Mit dem Rad über die Alpen fürs Abi „Es nimmt einfach kein Ende“

Politik: Siri Warrlich (swa)
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An diesem Hang, im Schatten immerhin, macht auch Charlotte einen Fehler. Sie hebt den Blick. Und verzweifelt fast an dem, was sie da sieht. Alpencross ist wie Bungee-Jumping, nur umgekehrt: Bloß nicht nach oben gucken! „Es nimmt einfach kein Ende!“, ruft Charlotte. Und das Echo verleiht ihren Worten hier oben durchaus etwas Dramatisches.

Die Schüler sollen lernen, sich durchzubeißen und selbstständiger zu werden – das sind für Brigitte Becker, 50, und Jens Kaufmann, 47, die wichtigsten Ziele des Projekts. Die beiden Lehrer, passionierte Mountainbiker, haben sich ein Jahr lang mit ihrer Alpengruppe vorbereitet: im Fitness-Studio beim Spinning und Krafttraining, im Schulunterricht mit Themen wie Ernährung und Navigation.

Die Streckenführung vom Schliersee in Bayern bis nach Riva del Garda am Gardesee, 386 Kilometer und insgesamt 7600 Höhenmeter, haben die Schüler aus vier Alternativen selbst ausgewählt. Gewitzt. So sind die Lehrer aus dem Schneider, wenn kurz vor der Mittagspause auch die größten Optimisten die Sinnfrage nicht mehr ausblenden können. Hannibal hatte für seine Alpenüberquerung damals wenigstens einen guten Grund. Ihm ging es um die Zukunft Karthagos. Aber was in aller Welt haben Leonberger Abiturienten hier verloren?

Gianluca muss abbrechen

„Sie sollen eine Herausforderung haben, aus der sie nicht mehr rauskommen“, sagt die Lehrerin Becker. „Natürlich könnten sie sagen, dass sie nicht mehr können und nach Hause wollen. Aber das wäre ja ein Gesichtsverlust gegenüber den anderen. Also fahren sie weiter, komme, was wolle.“

Oder müssen, wie in Gianlucas Fall, notgedrungen abbrechen. Dem 18-Jährigen wurde gleich zu Beginn ein Defekt zum Verhängnis. Der Dämpfer am Hinterrad ging kaputt. Im gesamten Umkreis gab es keinen Fahrradladen, der das Teil vorrätig hatte. Gianluca musste schweren Herzens mit dem Zug nach Hause fahren. Der Rest kämpfte sich bis zur letzten Etappe – und beneidete ihn vielleicht ab und an.

Mittagspause in Molveno. Wer den Ort bei ­Google eingibt, bekommt jede Menge Fotos mit Skiliften angezeigt. Erschöpft plumpsen die Schüler auf die Wirtshausstühle. Auch der Lehrer Kaufmann, dem bisher noch kein Anstieg das breite Lächeln aus dem Gesicht wischen konnte, kann sich einen Hauch Erschöpfung nicht verkneifen. Heftig seien die Rampen gewesen. „Wer diese Wege gebaut hat, ist ein Folterknecht“, sagt er und schiebt sich noch eine Gabel Tagliatelle mit Steinpilzen in den Mund.

Pasta, alle haben Pasta bestellt. Anton noch einen Teller Kartoffeln dazu. Zwar ist beim Alpencross keine Waage verfügbar, aber er hat zweifellos den schwersten Rucksack. Das könnte daran liegen, dass der 18-Jährige bei seiner ersten Alpenüberquerung unter anderem eine Thermoskanne und eine elektrische Zahnbürste mit sich führt. Als die Packliste besprochen wurde, ­habe er leider gefehlt, erklärt er.




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