Mit Walter Sittler beim Dreh in Lindau Der Kommissar und der See

In der Altstadt von Lindau: Walter Sittler (links) mit dem Regisseur Felix Karolus (Mitte) und dem Kameramann Wolfgang Aichholzer Foto: ZDF/Patrick Pfeiffer

Der Schauspieler Walter Sittler ermittelt wieder: In Lindau dreht er die zweite Folge der neuen Reihe „Der Kommissar und der See“.

Ein Tief liegt über dem See. Der kühle, von den Bergen fallende Wind wühlt das tiefgrüne Wasser auf und schiebt die Wolken immer näher auf Lindau zu. Eine schwarzblaue Wand, die den Dreh zu vermasseln droht, sobald sie bricht und Regenfluten vom Himmel stürzen lässt.

 

Die Crew blickt besorgt nach oben. Nur einer bewahrt die Ruhe: „Der See druckt’s Wetter weg“, prophezeit Holger Bruckmann, Betriebsrat bei einem Maschinenbauer, der sich freigenommen hat, um seinem Hobby nachzugehen: Komparse spielen. Verkleidet als Polizist für einen Tag ist er am Set weit und breit der Einzige, der Alemannisch spricht und sich nicht nur meteorologisch vor Ort auskennt. Der Rest des Teams kommt aus Berlin, Hamburg, Köln und Stuttgart: Für drei Wochen hat der Schauspieler Walter Sittler, 69, sein Stuttgarter Lehenviertel verlassen, um in Lindau und Umgebung die neue ZDF-Reihe „Der Kommissar und der See“ zu drehen. Darin gibt es titelgemäß gleich zwei Stars: den Bodensee und eben ihn, Sittler, in der Rolle des Ermittlers Robert Anders.

Robert Anders in seiner alten Heimat

Die erste Folge der Reihe heißt „Liebeswahn“, ist bereits gedreht und läuft am kommenden Montag, Tag der Deutschen Einheit, um 20.15 Uhr. Datum und Uhrzeit sind so prominent gewählt, dass es als Signal zu lesen ist. Das ZDF hat hohe Erwartungen an den Pilotfilm, der an die auf Gotland gedrehte, im vergangenen Dezember nach 29 Folgen abgesetzte deutsch-schwedische Erfolgsreihe „Der Kommissar und das Meer“ anknüpft. Schon da spielte Sittler den mit Empathie begabten Ermittler. Jetzt geht’s mit ihm weiter, unten am See, laut dem Drehbuch seine alte, von ihm vor Jahren verlassene Heimat, wo der nun pensionierte Robert Anders im „Liebeswahn“ prompt selbst unter Mordverdacht gerät, weil er als Letzter mit einem nun tot im Wasser treibenden Mädchen zusammen war. Er aber macht den wahren Täter ausfindig und ebnet damit, da er nicht in den Knast muss, den Weg für die „Narrenfreiheit“. So der Titel der zweiten Folge mit dem auf eigene Faust ermittelnden Kommissar, die in diesen Tagen und Wochen bei Wind und Wetter gedreht wird.

Die Prognose des kostümierten Polizisten erfüllt sich. Tatsächlich reißt jetzt der Himmel über dem Drehort auf, jäh bricht die Herbstsonne durch die Wolkenwand. Aufatmen am Set, die Arbeit im Lindauer Hafen kann beginnen. Das blassrosa in die Welt leuchtende, in einem neubarocken Gebäude beherbergte Finanzamt hält als Polizeirevier her, vor dessen Kulisse neben den Hintergrund-Komparsen nun die Schauspieler auftreten.

Kamera ab: Sittler/Anders, der Pensionist, der’s nicht lassen kann, redet auf die von Nurit Hirschfeld gespielte Jungkommissarin ein, um ihr bei der Aufklärung des Mords an einer Transfrau zu helfen. Wieder war er der Letzte, der das Opfer gesehen hat, eine Zufallsbekanntschaft am Rand der alemannischen Fasnacht, deren Rituale, so scheint’s, schreckliche Formen annehmen können. Wurde die Gender-Außenseiterin tödlich aus der Männerbündelei ausgestoßen? Das ist die Frage und zugleich auch der Plot der „Narrenfreiheit“, worin Sittler erneut alle anderen überragt. Mit seinem Status als Star, aber auch mit seiner Statur. Der Filmdialog vor der Kamera zwingt den 1,94 Meter großen Sittler, sich immer wieder der anderthalb Köpfe kleineren Nurit Hirschfeld entgegenzubeugen.

Tief beugen muss sich der Schauspieler an diesem wetterwendigen Nachmittag noch häufig. Der Regisseur Felix Karolus, verantwortlich auch für die Auftaktfolge des See-Kommissars, ruft ihn und seine Kollegin unzählige Male vor die Kamera. Nahaufnahme, Halbtotale, Totale: Das dauert, das erfordert Geduld und Disziplin. „Die zwei Stunden, die wir heute am Hafen gedreht haben, schnurren zu einer Filmminute zusammen“, sagt Sittler später in seinem Wohnwagen, dem gut beheizten Rückzugsort, der mit Cateringbus und anderen Caravans auf dem Parkplatz in Drehort-Nähe steht. Eine Wagenburg, in der jeder Neuankömmling umstandslos geduzt wird – und in der Sittler während des aufwendigen und arbeitsteiligen Drehs viele und lange Arbeitspausen verbringt. Womit? „Ich werde nicht fürs Spielen bezahlt“, sagt er mit leichtem Sarkasmus, „sondern fürs Warten. Ich warte und denke über das Leben nach, bevor ich wieder rausgehe und fremde Texte aufsage.“

Sittler, der politische Mensch

Ein Godot-Satz, der nicht ganz stimmt. Auch die Zeit jenseits der Kamera nutzt der Spieler für seine Rolle. Im Wohnwagen, den Laptop auf dem Knie, liest er zum x-ten Male seine Drehbuchsätze. Über sein Image auch in dieser Krimireihe macht er sich keine Illusionen: „Ich bin immer der weiße Ritter, der für den Sieg des Guten sorgt.“ Und doch: Dass Sittler mehr als Filmrollen im Kopf hat, dass er auch über das Leben im Allgemeinen, über Politik im Besonderen nachdenkt, weiß man.

