Mit dem Schauspiel Stuttgart in den Untergrund Der Krieg, so nah – am Eckensee

So wird der Kriegsalltag fassbar: Blick in eine Station der Audioführung. Foto: Björn Klein

Im Luftschutzkeller von Kiew: Das Stuttgarter Schauspiel zeigt „City X. Fragmente eines Krieges“, eine erschütternde Audioführung von Gernot Grünewald. Sie lässt das Idyll am Eckensee plötzlich sehr brüchig erscheinen.

Das Idyll am Stuttgarter Eckensee ist perfekt. Man sitzt auf Bänken, liegt auf Wiesen, plaudert, flaniert, radelt. Ein Frühlingsabend, der nichts von seinem Glück weiß. Noch. Schon bald hören wir Nadja zu, 78, die auf „einen ruhigen Lebensabend gehofft“ hat, bis am 24. Februar 2022 um 5 Uhr morgens eine Rakete in der Nähe ihres Hauses explodierte.

 

„Und dann noch eine“, sagt die Ukrainerin, die uns 80 Minuten lang freundlich, aber bestimmt den Weg durch die Stadt weist und alles, was uns hier vertraut war, jäh ins Unvertraute kippen lässt. Ihre erschütternden Kriegsberichte legen sich über die Idylle, bis sie dahin ist – und der ferne Krieg ganz, ganz nah, wobei unsere Führerin physisch nicht anwesend ist, sondern via Kopfhörer nur akustisch.

Im Untergrund der Luftschutzkeller

Wir befinden uns in „City X. Fragmente eines Krieges“. Nadja, gesprochen von Gabriele Hintermaier, ist die nüchterne Erzählerin in der beklemmenden, vor der Pforte des Schauspiels startenden Audioführung von Gernot Grünewald mit Texten von Luda Tymoshenko und Maryna Smilianets. Vom russischen Angriffskrieg aus Kiew vertrieben, arbeiten die Autorinnen mit einem Stipendium der Solitude-Akademie in Stuttgart und haben sich zum Ziel gesetzt, „die Ukraine im Kampf um den Sieg mit den Mitteln der Kunst zu unterstützen“. Große Worte, aber was ihrer Prosa auf jeden Fall gelingt: Sie zeigt den Krieg als Monster, das alles an sich reißt, sich in den Alltag der Menschen, in ihr Denken und Handeln, in jede Faser ihres Körpers frisst – und bei diesem Audio-Walk auch die Zuhörer in die Knie und in den Untergrund der Luftschutzkeller zwingt.

Odyssee durch finstere Kellerzellen

Mit Nadjas wegweisenden Kriegsschilderungen im Ohr, die uns die Schlossgarten-Idylle brüchig erscheinen lassen, gelangen wir zur Einfahrt einer Tiefgarage. Im Kopfhörer heulen Alarmsirenen auf, wir werden zum Runtergehen aufgefordert und kommen im Dunkeln vor einer Leuchtreklame mit einem sonnigen Immobilienversprechen zum Stehen: „Wir bringen ihre Wohnträume unter Dach und Fach.“ Es folgt das Gegenteil, eine Odyssee durch eine Vielzahl enger, muffiger, finsterer, mit Funzeln oder Kerzen ausgeleuchteter Zellen, in denen nun – leibhaftig – stumme Darstellerinnen wie Spukgestalten nachvollziehen, was in den Kellern von Kiew bis Charkiw passiert, während über ihnen Putins Bomben einschlagen.

Hingehen, sofern man über 16 ist

Sie bauen Molotowcocktails, gießen Kerzen, verteilen Lebensmittel, kleiden sich für eine Hochzeit ein, wiegen Säuglinge in den Schlaf, unterrichten Kinder, kochen, essen, schlafen, trauern, verzweifeln. Und während wir einsam durch diese gespenstische, anderswo aber erschreckend reale Parallelwelt irren, fühlen auch wir uns von den Dämonen des Kriegs verfolgt und überwältigt, so beängstigend präzise hat Gernot Grünewald die Audioführung durch den Untergrund eingerichtet. Auch wenn man nicht jede der in „City X“ mit absoluter Gewissheit vorgetragenen Haltungen zu Krieg und Frieden, Sieg und Niederlage teilen mag: Der Schrecken, den Russlands Krieg über die Menschen in der Ukraine bringt, wird fassbarer als in jeder Fernsehreportage. Hingehen, sofern man über 16 ist. Das ist die nachvollziehbare Altersempfehlung des Theaters.

City X. Fragmente eines Krieges: Weitere Aufführungen am 9., 10., 21. und 30. Mai sowie im Juni und Juli.

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