Mit dem Wandermönch von Meßkirch nach St. Gallen Nach vorn in die Vergangenheit

Michael Skuppin schaukelt auf seiner historischen Mission als Wandermönch zwischen damals und heute hin und her. Foto: Claudio Hils

In Meßkirch entsteht zurzeit eine mittelalterliche Klosteranlage – Campus Galli. Die Plan dafür ist vor 1200 Jahren auf der Insel Reichenau entstanden und wird heute in St. Gallen verwahrt. Eine besondere Wandergruppe hat sich nun auf den Weg dorthin gemacht.

Meßkirch - Wolkenfetzen treiben am Nachthimmel und geben dem Mond freie Sicht auf die Szenerie am Eingang von Campus Galli bei Meßkirch. Normalerweise schaffen hier, auf der Mittelalter-Baustelle, Handwerker und Ehrenamtliche mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts ein Kloster auf Grundlage des St. Galler Klosterplans. An diesem Tag haben sich im Morgengrauen drei Esel und allerhand Volk eingefunden. Im Mittelpunkt: Michael Skuppin, dem seine Rolle als Wandermönch Agnus O’Neill wie die Kutte auf den Leib geschneidert scheint.

 

Skuppin belässt es bei einer kargen Begrüßung. Das Vorhaben spricht für sich: Zu Fuß sollen 1200 Jahre überbrückt werden. 190 Kilometer weit wollen der Wandermönch und sieben Begleiter plus Esel zurück in die Vergangenheit wandern: Zunächst auf die Insel Reichenau, wo der Klosterplan als Blaupause eines klösterlichen Ideals gezeichnet wurde, und dann weiter bis in die Stiftsbibliothek nach St. Gallen, wo das Original verwahrt wird.

Die mittelalterliche Wandergruppe setzt sich in Bewegung. Noch sucht jeder den eigenen Rhythmus. Michael Skuppin erzählt von dem irischen Wandermönch Agnus O’Neill, den er auf dieser Reise verkörpert, und verrät dabei auch einiges über sich, den Liedermacher und Schauspieler aus Wolfartsweiler bei Bad Saulgau. Sein Kinderglauben an den lieben Gott, so sagt Skuppin, wurde schon in der zweiten, dritten Klasse aus ihm herausgeprügelt. Zwei, drei Jahre wartete er darauf, dass Gott einschreite und Gerechtigkeit walten lasse – vergeblich. „Danach war ich nicht mehr willens, das, was ich nicht weiß, mit Glauben aufzufüllen.“ Erklärungen für sein Weltbild findet der 57-Jährige mittlerweile in der Neurobiologie und Epigenetik und hält sich ansonsten an den Grundsatz: „Immer neugierig und offen bleiben für all das, was wir noch nicht wissen!“

Neugierig und offen sind alle hier. Doch die Einzige, die weiß, wo’s langgeht, ist Anita Metz. Die Streckenwartin vom Schwäbischen Albverein führt die Gruppe mit großer Sympathie für das Unterfangen: „Früher hat man Meßkirch nur gekannt, weil sich hier zwei Bundesstraßen kreuzen. Heute bringt Campus Galli Zehntausende Menschen jährlich hierher, auch wenn es noch immer beharrliche Gegner gibt, für die dieses Projekt die reine Geldverschwendung ist.“ Hügelan schreitet die Karawane gen Schnerkingen, durchquert den Ort und hält auf den Wald zu. Die Wiesen zwischen den endlosen Maisfeldern werden zu Fleckenteppichen, als wären sie Fußabtreter der Turbolandschaft, die ganz auf subventionierte Biogasanlagen setzt.

Nonnen und „Highway to hell“

Zwei Tage später werden für die deutsch-schweizerische Wandergruppe in Stockach die Karten neu gemischt: Ab der Loretokapelle übernimmt der Schwarzwaldverein für einen Tag die Führung. Der rückt in Mannschaftsstärke an zum Treffpunkt am Stadtrand, wo bis 1751 der frühere Postknecht und Kapellen-Erbauer Mathias Steinmann als Emerit gehaust hat.

