Schatten in der Leichtathletik – einige Athletinnen sprechen offen über Missstände und Missbräuche. Foto: imago/Beautiful Sports
Eine Doku über Missstände rüttelt auf. Die Ex-Sprinterin Pamela Dutkiewicz-Emmerich ist Athletenmanagerin am OSP Stuttgart – und redet über ihren und die anderen Fälle.
Pamela Dutkiewicz-Emmerich (34) hat es sich gut gehen lassen. Im Urlaub im Kleinwalsertal, so sagt das die ehemalige Weltklasse-Hürdensprinterin, habe es die etwas andere Erholung als zuvor gegeben. Der zweieinhalbjährige Sohn hielt die Eltern auf Trab, anstrengend und schön war die Sache. Zeit, um runterzukommen blieb in den Bergen allerdings genug. Aber nicht nur.
Denn ein Thema hat Dutkiewicz-Emmerich in die Ferien begleitet. Die Frau, die inzwischen als Athletenmanagerin am Olympiastützpunkt Stuttgart (OSP) arbeitet, sagt, dass es extrem wichtig sei, darüber zu sprechen.
Missbräuche und Missstände
Rund um die vor etwas mehr als einer Woche zu Ende gegangenen Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Tokio hat das ZDF eine aufsehenerregende Dokumentation ausgestrahlt. Eileen Demes, aktuell Deutschlands Top-Hürdenläuferin über die 400 Meter, spricht in der Doku darüber, dass ihr mehr als doppelt so alter Ex-Trainer ihr einst Liebesbriefe geschrieben und sie unter Druck gesetzt habe. Sie war 17 Jahre alt, er Ende 40, als er sie an seinem Geburtstag zum Essen eingeladen habe: „Dann hat er mir gesagt, dass er mich liebt und dass er es schön fände, jeden Tag neben mir aufzuwachen “, sagt die heute 27-Jährige.
Der beschuldigte Trainer selbst ließ eine Frist, in der er von unserer Redaktion um eine Stellungnahme gebeten wurde, unbeantwortet verstreichen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) entzog dem Coach inzwischen die Lizenz.
Weitere Vorwürfe gegen Leichtathletik-Trainer
Sieben weitere aktuelle und ehemalige Kaderathletinnen indes erheben in der Doku schwere Vorwürfe gegen ihre früheren Trainer. In verschiedenen Fällen geht es um Grenzüberschreitungen wie nächtliche Chat-Nachrichten, aber auch um sexuellen Missbrauch. Ein Trainer habe eine minderjährige Athletin aufgefordert, ein gemeinsames Hotelzimmer zu nehmen, dort zusammen zu schlafen. Zwei Athletinnen, die anonym bleiben wollten, berichten in der Doku von einem Physiotherapieraum. Dort habe ein Trainer sie jeweils aufgefordert, sich nackt auszuziehen, habe sich selbst auch ausgezogen, sie berührt und sich selbst befriedigt. Betroffen sind die Leichtathletik-Landesverbände in Baden, Berlin, Hessen und Niedersachsen. In einem Fall in Mannheim hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen sexueller Nötigung erhoben. In einem weiteren Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover.
Pamela Dutkiewicz-Emmerich und die Grenzüberschreitungen
Pamela Dutkiewicz-Emmerich verfolgte die Entwicklungen auch im Urlaub in Österreich. Sie sagt: „Ich bin früher in einem solchen Umfeld groß geworden und habe beobachtet, wie Grenzüberschreitungen passiert sind und toleriert wurden.“ Auch ihr langjähriger Trainer, so berichtet es die Bronzemedaillengewinnerin über 100 Meter Hürden bei der WM 2017 in London, habe damals Grenzen im zwischenmenschlichen Miteinander überschritten. Der Coach ist vor einem Jahr gestorben, mit der Tochter pflegt Dutkiewicz-Emmerich ein gutes Verhältnis, weshalb sie um einen extrem sensiblen Umgang mit der Thematik bittet.
Die nüchterne Kurzfassung der Schilderungen der früheren Top-Sprinterin geht so: Mit 16 Jahren wechselt Pamela Dutkiewicz aus ihrer Heimat Kassel ins Sportinternat des TV Wattenscheid. Irgendwann sagt ihr Coach, dass er jetzt schon wieder das pummelige Mädchen abholen müsse. Die junge Athletin muss sich vor anderen Kolleginnen auf die Waage stellen. Sie bekommt den Rat, doch tagsüber nur mal einen Apfel zu essen und Tee zu trinken. Irgendwann entwickelt Pamela Dutkiewicz eine Essstörung – und geht auf die Verantwortlichen im Internat zu. Sie wird aber nicht gehört.
Der meint das bestimmt nicht so, ist doch alles nicht so schlimm, das seien die Antworten gewesen. Konsequenzen zieht die Sportlerin nicht. Sie bleibt bei ihrem Trainer und er bei ihr, jahrelang, bis kurz vor dem Ende der Karriere im Herbst 2021. Der Tenor, den sich Pamela Dutkiewicz damals fast mantraartig einredet: Der macht mich erfolgreich, lös’ dich von den anderen Dingen, lerne damit umzugehen. „Heute würde ich es nicht empfehlen auf diese Weise mit einem destruktiven Trainerverhältnis umzugehen, sondern sich ein neues Trainingsumfeld zu suchen“, sagt sie.