Man weiß es sogar mit Bestimmtheit, spätestens seit den Protesten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21, als er das prominente und sympathische Gesicht der Bewegung wurde. Auf Walter Sittler waren die Fernsehkameras bei allen Kundgebungen gerichtet, er war es, der in den Talkshows der Republik gegen das Milliardenprojekt kämpfte, mit vernünftigen Argumenten, nie die Fassung verlierend. Mit besonnener Leidenschaft vertrat er seine Sache, nicht anders als jetzt, ein Jahrzehnt später im Mobil des Kommissars, wo er sich noch immer als wandelndes S-21-Lexikon erweist. Längst vergessene Namen kommen ihm flüssig über die Lippen. Volker Kefer, Tanja Gönner – wer sonst erinnert sich?

In der Schlichtungsrunde, in der die beiden gnädig Versunkenen als Projektbefürworter saßen, sieht Sittler mehr denn je ein „Schmierentheater, dessen Ausgang von Anfang an feststand“. Neueste Enthüllungen über Tricks und Mauscheleien geben dem bestens informierten Aktivisten recht. Dass die damals regierende CDU sich nicht für ihre jenseits der Legalität angesiedelten Manöver entschuldigt, versteht er nicht: „Das hätte Größe, die könnten nur gewinnen. Sagt ihnen das niemand?“, fragt Sittler und lässt erinnerungsmächtig noch einen Namen fallen: „Gibt’s keinen Dirk Metz mehr?“ Metz, der Berater des Ministerpräsidenten Stefan Mappus – und ja, solche und ähnliche Gedanken geraten ihm beim Warten auf fremde Sätze in den Sinn, schon immer war er nicht nur ein Homo ludens, sondern auch ein Homo politicus, ein spielender und ein politischer Mensch – der sich auch über einen anderen CDU-Granden wundert: „Warum spricht Friedrich Merz jetzt von ukrainischen Flüchtlingen als Sozialtouristen? Er hat das Wort zurückgenommen, aber es ist in der Welt und wird von der AfD begierig aufgegriffen.“

Wenn sich Sittler empört, über populistische Sätze und mangelndes Mitgefühl, über fehlenden Anstand in der Politik und in der Gesellschaft, denkt man unwillkürlich an die Rolle, in die er gleich wieder schlüpfen wird. Nach dem Abendessen in der Wagenburg erwartet den hellwachen Zeitgenossen ein Nachtdreh mit der Transfrau. Eine Szene vor ihrer Ermordung. Mit im Spiel: Bosheit, Niedertracht und Rache, aber als weißer Ritter wird er Motiv und Täter schon finden, mit Gespür und jenem Feingefühl, das seine Figur seit jeher auszeichnet.

Sittler, der Quotengarant

Dass jemand getötet wird, weil er außerhalb der Norm lebt, raubt seinem Robert Anders den Schlaf. Unkonventionell lebt und ermittelt ja auch er. Im „Liebeswahn“ schützt er einen Kleindealer, den er nicht für einen Mörder hält, vor der Polizei, indem er dessen Gras in seiner eigenen Jacke versteckt. „Macht man das so in Skandinavien?“, fragen die Lindauer Kommissare – und der sensible Sittler/Anders antwortet: „Zu mir hat er Vertrauen, bei Ihnen läuft er davon.“

Die Rolle, scheint es, ist Sittler auf den Leib geschrieben. Bedächtig, ausgleichend, mitfühlend wie sein Kommissar ist ja auch er, der Publikumsliebling, den das Zweite über die Gotland-Reihe hinaus halten wollte. „Er ist der Lordsiegelbewahrer der Figur Robert Anders. Wir haben ihn vermisst“, sagt der für die modifizierte Neuauflage der Reihe zuständige ZDF-Redakteur Daniel Blum. „Und ein Quotengarant ist Walter Sittler auch: Im Schnitt kam sein Kommissar am Meer auf sechs Millionen Zuschauer.“ Wie viele es wohl werden, wenn er am See nach dem Rechten schaut?

Der Schauspieler jedenfalls wird geliebt, das zeigt sich auch abseits der Dreharbeiten. Immer wieder bitten vom Herbstwind verwehte Passanten um ein Selfie mit ihrem Star. „Gerne!“, sagt er dann. Ohne Allüren, die entzückten Fans herzlich umarmend, stellt er sich den Handykameras. Auch im wahren Leben macht er eine Bella Figura und läuft als attraktiver Best-Ager selbst einem Sky du Mont den Rang ab. Im Dezember wird Walter Sittler 70 Jahre alt. Sein Kommissar am See setzt sich trotzdem nicht zur Ruhe.

Die erste Folge von „Der Kommissar und der See“ läuft am 3. Oktober im ZDF (20.15–21.45 Uhr).

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