Am Waldrand auf dem Spittelsberg wachsen stattliche Eichen. Davor, so weit das Auge Richtung Ludwigshafen und Sipplingen reicht: Obstplantagen. Dem Jungvolk auf dem Camping Schachenhorn, das sich morgens schon mit Bier in Stimmung bringt, ist der See näher als die beeindruckenden Wirtschaftsgüter rundum. Ein paar Schritte weiter im Naturschutzgebiet Acherried wachsen durch Wind und Wetter geborstene Weiden ungeniert weiter. Haubentaucher, Blässhühner und Stockenten haben hier ihr Rückzugsgebiet.

Im frühen Mittelalter war der Ort Bodman so bedeutsam, dass er dem Bodensee seinen Namen gab – „See, an dem Bodman liegt“. Hoch über dem See leben Nonnen der Religionsgemeinschaft Agnus Dei in äußerster Bescheidenheit. Morgens öffnen sie die Kapelle zu einem Gottesdienst. Nur ein paar Hundert Meter weiter auf der Hochebene beim Gutshof donnert dem Wandermönch und seiner Entourage „Highway to hell“ aus dem Lautsprecher der Bisonstube entgegen. Kneipier Marc empfängt mit einem dröhnenden Lachen, zeigt seine breite Brust unter dem weit geöffneten Hoodie und trägt das Haar zum Dutt hochgeknotet. Ein Mann so wuchtig wie die alte Linde in seinem Biergarten, der hier inmitten von Indianer-Bildern und Biker-Stuff seit 28 Jahren dem Rock ’n’ Roll frönt: „Des kannsch glauben, mei liaber Schiaber!“

Noch ist das Tagesziel nicht erreicht. Schweigend trottet die Karawane in der Mittagshitze durch Liggeringen, inspiziert angestrengt jeden einzelnen Wegweiser: Noch wie viele Kilometer bis nach Markelfingen? Weit und breit ist sonst keine Menschenseele unterwegs. Nur Bäume, Wiesen, Felder ringsum – und dann der Mindelsee. Urtümlich und still, verborgen vor dem Massenansturm am Bodensee, liegt er da. Ein selten schönes Naturschutzgebiet, das mit seiner Vogelwarte dem Max-Planck-Institut für Ornithologie Aufschlüsse über die Folgen des Klimawandels für Vögel ermöglicht. Gleich dahinter öffnet sich der uralte Wald wie eine feuchte Höhle. Gestrandeten Walen gleich liegen massige Buchstämme am Ufer, von Wind, Wetter und Alter gefällt. Jetzt faulen sie in Ruhe vor sich hin, lebendige Oasen des Zerfalls.

Im Ruderboot auf die Reichenau

Der nächste Tag katapultiert die Wanderer auf den Radweg Richtung Allensbach. Geschwader von Sportsfreunden machen dicht an dicht mit gewölbten Oberschenkeln auf schmalen Rädern verbissen Strecke. Zoing – und noch ein stromlinienförmiger Blitz saust von hinten kommend am Mönch im wallenden Gewand vorbei.

In Allensbach will ein gewisser Martin Andersen Nexo in den 1920er Jahren die Bodenseefaulheit als Krankheit entdeckt haben. Heute lebt hier die Bestsellerautorin Gaby Hauptmann, doch den Wandermönch zieht es weiter, im Ruderboot über den See auf die Reichenau.

Kaum auf der Insel gelandet, geht es für die Wanderer im Eilschritt dem Historiker Helmut Fidler hinterher. Hier irgendwo hat also der Wandermönch und Klostergründer Pirmin 724 der Legende nach mit dem Stock solcherart auf die Erde geschlagen, dass innerhalb von drei Tagen alle Schlangen und Kröten von der Insel verschwunden waren. Mittlerweile ist alles hier Weltkulturerbe und lockt Touristen aus aller Welt in Scharen an.

