Auf der Suche nach dem Unerklärlichen durchstreifen Geisterjäger alte Gemäuer, Burgruinen, Privathäuser. Ausgerüstet mit allerlei technischem Gerät, wollen sie ungewöhnliche Erscheinungen aufspüren. Protokoll einer Spuk-Tour.

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Neumarkt - Burg Wolfstein liegt in völliger Dunkelheit. Die imposante Ruine aus dem 12. Jahrhundert, die weithin sichtbar auf dem 588 Meter hohen Wolfsteinberg bei Neumarkt in der Oberpfalz thront, ist menschenleer. Um 21.30 Uhr überqueren drei schwarz gekleidete Gestalten mit Alukoffer, Stativen und Taschenlampen die Brücke über den Burggraben. Die drei Nachteulen, die sich Trasgu, Hexana und Reare nennen, sind Geisterjäger vom Ghosthunterteam Bayern (GHTB), die in der Ruine eine paranormale Untersuchung durchführen. Mit Datenlogger, Gaußmaster und Trifeldmeter wollen sie Geister aufspüren.

Nachdem das Trio seine Geräte im verfallenen Palast der Burg aufgebaut hat, verharrt es in der Stille. „Sit down“ nennen Geisterjäger diese oft stundenlange Geduldsprobe. In jeder Ecke haben sie eine Videokamera für so genannte Night-Shots postiert. Mit Hilfe von Infrarotlicht kann man selbst bei stockdunkler Nacht Aufnahmen machen. Digitale Aufnahmegeräte sollen Geisterstimmen aufnehmen, die man angeblich nur beim Abspielen hört.

21.50 Uhr

Die Geisterjagd beginnt. Mit fester Stimme ruft Alexander Wagner alias Trasgu aus Kümmersbrück „Ist da jemand? Geist, wie heißt du?“ Wagner, Doris Michel alias Hexana und Dominik Stefko alias Reare lauschen gebannt. Keine Antwort. Trasgu ruft erneut: „Sind wir allein? Wer bist du?“ Wieder nichts.

22.15 Uhr

Mit einem Infrarot-Thermometer misst Doris Michel die Temperatur an den Buckelquadern. Minus drei Grad. Die Luftfeuchtigkeit ist normal. Sie schiebt eine Endoskopkamera unter einer Tür durch. Außer Geröll ist nichts zu sehen.

Trasgu, Hexana und Reare sind alte Hasen

Wenn es nicht mit rechten Dingen zugeht, auf dem Dachboden poltert oder man sich von etwas Unheimlichem bedroht fühlt, ist das ein Fall für die bayerischen Geisterjäger. Das derzeit achtköpfige Team um Computerfachmann Wagner hilft bei rätselhaften Geräuschen, Strahlungen und sonstigen Vorkommnissen. Wagner: „Wir gehen den Phänomenen wissenschaftlich auf den Grund. Zu 95 Prozent gibt es eine natürliche Erklärung. Die restlichen fünf Prozent interessieren uns besonders.“ Doris Michel ergänzt: „Wir wollen den Menschen ihre Angst vor dem Unerklärlichen nehmen.“

Wagner nennt sich einen Skeptiker. Man müsse ihm die Geister im Koffer vorbeibringen, vorher glaube er nicht daran. „Aber ich bin überzeugt, dass es etwas gibt, was man nicht erklären kann. Es ist reine Neugier, die mich nach Geistern suchen lässt.“ Seit 2005 fahndet er nach dem Paranormalen. Anfang 2009 gründete er das GHTB.

Unterwegs in Ruinen, Burgen und Rathäusern

Geister-Gruppen haben regen Zulauf. Neben gut zwei Dutzend Geisterjägergruppen existieren mehrere Websites. Im größten Forum www.geisternet.com tauschen laut Wagner mehr als 2500 Mitglieder ihre Spuk-Erlebnisse aus.

„Es gibt einen Boom“, sagt Doris Michel. Die Angestellte ist seit Ende 2009 GHTB-Mitglied. Aufgrund von Erscheinungen, Stimmen und Vorausahnungen suchte sie den Kontakt. Inzwischen widmet sie einen Großteil ihrer Freizeit der Spuk-Fahndung. „Es ist fast schon ein Beruf.“ Dominik Stefko sagt von sich: „Ich bin echt der Harte“, sagt er. „Wenn es anderen mulmig wird, bleibe ich cool stehen.“ Doris Michel nickt anerkennend. „Reare kennt keine Angst.“

