Mit der Gema unterwegs Hier spielt die Musik

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Die Gema ist der Sündenbock für gesperrte Youtube-Videos oder ein vermeintliches Discosterben. Vor allem kassiert sie 900 Millionen Euro im Jahr von Kneipen, Friseursalons und Fitnessstudios. Manfred Motzer sorgt dafür, dass das Geld flächendeckend fließt – etwa die Extragebühr für EM-Übertragungen.

Motzer mit seiner 60-Seiten-Liste für Reutlingen Foto: Horst Rudel
Motzer mit seiner 60-Seiten-Liste für Reutlingen Foto: Horst Rudel

Reutlingen / Stuttgart - Manfred Motzer kennt jede Kneipe zwischen Pliezhausen und Illertissen. Er kennt auch alle Fitnessstudios, jeden Friseursalon sowie die meisten Wettbüros, Nagelstudios und Imbissstuben. Im Auftrag der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz Gema, besucht er regelmäßig sogenannte Nutzungsorte in den Landkreisen Heidenheim, Alb-Donau, Ulm, Tübingen, Reutlingen und Mannheim. Er überprüft, ob das Radio tönt, der Fernseher oder ein CD-Player, ob die Musik im Hintergrund läuft oder nicht und wie groß der jeweilige Raum ist. ­Daran bemisst sich die Gema-Rechnung.

4000 Besuche macht Manfred Motzer im Jahr. „Kundenberater“ steht auf seiner Visitenkarte. Tatsächlich ist der 52-Jährige eine Honorarkraft im Außendienst: Er bekommt einen kleinen Betrag für jeden Kontrollbesuch – und Prozente für jeden Vertrag, den ein Betreiber mit der Gema neu abschließt. Motzer kontrolliert an die 8000 Nutzungsorte, bundesweit hat die Gema 180 000 in der Datenbank. Deutschland ist Gemaland. Trotzdem kann Manfred Motzer nicht recht verstehen, warum jemand seine Arbeit interessant findet: „Mich wollen Sie begleiten? Aber meine Besuche laufen eigentlich immer gleich ab.“

An der Gema ist nicht nur interessant, dass sie lückenlos erfasst, wo in Deutschland öffentlich Musik gespielt wird. Interessant sind auch die Diskussionen um gesperrte Youtube-Videos oder die Diskussion um die Tarife, wegen derer angeblich Discos pleitegehen.

In diesen und anderen Fällen muss die ­Gema als Prügelknabe herhalten, obwohl sie ja bloß die Ansprüche ihrer Mitglieder durchsetzt. Sie treibt Geld für jene ein, die Musik geschrieben oder Rechte daran erworben haben. Zahlen muss jeder, der diese Lieder öffentlich spielt. Und weil Musik quasi überall läuft und so gut wie alle Songs geschützt sind, sammelt die Gema unter anderem in Gestalt von Manfred Motzer überall Geld ein – bundesweit fast 900 Millionen Euro im vergangenen Jahr.

Mit dem Gema-Kontrolleur in Reutlingen

Mittwochvormittag in Reutlingen. Motzer steigt aus seinem Wagen mit Günzburger Kennzeichen. Als Arbeitsmaterialien reichen ein paar Visitenkarten und 60 Seiten dicht bedrucktes Papier: eine Liste aller Nutzungsorte in der Stadt, nach Straßennamen sortiert, samt Angaben zu Inhaber und zum Tarif. „Zum Warmwerden“ geht Manfred Motzer ins Café Dalmatino, Bahnhofstraße 1/1: Balkanpop, Cappuccino, Spielautomaten. Er schaut in ­seine Liste, fragt an der Bar, ob der Chef noch derselbe ist und ob weiterhin nur Radio läuft. Ein Nicken, danke, auf Wiedersehen – „und ­sagen Sie mir bitte noch Ihren Namen, damit ich weiß, mit wem ich gesprochen habe“. Nach zwanzig Sekunden ist alles geschwätzt.

Man merkt, dass Manfred Motzer seine höflichen Sprüche schon seit 13 Jahren aufsagt. Es geht an einem Friseursalon vorbei („Den hab’ ich schon“), in eine Imbissstube („Bei Ihnen ist ja immer noch alles gleich, gell?“), einen Laden für E-Zigaretten und die daneben gelegene Sportwetten-Bar. Vier Minuten, vier Besuche, vier Haken auf der Liste. Auch im nahe gelegenen Nevada Army Shop (Hörfunkwiedergabe, Gastraum bis 80 Quadratmeter, 34,05 Euro im Quartal) und bei Body Fit (Ladenfunk, Fitnessraum bis 100 Quadratmeter, 51,86 Euro) ist musikmäßig alles beim Alten.

Er habe zwar den leisen Verdacht, dass viele nicht ganz genau wüssten, wofür sie da überhaupt zahlten, aber die meisten Kneipen-, Laden-, Fitnessstudio- und sonstigen Betreiber beglichen ihre Rechnung regelmäßig, sagt Manfred Motzer. Erst ein einziges Mal sei einer handgreiflich geworden. Gemeckert werde hingegen schon ab und zu. Er sagt dann: „Sie haben zwei Optionen: zahlen oder Musik aus.“

Wer die Musik weder ausmacht noch dafür zahlt, dem flattern eine Schadenersatzforderung, ein Anwaltsschreiben und dann eine Vorladung vom Amtsrichter ins Haus. Die Gema ist ein Verein, aber eigentlich eine Behörde, die Urheberrechte durchsetzt. Wer Musik öffentlich abspielt, kommt an ihr nicht vorbei.