Pamela Dutkiewicz will das Schweigen brechen
Es ist eine Problematik, von der auch in der ZDF-Doku immer wieder die Rede ist. Die Schwierigkeiten bei der Bekämpfung des Missbrauchs oder von Missständen liegen auf der Hand: Betroffene machen mit ihren Trainern weiter – aus Angst, ihre sportlichen Träume nicht verwirklichen zu können. Schließlich hängt die große Karriere auch von der Unterstützung der Coaches ab. Es ist ein ungleiches Machtverhältnis. Und: strafrechtlich liegen die Vorwürfe, wenn sie nach Jahren doch geäußert werden, teils im Graubereich.
Pamela Dutkiewicz will das Schweigen brechen. Als Athletenmanagerin ist es am OSP Stuttgart ihr Job, mit den Sportlerinnen und Sportlern zu sprechen. Sie ist die Person des Vertrauens, zu der man gehen kann. Ihre Tür ist offen. Jederzeit. „Wahrnehmen, hinhören, wertschätzen, darum geht es“, sagt Dutkiewicz über ihren Job, den es so woanders in Deutschland noch nicht gebe bei anderen Stützpunkten oder Verbänden. „Es geht um eine Vertrauensbasis, um ein Klima des Wohlfühlens“, ergänzt Dutkiewicz.
Explizit soll es dabei nicht nur um Problemfelder oder gar Missstände gehen. Mit dem niederschwelligen und eher ungezwungenen Dialog aber soll allen signalisiert werden: Wenn etwas ist, wir sind da – rede darüber! Und so will Pamela Dutkiewicz mit ihrem Wirken verhindern, dass heutige Athletinnen das tun, was sie und viele Kolleginnen einst gemacht haben: Entweder gar nicht über Probleme sprechen – oder einfach weitermachen, obwohl etwas in eine völlig falsche Richtung läuft. Es soll zur Selbstverständlichkeit werden, dass sie mögliche Probleme oder Missstände sofort ansprechen.
Der Umgang mit dieser erwünschten Offenheit steht dann jedoch auf einem anderen Papier. Es gibt etwa beim DLV inzwischen ein Schutzkonzept zur Prävention von sexualisierter Belästigung und Gewalt und bei Verdachtsfällen verschiedene Eskalationsstufen bei der Aufarbeitung, solche Dinge.
Pamela Dutkiewicz berichtet von Schulungen in Stuttgart, in denen mit Blick auf mögliche Grenzüberschreitungen im Training sensibilisiert wird. Mit roten, gelben oder grünen Fähnchen sollen die Teilnehmer Situationen etwa innerhalb einer Trainingsgruppe oder zwischen Athleten und Trainern bewerten. „Da merkt man mal, wie schwierig das Ganze sein kann und welche Graubereiche es oft gibt“, sagt Dutkiewicz.
Pamela Dutkiewicz fordert Sensibilität
Auf allen Ebenen sollen alle Beteiligten also aufmerksamer gemacht werden. Viele übergeordnete Problemfelder aber bleiben. Eines davon: Viele Trainer, die zu Tätern wurden, haben es selbst nach Entlassungen in anderen Vereinen und Verbänden oft leicht, neue Tätigkeitsorte zu suchen. „Aus meiner Sicht hat der Sport massive Schutzlücken“, sagt Kerstin Claus, die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Denn trotz der vielen offiziellen Schutzkonzepte können sich die Vereine am Ende meist nur selbst kontrollieren. So sei es aus personen- und datenschutzrechtlichen Gründen juristisch nicht möglich, Listen über auffällig gewordene Trainer einzufordern, heißt es dazu etwa vom DLV.
Pamela Dutkiewicz arbeitet heute am OSP in Stuttgart. Foto: imago images/Beautiful Sports
Pamela Dutkiewicz sieht die Ursache des so genannten Trainer-Hoppings vom einen Verein oder Verband zum nächsten auch in der vielerorts schlechten Bezahlung und der fehlenden Wertschätzung des Trainerjobs: „In Baden-Württemberg beobachte ich, dass sehr viel für die Situation der Trainer und den Stellenwert des Trainerberufs getan wird“, sagt sie: „Aber das ist nicht überall so. Wir haben in Deutschland ein Nachwuchsproblem: Es gibt immer weniger Coaches, die diesen anspruchsvollen Job machen wollen – und so gibt es bei der Besetzung von offenen Stellen auch wenig Auswahl.“ Ergo: die wenigen gut Qualifizierten werden gebraucht und finden selbst dann noch nicht selten einen neuen Verein oder Verband, wenn sie woanders rausgeflogen sind.
Pamela Dutkiewicz setzt auf die Integrität der Verantwortlichen. „Neueinstellungen erfordern professionelle Verfahren und verantwortungsbewusste Prüfungen“, sagt die Athletenmanagerin – deren Arbeit am Stuttgarter OSP nach dem Urlaub weitergeht. Ihre Türen stehen offen. Für alle Athletinnen und Athleten und deren Belange.