Missstände in Schlachthöfen Politik will Metzgern auf die Finger schauen

Von Bernhard Walker 

Das Land Niedersachsen plant über den Bundesrat eine Pflicht zur Videoüberwachung in Schlachthöfen. Doch Fachleute bezweifel, ob dies qualvolle Tötungen wirklich verhindern hilft.

Schlachthof Tauberbischofsheim: Der Betrieb war im Februar von Behörden geschlossen worden. Foto: dpa
Schlachthof Tauberbischofsheim: Der Betrieb war im Februar von Behörden geschlossen worden. Foto: dpa

Berlin - In Schlachthöfen soll es künftig Videoüberwachung geben. Mit einem entsprechenden Bundesratsantrag reagiert die niedersächsische Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) auf die krassen Missstände in mehreren Schlachthöfen. So sind jüngst zwei Fälle aus dem Raum Osnabrück bekannt geworden, bei denen Tiere qualvoll zu Tode kamen. Im baden-württembergischen Tauberbischofsheim musste bereits vor Monaten ein Schlachthof schließen, nachdem bekannt geworden war, dass dort Tiere unter schlimmsten Bedingungen getötet wurden. Doch aus Sicht von Fachleuten greift die Videoüberwachung viel zu kurz.

Die Bilder sind schockierend. Im Herbst waren Videos bekannt geworden, auf den Tierquälerei in Schlachthöfen in Bad Iburg und Osnabrück zu sehen ist. Sie zeigen zum Beispiel, wie Kühe mit Seilwinden über den Boden gezogen und mit Tritten, Schlägen, spitzen Gegenständen oder Elektrotreibern zur Schlachtung getrieben werden. „Solche Bilder will ich nicht sehen“, meint Otte-Kinast. Sie hat angekündigt, dass die Veterinärbehörden mehr Mitarbeiter einsetzen sollen, um landesweit einheitliche Kriterien für Tierschutzkontrollen in Schlachtbetrieben durchsetzen zu können. Auch sind nach Angaben des Hannoveraner Agrarministeriums bis Mitte Dezember 15 Betriebe in Niedersachsen unangemeldet überprüft worden.

Auch der Bundestag ist alarmiert

In Tauberbischofsheim hatten die Behörden einen Betrieb wegen tierschutzrechtlicher Verstöße schon Mitte Fe­bruar geschlossen. Der Verein Soko Tierschutz hatte in dem Unternehmen mit versteckter Kamera gefilmt – die Videos sollen unter anderem belegen, dass Tiere vor der Schlachtung nicht ausreichend betäubt sowie nicht zugelassene Geräte eingesetzt wurden. So sollen die Beschäftigten unnötig Elektroschocks eingesetzt und den Tieren damit Leid zugefügt haben.

Was ihren Wunsch nach einer bundesweiten Videokontrolle anbelangt, hat die CDU-Politikerin durchaus Verbündete. So fordern die CDU/CSU- und die SPD-Fraktion im Bundestag, dass geklärt wird, „ob Videoaufnahmen die Kontrollen der Schlachthöfe verbessern können und ob dies bundeseinheitlich geregelt werden kann.“ Allerdings ist das rechtlich ausgesprochen schwierig. Die Erfassung mit Kameras wäre schon aus Gründen des Datenschutzes nur denkbar, wenn dabei keine Personen aufgezeichnet würden. Dann allerdings nützten die Bilder nichts: Tierquälerei in den Schlachthöfen geht ja von Beschäftigten – also von Personen – aus. Oder anders gesagt: Eine lückenlose Übersicht des Schlachtprozesses (Anlieferung der Tiere, Wartestall, Betäubung, Entblutung) bis zu ihrem Tod lässt sich nicht erstellen, wenn Personen außen vor bleiben. Möglich wäre also allenfalls, nur die Stationen im Schlachtprozess zu filmen, bei denen keine Personen involviert sind. Sie geben aber noch Einschätzung von Fachleuten höchstens groben Aufschluss darüber, ob der Tierschutz beachtet wird.

Tierärzte widersprechen

Die Veterinärin Uta Seiwald von der Tierärztekammer Niedersachsen betont, dass die Videoüberwachung kein einziges Problem löse. „Auf einem Video sehe ich nicht, was wirklich geschieht“, sagt Seiwald, die selbst in der Schlachttier- und Fleischuntersuchung tätig ist: „Um festzustellen, ob ein Tier ausreichend betäubt ist, muss man viele Parameter wie zum Beispiel die Atembewegungen, die Augenlider, die Pupillen oder den Augapfel prüfen.“ Auch stellt Seiwald die Frage, wer das ganze Videomaterial sichten solle. Dafür gebe es nicht genug geschultes Personal.

In einem der Schlachthöfe, die nun wegen der Misshandlungen in der Kritik stehen, habe es eine Videoaufzeichnung gegeben: „Leider hat da aber wohl niemand drauf geschaut.“ Die Kamerapflicht, so Seiwald, sei zudem immer nur eine Betrachtung im Nachhinein: „In dem Moment, in dem etwas Tierschutzwidriges passiert, greift sie ja nicht konkret ins Geschehen ein.“ Der Vorstoß diene somit nur dazu, die Verbraucher zu beruhigen und dabei die eigentliche und schwierige Reformarbeit zu übersehen.

Schwarze Schafe bringen Branche in Verruf

Wer wirklich Verbesserungen wolle, müsse viel weiter ansetzen. Dazu zählten Schulungen bei allen, die mit den Tieren umgingen – sei es der Transporteur oder die Schlachter, von denen viele aus Osteuropa stammten und kein Deutsch sprächen. Wichtig ist aus Seiwalds Sicht auch, schon beim Bauern stärker zu kontrollieren, wenn ausgemergelte oder kranke Tiere zur Schlachtung abgegeben werden sollen. Und wichtig sei auch, dass mehr Veterinäre eingestellt würden, die unabhängig arbeiten könnten – die also nicht von Vorgesetzten unter Druck gesetzt würden, wenn sie Fehler oder Verstöße gegen den Tierschutz feststellten: „Es gibt fraglos Schlachthöfe, die sehr gut arbeiten. Aber das sind eben leider nicht alle.“