Missstände am Kunstturnforum Blick vom TSV Berkheim nach Stuttgart – „Umgang mit Kindern war extrem“
Beim Turn-Bundesligisten TSV Berkheim beobachten sie die Entwicklung am Kunstturnforum in Stuttgart genau – und hinterfragen auch das eigene Tun.
Beim Turn-Bundesligisten TSV Berkheim beobachten sie die Entwicklung am Kunstturnforum in Stuttgart genau – und hinterfragen auch das eigene Tun.
Fast 7500 Likes, mehr als 100 Kommentare, weit mehr als 100 Weiterleitungen: Als sich Carina Kröll via Instagram zu den Missständen am Kunstturnforum (KTF) in Stuttgart äußerte, rief das viele Reaktionen hervor – die sich nicht nur in Zahlen ausdrücken lassen. „Es zeigt, dass das was in den Leuten ausgelöst hat. Ich habe viel Zuspruch erhalten“, sagt die Spitzenturnerin des TSV Berkheim, die international seit dem Jahr 2022 für Österreich startet, aber weiterhin am KTF trainiert. Auch die Verantwortlichen und Trainer beim Bundesligisten Berkheim beschäftigt die Angelegenheit, die schon lange schwelt und Ende Dezember mit dem Karriereende der 17-jährigen Meolie Jauch aufgrund von mentalen Problemen sowie den Äußerungen von Tabea Alt über möglichen physischen Druck und Erniedrigungen öffentlich an Fahrt aufnahm.
In ihrem Post berichtete Kröll davon, wie sie gedrängt wurde, abzunehmen, obwohl sie ein „komplett gesundes Gewicht“ hatte, wie es „problematisch“ gewesen sei, sich Zeit für einen Arzttermin zu nehmen und wie ihr jüngere Turnerinnen in der Umkleidekabine gesagt hätten, sie hätten Angst vor dem Training. Nun, einige Tage später, berichtet Kröll, wie wichtig dieser Schritt gewesen sei, vor dem sie „ein bisschen Angst gehabt“ habe. Über die Äußerungen der vielen anderen, fast ausschließlich ehemaligen, Turnerinnen berichtet Kröll: „Tatsächlich war davon nichts abgesprochen.“
In Berkheim haben sie zu dem Thema eine einerseits klare und andererseits differenzierte Meinung. „Spitzensport ist in jeder Sportart hart. Aber der Weg, der da gegangen wurde, ist inakzeptabel“, erklärt TSV-Bundesligatrainer Gerhard Weber. Seine Frau Renate Weber, Leiterin der Turntalentschule des Turngaus Neckar/Teck, Präsidentin des Turngaus und Turn-Abteilungsleiterin des TSV Berkheim, ergänzt deutlich: „Das geht gar nicht.“
Natürlich hätten sie und ihr Mann „von der Intensität, wie sie seit etwa dem vergangenen Juli war, mitbekommen. Das war heftig und problematisch. Die Aggressivität des Umgangs mit den Kindern – und nur darum geht es – war extrem“. Viele Gespräche mit den drei Berkheimer Athletinnen, die am Bundesstützpunkt trainiert haben, mit Eltern und den dortigen Trainern hätten sie geführt. Mittlerweile gehört keine der Berkheimer Turnerinnen mehr, wie auch Kröll, einer der Trainingsgruppen an. Dienstagabends üben die Berkheimerinnen in Stuttgart mit Gerhard Weber. Zwei Trainer des KTF sind noch bis zum Sonntag suspendiert, wie es danach weitergeht, ist offen.
Renate Weber ist eine Unterscheidung zwischen dem Bundesstützpunkt und dem Landesstützpunkt, ebenfalls unter dem Dach des KTF, wichtig. Mit dem Landesstützpunkt, wo der Nachwuchs von sechs bis elf Jahren trainiert, sei „die Zusammenarbeit gut, die Kinder sind da wirklich gut aufgehoben und werden entsprechend gefördert“. Sie habe sich immer wieder „auch bei Kleinigkeiten“ eingeschaltet: „Wenn es heißt, jetzt war das Kind schon wieder beim Kindergeburtstag, kann ich mich schon mal hinreißen lassen zu sagen: Ja, das ist ein Kind. Das kann ich bei den Größeren, die sich für den Leistungssport entschieden haben, aber natürlich nicht sagen.“
Dennoch gibt es offensichtlich Vereine, die ihre Nachwuchsturnerinnen auch dort nicht mehr hinschicken. Gerhard Weber aber betont: „Das Verhältnis zwischen dem TSV Berkheim und dem Landesstützpunkt ist extrem gut. Wir halten intensiven Kontakt mit den Athletinnen, den Eltern und den Trainern.“ Der Verein profitiere davon.