Pro und Contra Geisterjagd

Geister? „Nicht auszuschließen“

Nach jedem Projekt werten die Geisterjäger das Material akribisch aus. Wagner: „Es ist ganz schön langweilig, Videos anzuschauen, bei denen man stundenlang auf eine Mauer starrt.“ Mehrere Dutzend Objekte haben sie bisher untersucht – Privathäuser, Ruinen, Burgen, ein Rathaus. Viel Paranormales war nicht darunter. In der Ruine Stockenfels in Nittenau, wo der Sage nach eine weiße Frau ihr Unwesen treibt, nahmen sie rätselhafte Stimmen auf. „Hilfe, wir sind entdeckt“ – „Wir haben kein Geld mehr“ – „Wir vermissen euch“. Einige Stimmen seien eindeutig gewesen, so Wagner. Geister? „Nicht auszuschließen.“

Ein anderes Mal sah Doris Michel auf Burg Stockenfels ein „weißes Etwas“ auf sich zukommen. Plötzlich stieß sie einen Schmerzensschrei aus. „Etwas hatte mich durch die Jacke in den rechten Oberarm gezwickt“, sagt sie und schwört, dass es keine Einbildung war. „Zu Hause habe ich gesehen, dass ich einen blauen Fleck hatte.“

Experten für Psi-Phänomene

Der Wiener Professor Andreas Hergovich hält den Geisterglauben für ein psychologisches Problem. „Es geht dabei um Menschen, die Aufmerksamkeit erregen wollen oder große seelische Probleme haben.“ Das Geisterphänomen sei nicht an sich existent. Es hänge immer zusammen mit Personen, die es bewusst oder unbewusst verursachten, indem sie zum Beispiel Teile ihrer Persönlichkeit abspalten, erläutert der Psychologe.

Doch auch der Experte für PSI-Phänomene muss eingestehen, dass es „im Alltag bisweilen seltsame Phänomene“ gibt. So verschwinden auf unerklärliche Weise Gegenstände - wie der Schlüssel, der gerade noch auf dem Schreibtisch lag. Plötzlich taucht er wie durch Geisterhand wieder auf. „Das ist wie verhext“, so Hergovich, „doch mit Geistern hat es nichts zu tun.“

Parapsychologische Hilfe

Wer sich von dem Unerklärlichen massiv bedrängt fühlt, kann sich an Walter von Lucadou wenden. Mehrere tausend Anfragen pro Jahr bekommt der Psychologe und Physiker, der die Beratungsstelle der Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Förderung der Parapsychologie (WGFP) in Freiburg leitet. „1000 unserer Anfragen gehören in die Kategorie Anomalie – irritierender Beobachtungen, die man wissenschaftlich schwer einordnen kann.“

Spukfälle fänden tatsächlich statt und stünden immer in Verbindung zu den Menschen, die sie erlebten, betont Lucadou. Das Treiben der Geisterjäger sieht er kritisch. „Es sind folkloristische, hoffnungslos naive Vorstellungen zu glauben, man würde in alten Gemäuern Geister finden und könne sie fotografieren.“ Nachts in Ruinen rumzukraxeln sei ein „nettes Hobby“, habe mit Wissenschaft aber nichts zu tun.

Geisterjagd – nur ein Produkt der Fantasie?

Kaum jemand kennt sich mit Geistern so gut aus wie Helmut Rellergerd alias Jason Dark. Mehr als 300 Millionen Hefte und Taschenbücher aus der Reihe „Geisterjäger John Sinclair“ hat der 71-Jährige seit 1973 verkauft. „Geisterjagd ist eine schöne Beschäftigung, bei der es einen gruseln kann. Aber ich glaube nicht an Geister“, meint er. Dafür seien Neurologen und Psychiater zuständig. Er sei nur mit einer „wahnsinnigen Fantasie“ begabt und schreibe Spukgeschichten, die die Leute wohlig erschauern lassen.

Gerhard Mayer hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGGP) in Freiburg täglich mit allerlei Sonderbarem zu tun. Er nennt es Anomalien, die man „nicht wegdiskutieren kann“. Elektronische Geräte setzen plötzlich aus, Geschirr fällt völlig unerklärlich aus dem Schrank. „Solche Dinge tauchen immer wieder auf. Man darf sie aber nicht so deuten, als ob Geister am Werk sind.“ Die meisten Phänomene könnten erklärt werden durch „die innere psychische Dynamik der betroffenen Personen“.