Hastig geht es durch den gotischen Chor des Münsters St. Maria und Markus vorbei in die Schatzkammer. Jeder Schrein eine Geschichte aus Heiligtümern und Reliquien. Hier finden sich die Krüge der Hochzeit von Kanaan und die Gebeine des heiligen Markus, ein sagenhafter Blutfleck von 1738 – und vor allem aber auch Schriften, die bezeugen: Die Schreibstube auf der Reichenau war die Wiege der europäischen Kultur. Und das interessiert den Wandermönch und seine Gefährten ganz besonders.

Um 817 stellte der Reformabt Benedikt von Anani für alle fränkischen Klöster geltende Benediktiner-Regeln auf. So wurde einheitlich geregelt: Wann wird aufgestanden? Wie oft rasiert man sich? Im Zuge dessen, so liegt es für Helmut Fidler nahe, wurde auf der Reichenau darüber nachgedacht, wie ein Kloster im besten Fall auszusehen hat: im Zentrum die Kirche mit einem öffentlichen Zugang und dem Kreuzgang dahinter. Überlegungen zum Ideal halt, die alles umfassten: Der Kräutergarten sollte am besten gleich neben der Krankenstation angelegt werden, der Abt über dem Allerheiligen schlafen, die gesamte Anlage mit rund 50 Gebäuden ganz auf die klösterlichen Kernaufgaben ausgerichtet sein. So entstand der St. Galler Klosterplan als der erste Architekturplan überhaupt.

Adressiert an Abt Gozbert kam der Klosterplan etwa im Jahr 830 nach St. Gallen. Dort wurde er allerdings nie umgesetzt. Erhalten blieb das Pergament aus Schafshaut über fast 1200 Jahre hinweg nur deshalb, weil die Rückseite des Plans genutzt wurde, um das Leben des heiligen Martins aufzuschreiben.

Das letzte Stück ist am unwirklichsten

Michael Skuppin ist vor allem von der Geschichte des irischen Wandermönchs Gallus, dem Gründer von St. Gallen, fasziniert. Während der Wanderung wird diese Faszination ständig neu befeuert und treibt alle gemeinsam weiter – nun erneut über das Wasser: Eigens für die Überfahrt zu den Eidgenossen hat der Verein für Rhein-Fischerei das Boot Kathy aus dem Museum geholt.

Dann ist auch schon Schweizer Boden erreicht. „Willkommen im Paradies!“, begrüßt der Zeglihof bei Ermatingen seine Gäste. Von hier oben hat man einen freien Blick über den Rhein bis weit runter nach Konstanz. Die Sandbänke der Reichenau verraten, dass dieses Jahr gut zwei Meter Wasser fehlen.

Assoziatives Gehen könnte man es nennen, wie der Wandermönch in seinen 30 Jahre alten Birkenstock-Schuhen Kurs auf St. Gallen hält. Dabei blickt er hauptsächlich zu Boden, direkt auf den Weg vor sich. Der offenbart eine ganz eigene Poesie, wenn man stundenlang so läuft. Irgendwann muss die Autobahn Kreuzlingen– Zürich überquert werden. In Märstetten stellen sich Ehrenamtliche am Sonntagabend in die Küche einer pittoresken Pilgerherberge und kochen große Töpfe Spaghetti für alle. Gepilgert wird hier auf dem Schwabenweg schon seit dem Mittelalter, um auf den Jakobsweg zu kommen.

Ab Märstetten geht es immer geradeaus bis nach St. Gallen. Die letzten Meter bis zum Ziel durch die Fußgängerzone sind die unwirklichsten der ganzen Reise. Und dann steht der Wandermönch samt der Esel und dem ganzen Tross vor der Stiftskirche. Hat seine Mission erfüllt. Ist zu Fuß von Meßkirch bis St. Gallen gelaufen, hat Grenzen überschritten und einen Weg gefunden.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage St. Gallen