Das Problem läge, und mit dieser Meinung sind sie in Berkheim nicht alleine, „am System“ mit seinen Förderrichtlinien und dem frühen Aussortieren. „Wenn du mit zehn oder elf Jahren nicht gleich in den Bundeskader kommst, ist es fast schon vorbei. Das setzt Turnerinnen wie auch Trainer extrem unter Druck“, wie Renate Weber sagt – ohne die Missstände rechtfertigen zu wollen. Auch Kröll betont, dass sie „Kritik am allgemeinen System“ geäußert habe: „Es richtet sich nicht gegen einzelne Personen.“
Und wie wird in Berkheim trainiert? Gerhard Weber verfolgt nach eigenen Worten die Maxime: „Sprechenden Menschen kann geholfen werden.“ Selbstverständlich würde auf die körperliche und mentale Situation der Turnerinnen eingegangen. „In erster Linie geht es um die Umgangsform – von den Trainern mit Turnerinnen, aber auch von den Turnerinnen mit den Trainern. Natürlich gibt es mal ein lauteres Wort, wir sind alle nur Menschen. Aber wir haben ein sehr gutes Verhältnis zwischen Athlet und Trainerschaft.“
Kröll bestätigt das: „Ich habe den direkten Vergleich. Das Bundesligateam ist Gerhard Webers Baby. Er weiß aber genau, dass seine Turnerinnen nicht an Olympischen Spielen teilnehmen werden“, berichtet sie, „das Training hat eine hohe Priorität, aber nicht oberste. Die Turnerinnen haben Spaß am Training.“ Und auch ein Elternteil, das anonym bleiben will, erklärt: „In Berkheim läuft das alles normal, das ist in Ordnung. Berkheim ist nicht Stuttgart.“
Gerhard Weber erklärt: Der Druck, der generell auf den Trainern laste, sei groß – und bei denen, die die Aufgabe im Gegensatz zu ihm zum Lebenserwerb ausüben, noch größer. „Was wir beim TSV Berkheim machen, ist Leistungssport auf hohem Niveau. Was in Stuttgart gemacht wird, ist Spitzensport. Das ist ein Unterschied.“
Renate Weber widerspricht derweil den Vorwürfen, es habe sich beim Deutschen Turnerbund (DTB) und beim Schwäbischen Turnerbund (STB) gar nichts geändert, nachdem Tabea Alt bereits im Jahr 2021 einen Brief an die Verbände geschrieben und darin Missstände angeprangert hat. Auch später hatten sich Turnerinnen an die Verbände gewandt, im vergangenen Jahr auch noch aktive. „Der DTB hat reagiert, aber bis sich etwas ändert, dauert es“, sagt die Turngau-Präsidentin. Offensichtlich aber war es viel zu wenig und viel zu langsam.
Und jetzt? „Ich habe auch Veränderungen zum Positiven erlebt“, sagt Carina Kröll, die die Stimmung am KTF seit dem Beginn der öffentlichen Diskussionen als „sehr angespannt“ empfindet. Die 24-Jährige drückt ihre Hoffnung aus, dass sich nun Entscheidenderes tut: „Wir haben diesen Schritt gewagt, damit sich was ändert. Ich habe es nicht für mich getan.“ Konkret schlägt sie vor: „Es gehört eine neutrale Person in das System rein. Kinder müssen sagen dürfen, wenn sie etwas belastet.“ Renate Weber findet, dass die Trainerausbildung verbessert werden müsse, indem der psychologische und pädagogische Aspekt ausgebaut werde. Dies geschehe jedoch schon. „Es ist ganz, ganz wichtig, jedem Trainer am KTF einen Mentaltrainer zur Seite zu stellen. Dieser Mensch muss immer zugänglich sein, auch für die Sportlerinnen und die Offiziellen“, sagte sie.
Die vergangenen intensiven Wochen haben bei allen Beteiligten Spuren hinterlassen und auch bei Gerhard Weber den Prozess noch verstärkt, „dass wir uns ständig hinterfragen“. Seine Frau Renate Weber findet: „Die Welt bei uns beim TSV Berkheim ist in Ordnung, habe ich das Gefühl.“ Insgesamt im „System“ ist sie es nicht. Was auch die vielen Reaktionen auf die Äußerungen von Carina Kröll und anderer Turnerinnen zeigt.