Mit-Initiator Tobias Wall über das Festival „Coming In!“ in Nürtingen: „Outsider Art muss ein fester Teil der Kunstlandschaft Baden-Württemberg werden“

Engagiert im Thema Outsider Art: Tobias Wall Foto: mwk/mwk

Bereits in den 1970er Jahren auf große Kunstbühnen gefeiert, ist es in den vergangenen Jahren still geworden um die Outsider Art. Tobias Wall will dies mit dem Festival „Coming In!“ in Nürtingen ändern.

An diesem Freitag, 14. Juni, startet in Nürtingen das Outsider Art-Festival „Coming In!“. Zehn Kunsteinrichtungen und die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt sind beteiligt. Mit-Initiator ist der Stuttgarter Kunstvermittler Tobias Wall. Was sind die Ziele des schon vorab viel beachteten Projektes? Wir haben nachgefragt.

 

Herr Wall, um was geht es bei „Coming In!“?

Uns geht es darum, Kunst, die außerhalb der akademischen Kunstwelt geschaffen wurde, zum Beispiel von Menschen mit Behinderung oder Psychiatrieerfahrung, in Ausstellungen, Workshops und einer Tagung erlebbar zu machen. Obwohl Outsider Art mittlerweile international auf großen Ausstellungen wie der Biennale in Venedig oder der Documenta gezeigt wird, ist sie beim breiten Publikum oft noch unbekannt, selbst in Baden-Württemberg, obwohl es hier großartige Talente gibt.

In der Kreuzkirche in Nürtingen zu sehen: Stefan Häfners „Mann in schottischem Kostüm“ Foto: Stefan Häfner, Kreative Werkstatt Diakonie Stetten//Andrea Ebner

Und das wollen Sie ändern?

Genau. An verschiedenen Orten in Nürtingen kann man die unglaubliche künstlerische Kraft und Originalität von Outsider Art erleben. Gleichzeitig möchten wir bei „Coming In!“ über die Kunst zu einem offenen und lebendigen Umgang mit Inklusion, Diversität und Toleranz einladen.

Sie nutzen den Begriff „Outsider Art“ – aber was meint dies für Ihr Projekt?

Wir haben tatsächlich lange diskutiert, mit welchem Kunst-Begriff wir bei „Coming In!“ arbeiten. „Outsider Art“ hat sich als Begriff für die Kunst außerhalb des akademischen Kunstbetriebs etabliert. Er bezeichnet eine Kunst, die einerseits mit Ursprünglichkeit und direkter künstlerischer Kraft verbunden wird, aber gleichzeitig auch mit Außenseitertum und damit Marginalisierung.

Der Projekttitel wäre dann auch eine Aufforderung?

Ja, unser Veranstaltungstitel „Coming In!“ versteht sich als Gegengewicht zum „Outsidertum“: Er signalisiert, dass wir mit unserer Veranstaltung die sogenannte „Outsider Kunst“ mitten hinein in das aktuelle Kunstleben bringen wollen, damit sie ein breites Publikum sehen und erleben kann. Übrigens stammt der Titel aus einem der betreuten Ateliers, mit denen wir zusammenarbeiten.

Der Stuttgarter Künstler Thomas Putze zeigt in der Ruoff-Stiftung Werke aus der Serie „Der Affe und der Ich (Zitat Rocket Freudental)“ Foto: Putze/Putze

„Coming In!“ spielt auf unterschiedlichsten öffentlichen Bühnen Nürtingens. Ist das letztlich auch ein Anspruch des Projektes – Verbindendes sichtbar zu machen?

Ja! Am Anfang waren es nur das Kulturamt und der Studiengang Kunsttherapie der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt. Aber schnell sind viele andere Nürtinger Kulturinstitution bei Coming in! eingestiegen: die Sammlung Domnick, die Ruoff Stiftung, der Nürtinger Kunstverein, die Freie Kunstakademie Nürtingen, das Forum Ilse und K.H. Türk, die Alte Seegrasspinnerei, das KulturCafé SprechZimmer, der Schauraum des Kulturvereins Provisorium und auch die Bodelschwinghschule. Alle mit wunderbarem Programm. Und tatsächlich haben „Coming In!“ und die Idee, Kunst und Inklusion zusammenzubringen, die Szene in besonderer Weise verbunden. Ich denke, über „Coming In!“ wird sichtbar, wie reich und vielfältig die Kunst in Nürtingen ist, und wie großartig es ist, zusammenzuarbeiten.

Über beteiligte Künstlerinnen und Künstler wie etwa Thomas Putze führen einige „Coming In!“-Linien nach Stuttgart – nur Zufall?

Wir hoffen natürlich, mit „Coming In!“ einen Impuls zu setzen, der weit über Nürtingen hinausgeht und auch in Stuttgart und ganz Baden-Württemberg wirkt. Durch unsere Zusammenarbeit mit der Sammlung Prinzhorn, die die bedeutendste Einrichtung für Outsider Art in Deutschland ist, haben wir ja schon Berührung mit der internationalen Szene. Outsider Art muss ein fester und sichtbarer Teil der Kunst und Kulturlandschaft in Baden-Württemberg werden. Auch in Stuttgart.

„Coming In!“ in Nürtingen

Der Initiator
Tobias Wall, geboren 1970 in Augsburg, studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Promotion in Kulturmanagement zum Verhältnis von Kunst und Museum im 20. Jahrhundert. Von 2006 bis Geschäftsführung der Karin Abt-Straubinger Kunststiftung. Kunst- und kuratorische Beratung für Unternehmen, Banken – vor allem Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen – und die öffentliche Hand. Diverse Lehraufträge unter anderem am Institut für Kulturmanagement und der Zeppelin University Friedrichshafen und der Yunnan Arts University, China. 2015-2017 Professor für Kulturmanagement an der SRH University, Campus Calw. 2017 Referent am Ministerium für Wissenschaft Forschung und Kunst u.a. im Bereich Digitalisierung. Seit 2018 bis 2020 Forumsleiter „Digitale Welten“ im kulturpolitischen Prozess – Kulturpolitik für die Zukunft“ des Landes Baden-Württemberg. Seit 2021 Fachreferent Bildende Kunst im Kulturamt der Stadt Stuttgart

Das Projekt
Vom 14. Juni bis zum 14. Juli geben Nürtinger Kunstinstitutionen in Ausstellungen, Performances und Vorträgen Einblicke in die Welt der Outsider Art in der Region. Eröffnet wird das Festival „Coming In!“ am Freitag, 14. Juni, sowie am Samstag, 15. Juni, und am Sonntag, 16. Juni. Organisatoren von „Coming In!“ sind: das Kulturamt der Stadt Nürtingen gemeinsam mit den Hochschulstudiengängen Künstlerische Therapien der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Beteiligt sind: die Sammlung Domnick, die Freie Kunstakademie Nürtingen, die Fritz und Hildegard Ruoff Stiftung, der Kunstverein Nürtingen e.V., das Forum Türk, der SCHAURAUM des Provisoriums, das KulturCafé SprechZimmer, die Bodelschwinghschule, die Leben inklusiv e.V. und der Trägerverein Freies Kinderhaus e.V.. Die Sammlung Prinzhorn Heidelberg, bedeutendste Sammlung für Outsider Art in Deutschland, ist Partner von „Coming In!“.

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