Das LKA gibt keine Stellungnahme ab
Auf Anfrage verweist das Polizeipräsidium Stuttgart auf seine Kolleginnen und Kollegen in Reutlingen. Dort betont eine Sprecherin diplomatisch, man könne zu „den Einsatzmaßnahmen anderer Dienststellen keine Stellung nehmen“. Auch eine nachträgliche Bewertung dieser Maßnahme obliege ihrer Dienststelle nicht. Das LKA kommt gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart zu dem Ergebnis, „keine Stellung beziehen“ zu können. Dem stünden einsatztaktische Belange wie auch die laufenden Ermittlungen, dabei vor allem verdeckte Maßnahmen, im Wege.
Beerdigt wurde am Freitag in Altbach ein 20 Jahre alter Mann mit kenianischen Wurzeln, der sich am 3. Juni nachts in der Nähe des Altbacher S-Bahnhofs das Leben genommen hatte. Nach Recherchen unserer Zeitung hatten Experten des Polizeipräsidiums vor dem Begräbnis festgestellt, dass Freunde und Bekannte des Verstorbenen auf sozialen Medien Spendenaufrufe posteten, um die Beerdigung bezahlen zu können. Zudem luden sie über die Plattformen Facebook und Tiktok dazu ein, an der Trauerfeier auf dem Friedhof des etwa 6500 Einwohner großen Städtchens teilzunehmen. Und dieser Aufruf verfing vor allem bei Personen, die von der Polizei der organisierten Kriminalität im Raum Ludwigsburg zuordnet werden.
Die Trauergäste verprügeln den Täter
Aus diesem Grund entschied die Polizei offenbar, die Trauerfeier zu observieren. Demnach waren die Beamten mit sechs Fahrzeugen vor Ort, als der 23 Jahre alte Iraner die Handgranate über die Friedhofsmauer auf die Trauergäste warf. Aber nach Informationen unserer Zeitung griffen sie daraufhin nicht ein, sondern verließen den Tatort – obwohl die Situation vor Ort sich weiter zuspitzte: Denn nach der Explosion verfolgten etwa 50 der mehrere Hundert Menschen umfassenden Trauergemeinde den mutmaßlichen Handgranatenwerfer. Sie stellten den Mann und schlugen ihn zu Boden, malträtierten ihn mit Schlägen und Tritten weiter. Der mutmaßliche Täter wurde später mit schweren Kopfverletzungen in einem kritischen Zustand in eine Klinik geflogen. Gegen ihn erließ die Staatsanwaltschaft Stuttgart Haftbefehl.
Fraglich ist, ob die Stuttgarter Polizisten den Handgranatenwurf oder zumindest den Übergriff der Trauergäste auf den Iraner hätte verhindern können, wenn sie den Bereich um den Friedhof nicht verlassen hätten. Durch die Explosion wurden zehn Trauergäste verletzt, einer schwer. Zudem wurden Rettungskräfte bedroht, die den von der aufgebrachten Menge malträtierten Iraner medizinisch versorgen wollten. Inzwischen zeichnet sich immer klarer ab, dass nur ein glücklicher Umstand dazu führte, dass nicht wesentlich mehr Menschen bei der Handgranatenattacke zu Schaden kamen. Offenbar verhinderte ein Ast eines Baumes an der Aussegnungshalle ein Blutbad auf dem Altbacher Friedhof. Denn die Granate war offenbar am Geäst abgefedert und so auf der oberen Ebene des in einem Hang angelegten Friedhofes explodiert – und nicht inmitten der Trauergäste.
Bei einer Explosion der im früheren Jugoslawien hergestellten Handgranate des Typs M75 werden bis zu 3000 Kügelchen freigesetzt, die in den Hartplastikmantel des Sprengkörpers eingegossen sind. In einem Umkreis von 12 bis 18 Metern wirkt eine Explosion der M75-Granate tödlich, in einem Umkreis bis zu 54 Meter verletzt und verstümmelt sie Opfer.
Die M75 war die während der Balkankriege von 1995 bis 2000 am häufigsten eingesetzte Handgranate. Von ihr wurden Millionen hergestellt. In Bosnien, Kroatien, dem Kosovo und Mazedonien wurden sie vor allem dazu genutzt, um Kämpfer in Stellungen auszuschalten. Zudem wurde sie wegen ihrer kurzen Verzögerungszeit von drei bis vier Sekunden genutzt, um sie mit Hilfe von Stolperdrähten in Häusern und Wäldern zu verstecken und zu zünden. Zum Ende des ersten Jahrzehnts der 2000er-Jahre war eine Schiffsladung der Handgranaten M75 und des baugleichen Typs M93A nach Skandinavien gelangt. Der Sprengkörper ist seitdem europaweit bei Banden und Clans beliebt, die damit gewaltsam Konflikte austragen.
Ist in der Region Stuttgart ein Bandenkrieg ausgebrochen?
Das Motiv für den Granatenangriff von Altbach ist noch unklar. Seit Monaten kommt es in der Region Stuttgart immer wieder zu Gewaltdelikten mit Schusswaffen. Laut Landeskriminalamt gibt es Anhaltspunkte dafür, dass „sowohl diese Schussabgaben im öffentlichen Raum als auch die Tat in Altbach im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen zweier rivalisierender gewaltbereiter Gruppierungen“ stehen. Die Aufklärung des Ablaufs und der Hintergründe der Taten sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Ermittlungskooperation der Polizeipräsidien Ludwigsburg, Reutlingen, Stuttgart und Ulm sowie des LKA.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: