Missstände bei Firma aus Remseck Schwere Vorwürfe gegen den Krankenfahrdienst Ambulanzengel

Von Julian Illi 

Schlecht ausgebildete Mitarbeiter, Krankenwagen ohne Tüv und Minderjährige sollen in der Nachtschicht eingesetzt sein: Ex-Mitarbeiter berichten von schweren Missständen der Firma Ambulanzengel in Remseck.

Ein Krankenwagen der Firma Ambulanzengel im Einsatz. Ehemalige Angestellte erheben schwere Vorwürfe.. Foto: KS-Images
Ein Krankenwagen der Firma Ambulanzengel im Einsatz. Ehemalige Angestellte erheben schwere Vorwürfe.. Foto: KS-Images

Remseck - Der Hilferuf hat nur wenige Zeilen, doch sein Inhalt ist brisant: Mehrere ehemalige Mitarbeiter des privaten Rettungs- und Krankentransportdienstes Ambulanzengel mit Sitz in Remseck werfen ihrem Ex-Arbeitgeber teils gravierende Missstände vor. Von Verstößen gegen die Hygienevorschriften ist zu lesen, von Krankenwagen ohne gültige TÜV-Plakette, von Minderjährigen, die im Nachtdienst eingesetzt würden – und, vielleicht der schwerwiegendste Vorwurf: In den Einsatzfahrzeugen sei nicht ausreichend qualifiziertes Personal unterwegs.

Eingegangen ist dieser Hilferuf, den mindestens sieben Mitarbeiter namentlich unterzeichnet haben, bei verschiedenen Behörden, darunter dem Ordnungsamt der Stadt Stuttgart und dem Waiblinger Landratsamt. Denn auf deren Gebieten darf die Firma Krankenfahrten durchführen, für den Landkreis Ludwigsburg haben die Ambulanzengel keine Genehmigung. Die Stadt Stuttgart wie der Rems-Murr-Kreis teilen mit, dass sie von den Vorwürfen wüssten und ihnen derzeit nachgingen.

Die Behörden gehen den Vorwürfen nach

Brisant sind die Anschuldigungen deshalb, weil das Unternehmen auf einem sensiblen Feld aktiv ist: Es bietet Fahrten zu Arztterminen, Verlegungen von Patienten zwischen Krankenhäusern, aber auch intensivmedizinische Transporte und Kranken-Rückholaktionen aus dem Ausland an. In den Rettungsdienst eingebunden ist die Firma nicht. „Der qualifizierter Krankentransport ist mehr als nur eine Beförderung von einem zum anderen Ort. Eine Fahrt im Krankenwagen gehört zu den sichersten Mitteln der Fortbewegung“, heißt es auf der Unternehmens-Homepage.

Laut den ehemaligen Mitarbeitern soll dieser Anspruch mit der Realität aber nur wenig zu tun haben. „Ich habe gekündigt, um mich nicht strafbar zu machen“, sagt eine ehemalige Führungskraft. So verlange das Gesetz, dass ein Krankentransport mit mindestens einem ausgebildeten Rettungssanitäter besetzt sein müsse – das sei bei den Ambulanzengeln aber oft nicht der Fall. Stattdessen sei regelmäßig gar kein examinierter Sanitäter an Bord. Mehrere Ex-Angestellte berichten zudem davon, dass Fahrer immer wieder das Blaulicht anschalten würden, obwohl es dafür keinen medizinischen Grund gebe.

Mehr als 500 Überstunden zählt eine Ex-Mitarbeiterin

Das Unternehmen, das vor zwei Jahren gegründet wurde und laut seiner Homepage derzeit rund 30 Mitarbeiter hat, weist alle Vorwürfe von sich. Die Besatzungen auf den Krankenwagen „entsprechen und entsprachen zu jeder Zeit den gesetzlichen Vorgaben“, teilt die Geschäftsführerin Simonetta Ciriolo mit. Minderjährige hätten sich „zu keiner Zeit“ im Nachtdienst befunden. Den Hygienevorschriften komme man „selbstverständlich nach“. Alle Fahrzeuge entsprächen den Anforderungen.

Neben den Vorwürfen, schlechte Qualität zu liefern, berichten die ehemaligen Angestellten auch von desolaten Zuständen, was den internen Betrieb angehe: So sollen Löhne teils gar nicht oder verspätet gezahlt worden sein. Ähnlich sei es bei Zuschlägen für Nacht- und Sonntagsdienste. Auch Überstunden würden nicht ausbezahlt, geschweige denn abgebaut. Die frühere Führungskraft der Ambulanzengel spricht von mehr als 500 Überstunden, die bei ihr in rund anderthalb Jahren aufgelaufen seien. Die Folge der Überlastung: Zahlreiche Mitarbeiter haben in den vergangenen Wochen die Firma verlassen. Von einer regelrechten Flucht ist die Rede.

Die Geschäftsführerin Ciriolo räumt ein, dass es personelle Wechsel gebe – doch der Grund ist aus ihrer Sicht ein gänzlich anderer: „Es ist richtig, das in den vergangenen Wochen Entlassungen durchgeführt wurden.“ Diese seien teils auf „massives Fehlverhalten“ der Angestellten zurückzuführen – weshalb ihnen ihre Firma fristlos gekündigt habe. Fakt ist: Über mindestens zwei dieser Kündigungen wird in den kommenden Wochen vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht verhandelt.

Mehrere Verfahren vor dem Arbeitsgericht

Zu den massiven Vorwürfen ehemaliger Angestellte kommen inzwischen Ermittlungen gegen einen leitenden aktuellen Mitarbeiter der Ambulanzengel. Er soll Anfang Oktober am Rande eines Verkehrsunfalls in Remseck einen Pressefotografen tätlich angegriffen haben. Laut dem Fotografen hat ihn der Krankenwagen-Fahrer mehrfach geschubst und an ihm gezerrt. Die Polizei bestätigt, dass das mutmaßliche Opfer inzwischen Anzeige wegen Körperverletzung erstattet habe. Nach Informationen unserer Zeitung gibt es zudem einen glaubwürdigen Zeugen, der die tätliche Auseinandersetzung gesehen hat.

Kurz nach dem Zwischenfall haben die Ambulanzengel mitgeteilt, dass ihr Mitarbeiter den Unfallopfern habe helfen wollen und der Fotograf ihnen dabei im Weg gestanden sei. „Es handelte sich um eine Notsituation, und es musste schnell gehen“, heißt es, „der Fotograf reagierte nicht, daher hat ihn unser Sanitäter zur Seite geschubst. Unser Mitarbeiter ist nicht bekannt dafür, dass er aggressiv auftritt.“