Mit 119 Sachen durchs Stadtgebiet Fellbach rüstet bei Radarfallen auf

Mit teilstationären Blitzern haben andere Kommunen – hier ein Beispiel aus Winnenden –  bereits Erfahrung. Jetzt will auch Fellbach solch einen Anhänger anschaffen. Foto: Gottfried Stoppel
Mit teilstationären Blitzern haben andere Kommunen – hier ein Beispiel aus Winnenden – bereits Erfahrung. Jetzt will auch Fellbach solch einen Anhänger anschaffen. Foto: Gottfried Stoppel

Bei der Geschwindigkeitsmessung hat ein Sinneswandel eingesetzt. Längst wird nicht nur wegen der Verkehrssicherheit kontrolliert. Auch Lärm und Schadstoffemissionen rücken zunehmend in den Fokus.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)
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Fellbach - Den Vogel abgeschossen hat ein offenbar überaus eiliger Autofahrer vergangenes Jahr auf der Stuttgarter Straße. Obwohl die Höchstgeschwindigkeit im Stadtgebiet auf Tempo 50 begrenzt ist, war er mit 119 Sachen in Richtung Stuttgart unterwegs – und raste auf Höhe der Holzbaufirma Oettinger prompt in eine Radarfalle.

Belohnt wurde der lokale Geschwindigkeitsrekord mit einem Fahrverbot und Punkten in Flensburg – wobei auch zur Wahrheit gehört, dass es sich bei dem unrühmlichen Spitzenwert um einen absoluten Ausnahmefall handelt. Mit einer im dreistelligen Bereich zitternden Tachonadel wurde in Fellbach sonst im Jahr 2020 kein einziges weiteres Fahrzeug geblitzt. Nur 2018 war ein Raser ebenfalls mit einer Geschwindigkeit jenseits der 100-Stundenkilometer-Marke unterwegs – übrigens an gleicher Stelle. Und: auch sonst belegen die regelmäßigen Messungen der Stadt mit einer seit den 1990er Jahren eingesetzten Radarfalle, dass sich die übergroße Mehrheit der Autofahrer an die Tempolimits hält.

Die Statistik zeigt keinen haarsträubenden Niedergang der Verkehrsmoral

Mit überhöhter Geschwindigkeit waren im Schnitt der vergangenen drei Jahre jedenfalls noch nicht mal fünf Prozent der Autofahrer in Fellbach unterwegs. Die meisten Überschreitungen gab es auf der Schorndorfer Straße auf Höhe des Rems-Murr-Centers. Die B 14 schon vor Augen ließen sich immerhin 816 von gemessenen 30 058 Autofahrern zum Tritt aufs Gaspedal verleiten – eine Überschreitungsquote von 2,7 Prozent. Noch etwas niedriger ist der Anteil geblitzter Fahrer auf der Straße nach Rommelshausen, die wegen der nicht ungefährlichen Ausfahrt von der B 14 als Unfallschwerpunkt gilt und deshalb auch besonders im Fokus des Fellbacher Ordnungsamts liegt. Von 19 502 gemessenen Autos und Lastwagen waren an dieser Stelle exakt 519 zu schnell unterwegs, das Spitzentempo lag bei 79 Stundenkilometern – keine Quote, die von einem haarsträubenden Niedergang der Verkehrsmoral zeugt.

Dennoch will die Stadt Fellbach bei der Geschwindigkeitsüberwachung deutlich aufrüsten und plant Ausgaben von mehr als einer halben Million für stationäre und mobile Radarfallen. Allein 130 000 Euro kosten soll der geplante Ersatz für den mittlerweile in die Jahre gekommenen mobilen Blitzer, der gute Dienste geleistet und seine Anschaffungskosten mutmaßlich eingespielt hat. Vorteil des sehr flexibel einsetzbaren Geräts ist, dass es auch in einer Hecke oder im Böschungsbereich aufgebaut werden kann. Nachteil ist, dass ohne Personal nichts geht: Die Messung – pro Jahr an durchschnittlich 178 Tagen – muss permanent von einem geschulten Mitarbeiter überwacht werden. Legt sich das Ordnungsamt nachts auf die Lauer, sind aus Sicherheitsgründen sogar zwei Kräfte notwendig.

Neben der Verkehrssicherheit geht es auch um LKW-Durchfahrtsverbote

Deshalb will die Stadt künftig neben der mobilen Radarfalle noch zusätzliche Blitzgeräte einsetzen. Geplant ist der Kauf einer teilstationären Anlage, die wie ein Autoanhänger am Straßenrand abgestellt wird – und als ebenso robust wie vandalismussicher gilt. Der Vorteil des inklusive Kameratechnik etwa 260 000 Euro teuren Geräts ist, dass auch ohne Personaleinsatz quasi Tag und Nacht geblitzt werden kann – der interne Akku reicht für eine Woche. Neben der Geschwindigkeit lassen sich auch Regelungen wie etwa Lkw-Durchfahrtverbote effektiv überwachen.

Außerdem auf dem Wunschzettel hat die Stadt zwei stationäre Radar-Säulen, die mit Kamera jeweils etwa 160 000 Euro kosten, aber auch im Wechsel betrieben werden könnten. Da Autofahrer nicht auf den ersten Blick erkennen, ob das Gerät nun scharf geschaltet ist oder nicht, sind sie zu einer angepassten Geschwindigkeit fast schon gezwungen. Als Standort der beiden Säulen schwebt der Stadt zum einen die Rommelshauser Straße vor. Ein zweiter Platz soll nach Protesten von Anwohnern über zu hohe Geschwindigkeiten die Ludwigsburger Straße im Stadtteil Oeffingen sein – obwohl die Statistik das nicht hergibt. Von 8881 gemessenen Fahrzeugen war in den vergangenen drei Jahren kein einziges zu schnell unterwegs.

Radarfallen sind nun auch ohne besondere Gefahrenlage erlaubt

Bis vor drei Jahren war die Regelung unmissverständlich: Geblitzt werden durfte im Südwesten nur, wenn die Autofahrer aus Gründen der Verkehrssicherheit den Fuß vom Gaspedal nehmen müssen. Das machte es den Behörden unmöglich, eine Radarfalle etwa auf einer schnurgeraden Landstraße aufzubauen – geblitzt werden durfte nur im Kreuzungsbereich. Auch die Überwachung von Tempolimits, die wegen Lärmschutz oder auch wegen Schadstoffemissionen eingeführt wurden, war prinzipiell tabu. Die bis 2018 geltende gesetzliche Regelung ist inzwischen aber aufgeweicht. Zwar darf sich der Einsatz von Überwachungsanlagen grundsätzlich weiterhin nur an Aspekten der Verkehrssicherheit orientieren. Ausnahmen sind aber erlaubt. Deshalb dürfen Tempolimits, die wegen Lärm oder Schadstoffausstoß angeordnet sind, nun auch ohne besondere Gefahrenlage mit Radarfallen überwacht werden.




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