Mit Mut und Freude Geschäft eröffnet Drei Senioren leben in Bad Cannstatt ihre Leidenschaft für Vinyl

Arnold Maiwald, Helmut Faber und Klaus Reiß (v.li.) in ihrem Geschäft „Die Schallplatte“. Foto: Iris Frey

Ein früherer Notar, ein ehemaliger Stadtplaner und ein Ex-Schreiner haben sich zusammengetan und einen Schallplattenladen eröffnet. Was steckt dahinter?

Lokales: Iris Frey (if)

Klaus Reiß, Arnold Maiwald und Helmut Faber haben in der Cannstatter Altstadt in der Spreuergasse am Jakobsbrunnen ein Geschäft für Schallplatten eröffnet. Sie haben ganz unterschiedliche Biografien, kennen sich aber schon länger. Eins eint sie: Sie mögen Vinyl. Und sie freuen sich darauf, das Herz Bad Cannstatts zu beleben.

 

Faber ist ein alter Hase in Sachen der runden Scheiben. Der gelernte Schreiner hatte bereits vor 50 Jahren einen Schallplattenladen eröffnet und suchte jetzt neue Herausforderungen. Mitstreiter Klaus Reiß freut sich, „dass er mit dem Laden seine Sammelleidenschaft zum professionellen Hobby gemacht hat“. Der einstige Bezirksnotar aus Bad Cannstatt freut sich auch darauf, mit Kunden in Kontakt zu kommen. Der Fan von Free Jazz weiß, dass sein Musikgeschmack ganz eigen ist.

Ein neues kulturelles Herz für Bad Cannstatt

Und der dritte im Bunde, der einstige Stadtplaner Arnold Maiwald, sagt: „Der Jakobsbrunnen hat viel Charme.“ Er wünscht sich, dass hier noch mehr gemacht wird als nur ein Plattenladen, „ein kulturelles Herz für Bad Cannstatt“. Da schlägt offenkundig auch das Herz des Stadtplaners und Gestalters. Der aus Bietigheim-Bissingen stammende Maiwald hat mit dem Kornwestheimer Faber und dem Ludwigsburger Reiß nach einem Laden gesucht. „In Ludwigsburg sei alles weg gewesen, und in Stuttgart haben Lage und Preis nicht gepasst“, sagt Reiß. Vor fünf Wochen fiel dann die endgültige Entscheidung. Cannstatt wird es. Dann ging alles schnell. „Der Zufall wollte es“, sagt Reiß. Makler und Eigentümer entschieden sich für die das Trio. Reiß blickt voraus. Er könnte sich auch vorstellen, in Zukunft hier Weine zu präsentieren zur Musik.

Große Nachfrage schon am ersten Tag

Das Vorgängergeschäft war eine Weinhandlung. Die 180 Quadratmeter bieten Entwicklungsmöglichkeiten. Faber hatte die Idee zum Laden. Er will es nochmals wissen. Und Reiß konnte auch nicht aufhören und wollte noch etwas tun. Maiwald hat Faber über die Musik, auf Konzerten in Ludwigsburg vor sechs Jahren kennengelernt. Faber und Reiß kennen sich seit 40 Jahren über das Ladengeschäft.

Alle drei entpuppen sich in ihrem teils ganz neuen Job als aufmerksame Verkäufer. Mal stehen sie an der Theke, dann beraten sie Kunden, die bereits am ersten Tag in den Laden strömen. An diesem Mittag entdeckt Faber sogar einen Bekannten aus Berlin. Alle drei sind überrascht, wie groß die Nachfrage ist und freuen sich. Eifrig beugen sich die Interessierten über die Boxen mit Schallplatten.

Gelernter Schreiner hat sein Hobby zum Beruf gemacht

Faber hat schon früh sein Hobby zum Beruf gemacht. „Vor 50 Jahren habe ich auf dem Flohmarkt in Karlsruhe meine ersten LPs gekauft und verkauft. Zweieinhalb Jahre später war ich dann in Stuttgart auf dem Flohmarkt auf dem kleinen Schlossplatz.“ Musik war schon als Neunjähriger sein Leben. Zuerst mit den deutschen Schlagern mit Freddy Quinn, Friedel Hensch oder Ted Herold und anderen. „Dann ist die Revolution mit den Rolling Stones, Beatles und Who in meine jugendlichen Glieder eingebrochen. Seit dieser Zeit interessiert mich fast jede Schallplatte, egal welcher Art von Musik – außer Musik mit faschischtischen Inhalten.“

Auf Flohmärkten jede unbekannte Schallplatte gekauft

Von diesem Zeitpunkt an hat er fast alles angehört, was er in die Finger bekam. Auf den Flohmärkten hat er sich jede Schallplatte gekauft, die er nicht gekannt habe. „Irgendwann boten mir dann verschiedene Leute ihre gesamte Schallplattensammlung an und so wurde ich zum Verkäufer meiner doppelten Exemplare im Jahr 1977.“

