sich ein, wenn es gravierende Probleme gibt – vorausgesetzt, sie weiß davon.
Die Misshandlungen auf der Uhlandshöhe wären ein Anlass für eine Einschaltung gewesen. Doch die Schule hat das Regierungspräsidium nicht informiert, als der Lehrer entlassen wurde. Sondern erst im Februar 2016, nachdem die Anzeige vorlag und die Ermittlungen liefen. Hätte die Behörde schon 2011 Bescheid gewusst, hätte sie die Polizei einschalten können. Und es wäre nie so viel Zeit vergangen, bis der Fall vor Gericht gekommen wäre. „Ich wünsche mir oft, wir hätten etwas anders gemacht“, sagt Christoph Kühl von der Schulführung.
Fall wird neu aufgerollt
Christian hat letztlich die Schule gewechselt, inzwischen macht er eine Ausbildung. Seine Mutter sagt, er leidet noch immer.
Die Uhlandshöhe hat ein Präventionskonzept entwickelt, das alle an der Schule sensibler machen soll. Christoph Kühl glaubt, so etwas wie damals würde heute nicht mehr passieren.
Im nächsten Jahr wird der Fall am Landgericht neu aufgerollt. Die Staatsanwaltschaft und der Lehrer haben gegen das Urteil des Amtsgerichts Berufung eingelegt. Die Staatsanwaltschaft, weil sie die Strafe für zu milde hält. Der Lehrer, der nach seinem Abgang von der Uhlandshöhe arbeitslos wurde, weil er sich für unschuldig hält.