Stuttgarter Altstadt entdeckt das Miteinander Wirte machen sich für Schnelltests nachts im Viertel stark

Wer hat das L geklaut?  Sara Dahme  vom Kulturkiosk   im Züblin-Parkhaus  zeigt Kunst virtuell und bietet  samstags ihren  To-go-Service an. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 13 Bilder
Wer hat das L geklaut? Sara Dahme vom Kulturkiosk im Züblin-Parkhaus zeigt Kunst virtuell und bietet samstags ihren To-go-Service an. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Spannungen zwischen Bordellen und hippen Bars sind vergessen. Die Freiluft-Ausstellung von Lutz Schelhorn, die quer durch die Altstadt führt, sorgt für ein neues Miteinander. Jetzt machen sich Wirte für Schnelltests nachts im Viertel stark.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Der kulturelle Sturm und Drang ist in Stuttgart so stark, dass er bis in ein tristes Parkhaus vorgedrungen ist, nämlich in das von Züblin. Im Inneren ist der nicht so schmucke Betonklotz am Rande des Rotlichtviertels mit zeitgenössischer Fotokunst reich bestückt. Bei der Internationalen Bauausstellung 2027 dürfen Stadtplaner auf diesem Areal experimentieren. Das Parkhaus wird in etwa drei Jahren abgerissen. Der Ort soll zur Quartiermitte einer wieder vereinten Leonhardsvorstadt werden. Schon jetzt ist das Züblin ein Experimentierfeld – für die Kultur, zeitweise selbst für die ohne L.

Der Buchstabe L ist von der „Kulturkiosk“-Schrift des Züblin-Parkhauses abgefallen. Na und? Wenn die gesamte Kultur wegfällt, trifft es eine Stadt wesentlich härter. L wie lustig, L wie lädiert, L wie Lockdown. Sara Dahme hat im Sommer 2020 – also zwischen dem ersten Lockdown (dessen Beginn jährt sich an diesem Samstag) und dem zweiten – ihren Treff eröffnet. Mit Ausstellungsraum und Gastro im Außenbereich lockt sie an einen Ort, der als schwierig wegen Drogen und Prostitution galt.

Hier lohnt es sich, um die Häuser zu ziehen

Im Lockdown Nummer zwei bietet Dahme samstags ihren To-go-Service an und freut sich, wie viele Menschen gezielt ins Quartier kommen, um „Fotos im Fenster“ des früheren Hells-Angels-Präsidenten Lutz Schelhorn anzuschauen. Um die Häuser ziehen, das lohnt sich: Quer durch die Altstadt hängen 43 Fotografien hinter Glas an 25 Locations.

„Man sieht hier nun Menschen, die sonst nie kommen“, berichtet Messalina-Chef John Heer, „da kommen Paare jeden Alters, Familien mit Kinderwagen, sie gehen mit Plan in der Hand von Fenster zu Fenster.“ Im Schaukasten seiner Tabledance-Bar hängen sonst knapp bekleidete Damen – jetzt ist dort Schellhorns Fotokunst ausgestellt.

„Die erste Aktion in der Altstadt, bei der alle mitmachen“

Auch Jörg Kappler von der Bar Holzmaler ist begeistert: „Die Ausstellung ist die erste Aktion in der Altstadt, bei der alle mitmachen.“ Vom Laufhaus bis zum Schwäbischen Heimatbund, von der Szenebar Puf bis zum Jazzclub Bix – überall kann man seine Nasen an Scheiben platt drücken und überraschende Einblicke entdecken.

Autor und Reiseführer Holger Hommel mag Kunst, wie er sagt, aber zur Liebe reiche es selten. „Kunst in engen Räumen“ erdrücke ihn: „Zu viele Bilder, dazu alle Parfüms der Saison. Man will nach Luft schnappen und überlegt, wann man Richtung Ausgang abhauen kann, ohne als Banause zu gelten.“ In den Gassen der Altstadt ist passiert, was er für ausgeschlossen hielt. Hommel ist verliebt in „Fotos im Fenster“ und schwärmt: „So morbide das Pflaster, so innovativ das Konzept der Ausstellung.“

Jetzt erscheint der Katalog zur Erfolgsausstellung

Weil die coronakonforme Galerie, deren Idee in anderen Städten übernommen wird, so erfolgreich ist, hat der 61-Jährige nun den Katalog dazu herausgebracht (erhältlich ab sofort auf www.lutz-schelhorn.de). Auf der Rückseite ist das Foto seiner an Corona gestorbenen Mutter Gisela Schelhorn zu sehen. Ihr hat er die Ausstellung gewidmet.

„Die Bilder zeigen nicht nur Orte, Plätze und Persönlichkeiten“, schreibt Autor Joe Bauer im Vorwort, „Lutz Schelhorn hat auch die Stillen und Verletzten, die Unbeachteten und Ausgegrenzten sichtbar gemacht.“ Damit ist Stuttgart in den verrückten Zeiten zu einem kulturellen Highlight gekommen.

Erst zum Testen, dann zum Altstadtbummel

Das neue Miteinander soll noch mehr Gutes bewirken. Patrick Witz von der Fou Fou Bar wirbt mit Kollegen für die Idee, mitten im Leonhardsviertel ein Schnelltestzentrum für die Nacht zu eröffnen. Es gibt dort Räume, die leer stehen. Mit einer Art „Coronapass“ in digitaler Form wäre die Rückkehr zur Theke über QR-Codes möglich. So könnte es laufen: Erst geht’s zum Testen – und bei negativem Ergebnis kann der Barbummel beginnen. Die Altstadt-Wirte wollen ihre Idee demnächst OB Frank Nopper (CDU) vortragen.

Wird die neue Gemeinsamkeit im Quartier des roten Lichts in der Zeit nach der Pandemie bleiben? Im Viertel haben Gegensätze und verschiedene Interessen in der Vergangenheit oft Konflikte ausgelöst. Jetzt reden die Nachbarn von einem neuen Zusammenhalt, der viele verblüfft.

In der Krise denkt man das Viertel neu

Sara Dahme vom Kulturkiosk will mithelfen, dass die Vielfalt nach Corona eine Stärke des Viertels bleibt. Wie lange sie im Parkhaus bleiben kann und wann Abrissbagger kommen, weiß sie freilich nicht. Ob sie damit begonnen hat, ein neues Domizil zu suchen? „Erst mal muss ja wirklich abgerissen werden“, antwortet sie, „und in Stuttgart dauert so was oft etwas länger.“

In der Krise, so scheint es, denkt man das Viertel neu. Und klar ist: Der Hunger nach Kultur ist groß. Die Spaziergänger von der Altstadt beweisen dies Schritt für Schritt.




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