Neben seiner beruflichen Tätigkeit stand er jeden Samstag auf dem Flohmarkt Kleiner Schlossplatz. Nach etwa fünf Jahren und verschiedenen Gesprächen mit Schallplattensammlern, die meinten, er solle mit meinem Wissen einen Laden eröffnen, hat er sich 1983 entschlossen, diesen Weg einzuschlagen. Mit Erfolg. „Der Laden wurde weltbekannt“, so Faber. 2013 übergab er das Geschäft seinen damaligen Mitarbeitern. Doch, sagt er, der Ruhestand sei nicht wirklich für ihn geeignet. Er suchte nach neuen Herausforderungen und fand sie in der Kooperation mit Klaus Reiß und Arnold Maiwald. „Jetzt geht es voller Elan zu dritt in die Zukunft“, sagt Faber.

Bezirksnotar in Teilzeitrente startet neu durch

Reiß ist ebenfalls 71 Jahre alt. Er ist seit einem Jahr verwitwet. Seit 1991 war er Bezirksnotar in Bad Cannstatt. „Ich bin seit 2018 in Teilzeitrente, das heißt ich arbeite noch zwei Tage in der Woche in einem Notariatsbüro in Ludwigsburg.“ Neben seinen Hobbys Fahrradfahren, kochen, lesen und Livemusik hören, hat er auch schon lange die Leidenschaft für Schallplatten. „Ich sammle seit etwa 1968 Musik in allen Bereichen, vor allem Progressiv Rock und Free Jazz“, sagt er. Die erste LP, die er erworben hat, war eine Sergeant Peppers Lonely Heart Club Band von den Beatles.

„Die Idee einen Schallplattenladen aufzumachen entstand aus einer Laune heraus spontan Anfang des Jahres, und ich war sofort dabei das Projekt mit Helmut und Arnold anzugehen und zu entwickeln“, erklärt Reiß.

Einstiger Stadtplaner kaufte erste Schallplatte mit 13 Jahren

Arnold Maiwald, ebenfalls 71 Jahre alt, hat seine erste Schallplatte im Alter von 13 Jahren gekauft. „Es war eine Langspielplatte von den Kings.“ Durch den Radiosender der englischen Streitkräfte, der in Nordrhein/Westfalen zu empfangen war und den Piratensender Radio Caroline, welcher aus der rauen Nordsee vor England die neuesten Trends sendete, tauchten die Jugendlichen damals Mitte bis Ende der 60er Jahre in eine eigene Musik-Welt ein. „Man traf sich, hörte Musik und tauschte Schallplatten aus“, erinnert er sich. Ein zweiwöchiger Urlaub in London war 1970 ein Höhepunkt für ihn. „Es ging nicht darum, sich die architektonischen Highlights der englischen Metropole anzuschauen, sondern sich möglichst viele Konzerte von angesagten Bands aus der Zeit anzuhören. Mit einem Sack von LPs ging es dann zurück in die Heimat, und der Virus des Musikhörens ließ mich nicht mehr los“, so Maiwald.

Mit 67 endete seine Arbeit als Stadtplaner in Stuttgart. Zuerst vertiefte er sein Reisehobby. Im vorderasiatischen und afrikanischen Raum. „Der Iran, Pakistan, Sudan, Algerien und Äthiopien haben mich in architektonischer, menschlicher und musikalischer Hinsicht sehr beeindruckt“, sagt Maiwald. Das nächste Abenteuer ist „Die Schallplatte“, erklärt er. Faber hat ein Ziel: Er will noch bis 80 Schallplatten verkaufen, und bis dahin sollen noch 6000 bis 7000 Platten aus seiner Sammlung dazukommen. „Meine Kinder und Enkel interessieren sich nicht dafür“, so Faber.

Die Schallplatte hat Zukunft – „Vinyl lebt“

Doch generell sehen alle drei die Zukunft in der Schallplatte. Platten würden weiterhin produziert, sogar wieder vermehrt. Und auch jüngere Leute kämen, nicht nur die 95 Prozent Männer ab 40, 50 aufwärts. Was die Plattenliebe so besonders macht, weiß Faber: „Eine Schallplatte muss behandelt werden wie wenn man jemanden liebt.“

Die Liebe zum Vinyl hat die drei jedenfalls auch alle bürokratischen Hindernisse bewältigen lassen: In kurzer Zeit haben sie alle notwendigen Schritte erledigt von Bankgeschäften, Gewerbeanmeldung bis zur Gema. „Helmut Faber ist bestens vernetzt mit Plattenläden und Kunden“, weiß Reiß. „Er ist unser Paradepferd.“

Und auch Musiker freuen sich: Blues-Guitar-Spieler Wolfgang Bernreuther spielte zur Eröffnung. Zuerst gab es seine Musik von der Platte: „Beyond open skies“ von der Platte „Still a Fool“. Sein Motto: „Vinyl lebt“.

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