Stochern im paranormalen Nebel

Ist der Geisterglaube also nichts anderes als Projektion, Fantasterei, Wahnvorstellung? Davon ist Bernd Hader, Mitglied im Skeptiker-Verein GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften), überzeugt. Geisterjagd sei ein „Stochern im Nebel“, basierend auf „reinen Vermutungen und völlig willkürlichen Interpretationen“. Sie soll den eigenen Glauben bestätigen, um dann zu behaupten, es gebe Stimmen oder Erscheinungen.

Fakt ist: Paranormale Phänomene haben profane Ursachen. Für unerklärliche Energiefelder sind oft marode Stromleitungen verantwortlich, Klopfgeräusche stammen von Mäusen und nicht von Poltergeistern. Beliebt bei Spuk-Anfälligen sind Cold Spots (kalte Luftzüge): Ein plötzlicher Temperaturabfall, der auf die Anwesenheit eines Geistes hindeuten soll, der seiner Umgebung Wärme entzieht.

Wer Geistern nachjagt, muss jede Menge Hohn und Spott über sich ergehen lassen. Kommentare wie „Spinner“ und „Idioten“ seien noch harmlos. „Mittlerweile sagen aber nur noch wenige, dass wir einen Vogel haben“, erzählt Wagner. Das GHTB sieht sich als letzte Instanz, wenn Betroffene nicht mehr weiterwüßten. Die Hilfe ist kostenlos, beinhaltet aber keine psychologische Beratung.

23.30 Uhr

Auf Ruine Wolfstein packen die Geisterjäger ihr Equipement zusammen. Wagner: „Das mit der Geisterstunde ist Schmarren. Wenn es Geister gibt, dann 24 Stunden am Tag.“ Plötzlich wird es noch mal gruselig. Das Trio verspürt eine „gewisse Kälte“. Doch die stellt sich als Zugluft heraus.

Die nächste Geisterjagd wartet. Doch zuvor werden die Aufnahmen von Burg Wolfstein ausgewertet. Die Spuk-Bilanz, die ein paar Tage später per E-Mail eintrifft, ist recht ernüchternd: „Wir haben keine Auffälligkeiten feststellen können“, schreibt Wagner. „Wir können aber nicht vollkommen ausschließen, dass auf Ruine Wolfstein paranormale Aktivitäten vorkommen. Es wäre vermessen zu sagen, dass es dort nichts gibt.“

Info – Die Welt des Paranormalen

Anomalistik

Anomalien sind Abweichungen von der Regel, Beobachtungen, die der Wissenschaft und dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Die Anomalistik wendet nach eigener Aussage wissenschaftliche Methoden an, um rationale Erklärungen für das Paranormale zu finden.

Geisterflecken

Esoteriker sehen darin paranormale Erscheinungen, in denen sich die Seelen Verstorbener widerspiegeln. Tatsächlich fotografiert man unscharfe Gegenstände wie Staubpartikel, die bei Aufnahmen mit Blitzlicht sichtbar werden.

Parapsychologie

Paranormal heißen Phänomene, die von der Normalität abweichen und nicht wissenschaftlich erklärbar sind. Umgangssprachlich wird der Begriff oft gleichgesetzt mit außer- und übersinnlich. Die Parapsychologie will paranormale Phänomene beschreiben und erklären. Der Begriff wurde 1889 vom deutschen Philosophen Max Dessoir geprägt. Man unterscheidet mentale und paraphysische Sachverhalte. Mentale umfassen Telepathie (Gedankenlesen) und Psychometrie (Hellsehen). Unter paraphysischen Sachverhalten versteht man die geistige Beeinflussung der Umwelt ohne direkten Kontakt durch Telekinese (Bewegung von Gegenständen durch geistige Einwirkung), Materialisation (Erscheinen von Gestalten durch Elektroplasma, das aus einem unter Trance stehenden Medium austritt), Spuk und Levitation (Schweben von Personen, Gegenständen).

PSI

Dieser Buchstabe aus dem griechischen Alphabet wird als Überbegriff für parapsychologische Phänomene verwendet. Psi ist der Anfangsbuchstabe des Wortes Psyche (griechisch für Seele). Er bezeichnet oft eine unbekannte Kraft, die sich hinter paranormalen Phänomenen verbergen könnte.

Spuk

Bei nicht erklärbaren Erscheinungen unterscheidet man zwischen ortsgebundenem Spuk, der Jahrhunderte andauern kann, und personengebundenem Spuk (auch Poltergeist-Spuk). Darunter fallen Klopfgeräusche, elektrische Störungen und Bewegung von Gegenständen. Gespenster sollen mit Vorliebe an Orten mit angeblich unheimlicher Atmosphäre wie Burgruinen, Schlössern und Friedhöfen ihr Unwesen treiben.