Die Sache hat eine Vorgeschichte. In der Nacht auf den 21. November schlagen drei Maskierte die Panzerglasscheibe einer Tankstellentür ein. Bilder der Überwachungskamera zeigen, wie sie danach schnurstracks die Zigarettenkartons in ein grünes Laken packen. Dann sind die drei Einbrecher, alle tragen rote Schuhe, auf und davon. Doch das sollte nicht alles gewesen sein.
Einbrecher in der Tankstelle in Rommelshausen
Am frühen Morgen des 2. Dezember beginnt der Fellbacher Markus Grill gerade seine Schicht. Zunächst ist alles wie immer, er geht nach hinten in die Nebenräume, um alles vorzubereiten. Es ist etwa 3.30 Uhr – früh, aber die belegten Brötchen, Crostini und anderen Snacks in der Theke schmieren sich schließlich nicht von alleine. Doch dann hört Grill einen lauten Schlag. „Erst dachte ich, da sei etwas umgefallen. Aber dann habe ich überlegt und merkte, das kann nicht sein.“ Grill hat eine Vorahnung, vorsichtshalber nimmt er einen anderen Eingang zum Verkaufsraum. „Da sah ich schon, dass jemand leere Zigarettenkartons hingeworfen hatte.“
Einen Meter weiter, und Grill erblickt zwei Vermummte, die gerade dabei sind, die Tabakwaren einzupacken. Die beiden hatten das Sperrholz, mit dem das beim ersten Einbruch zerstörte Panzerglas provisorisch ersetzt worden war, mit einem Beil eingeschlagen. „Ich habe dann überlegt, ob ich mich verstecken und die Polizei rufen soll“, sagt Grill. Doch weil er vermutet, dass die Einbrecher mit ihrer Beute über alle Berge sein werden, bis die Polizei eintrifft, tut er etwas anderes.
Markus Grill schreit. „Es war so etwas wie ,Raus hier, aber schnell‘“, erinnert sich der Tankstellenmitarbeiter. Und zu seinem Glück tun die Einbrecher genau das. Auf den Videoaufnahmen der Überwachungskamera ist noch zu sehen, wie ein Täter dem anderen auf die Schulter tippt. „Dann haben sie die Arme hochgerissen, irgendetwas Unverständliches gebrabbelt. Ob sie nicht anders konnten oder ob das vorgetäuscht war, weiß ich nicht. Dann haben sie die Beine in die Hand genommen.“ Er hat seinen Standort gut gewählt, sodass die Kriminellen auf ihrer Flucht nicht an ihm vorbeimüssen. Wie er reagiert hätte, wenn die Täter in seine Richtung gerannt wären? „Dann wäre ich aus dem anderen Ausgang raus“, meint er.
Manche feiern den Tankstellenmitarbeiter als Helden
Grill hat auch schon anderes erlebt – einen echten Überfall, damals noch an einer Tankstelle in Fellbach. Damals sei er zum Glück nicht allein gewesen, erzählt er. Und heldenhaft einzuschreiten wäre in dem Fall wohl auch falsch gewesen. „Die hatten damals eine Waffe – man kann ja nie wissen, ob es eine Schreckschusspistole ist oder nicht“, sagt Grill. Also gingen er und sein Chef zur Seite, ließen die Räuber gewähren. Doch die beiden Einbrecher in Rommelshausen, das war etwas anderes. „Ich gehe nicht davon aus, dass die bewaffnet waren, sie dachten bestimmt, hier sei noch niemand“, vermutet Grill.
Die Nachricht von seinem Einschreiten hat sich schnell herumgesprochen. Die Lokalzeitung hat über ihn berichtet, viele Menschen erkennen ihn wieder und sprechen ihn darauf an. „Ich hätte nie gedacht, dass das so eine Aufmerksamkeit erregt“. Manche Kunden nennen ihn sogar einen Helden – „das passt mir nicht so ganz“, sagt Grill bescheiden. Für ihn sei sein Handeln ganz normal gewesen. Aber auch von seinem Chef Uwe Schaal kommt Lob: „Wir sind wirklich froh, dass wir ihn haben – vor allem schon seit so vielen Jahren“, sagt Schaal.
Auf ihrer Flucht hinterlassen die Einbrecher Spuren
Eine Racheaktion der Täter fürchtet Markus Grill trotz des Aufsehens um ihn nicht. „Erstens bekämen sie dann ganz andere Probleme als wegen eines Einbruchs – und zweitens waren sie so gründlich vermummt, dass ihnen klar gewesen sein muss, dass ich sie nicht erkannt habe.“ Denn über den Weg gelaufen könnte er ihnen auch vor dem ersten Einbruch durchaus schon sein: „Die kannten sich hier drin ja aus. Vielleicht hatten sie die Tankstelle schon einmal als Kunden ausgekundschaftet.“
Gefasst sind die beiden Tankstelleneinbrecher noch nicht. Aber immerhin: Bei ihrer hastigen Flucht haben sie nicht nur die Beute, sondern auch Werkzeug, Fußspuren und ein Laken zurückgelassen, in das sie die Zigaretten einwickeln wollten. „Es gibt zu den beiden Einbrüchen etliche Ermittlungsansätze und Spuren – darunter die Aufzeichnungen der Tankstellenüberwachung“, sagt Robert Silbe, Pressesprecher der Polizei Aalen. Näheres kann er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht verraten – man darf also gespannt sein, ob es bald eine Festnahme zu vermelden gibt.