Das Thema birgt stets Brisanz. Eine mögliche Absenkung der Vereinsanteile an der VfB Stuttgart 1893 AG. Seit der Ausgliederung der Profisparte 2017 sind mindestens 75,1 Prozent festgelegt, die der VfB e. V. als Mutter der VfB-Tochtergesellschaften halten soll. Als unantastbar gilt diese Zahl unter Funktionären und Fans, um das Heft des Handelns in der Hand zu behalten und nicht Investoren zu überlassen.
Dennoch ranken sich vor der Mitgliederversammlung des Fußball-Bundesligisten an diesem Samstag (11 Uhr) in der Schleyerhalle Spekulationen um die Ziffern. Es soll im Aufsichtsrat der VfB AG darüber gesprochen worden sein, ob am Grundsatz gerüttelt wird, um mehr als die verbliebenen 3,9 Prozent an Anteilen zu veräußern. Angeblich um neben den Autoherstellern Mercedes und Porsche, die jeweils etwa zehn Prozent halten, ein drittes großes Unternehmen (möglichst aus Baden-Württemberg) auf Augenhöhe als Anteilseigner zu gewinnen.
Die Antwort auf Nachfrage fällt klar aus. „Weder Vorstand noch Aufsichtsrat der AG beabsichtigen einen weiteren Verkauf von Aktien, durch welchen der Anteil des VfB Stuttgart 1893 e. V. an der AG auf unter 75,1 Prozent sinken würde“, teilt der VfB mit. Verwunderung herrscht an der Mercedesstraße allerdings nicht darüber, dass dieses Thema unmittelbar vor der Mitgliederversammlung mit den Präsidentschaftswahlen aufkommt. Denn damit ist vor den Abstimmungen Stimmung zu machen.
Zur Wahrheit gehört jedoch, dass das angebliche Streitthema bereits am 18. Januar innerhalb einer Klausurtagung des Aufsichtsrates zur Sprache kam. Einen gesonderten Tagesordnungspunkt zum Anteilsverkauf gab es dabei nicht. Der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle stellte auf der Zusammenkunft des Kontrollgremiums vor dem Spiel gegen den SC Freiburg (4:0) die erarbeitete Strategie 2030 vor. Ein Teil davon beschäftigte sich mit dem Plan, ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von etwa 15 000 Zuschauern zu bauen – für den Frauen- und Nachwuchsfußball.
In Wehrles Ausführungen ging es um eventuelle Finanzierungsmodelle. Rein theoretisch. Verschiedene Möglichkeiten, wie mit den restlichen Aktien umgegangen werden könnte, wurden skizziert. Um frisches Kapital zu generieren. In diesem Zusammenhang erwähnte der AG-Boss in Anlehnung an den FC St. Pauli unter anderem ein Genossenschaftsmodell zur Stadionfinanzierung. Zu überlegen wäre dann, ob mehr als die 24,9 Prozent an Anteilen zu verkaufen wären – jedoch nur an VfB-Mitglieder. Zuvor hatte Wehrle diese Idee im Fanausschuss platziert, um die Stimmung auszuloten. Verhalten fielen die Reaktionen aus.
Das Meinungsbild innerhalb des Aufsichtsrates war ebenfalls schnell mit deutlicher Mehrheit hergestellt: kein Thema. Es erging kein Auftrag an den Vorstand, sich weiter mit den präsentierten Finanzierungsideen zu beschäftigen. Vielmehr bekräftigte der Aufsichtsrat, über die nächsten Jahre an den 75,1 Prozent festhalten zu wollen. Das gilt auch und vor allem für Dietmar Allgaier, den Interimspräsidenten und Vorsitzenden des Kontrollgremiums. Auf seiner Wahltour hat sich der Präsidentschaftskandidat immer wieder dazu bekannt.
Unabhängig davon sieht es Allgaier als seine Aufgabe an, Abwägungsprozesse zu initiieren und sich mit anderen Gedanken darüber zu machen, wie Infrastrukturprojekte künftig finanziert werden könnten. Das Ganze bleibt dann auch Thema über die Mitgliederversammlung hinaus, da sich der VfB mit der Entwicklung des Neckarparks als Standort beschäftigt. Ebenso geht es darum, wie mit den verbliebenen Anteilen umgegangen wird, um zum gegebenen Zeitpunkt eine möglichst hohe Geldsumme zu erhalten.
Auf AG-Seite wird ein strategischer Partner bevorzugt. Besondere Eile herrscht bei der Suche nicht, wie Wehrle und Allgaier zuletzt mehrfach betont haben. Denn zum einen verfügt der VfB dank der Investoren Mercedes und Porsche über ein stabiles Eigenkapital und zum anderen steigt der Unternehmenswert aktuell. Nach Informationen unserer Redaktion laufen diesbezüglich zurzeit auch keine Gespräche mit Unternehmen.
Dagegen strebt der Präsidentschaftskandidat Pierre-Enric Steiger bei einem Wahlsieg die Umsetzung einer VfB-Aktie für Mitglieder an. Er will dadurch die Mitsprache und das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken. Praktisch sind nun aber erst einmal die Mitglieder am Zug. Sie entscheiden an diesem Samstag über die Zukunft des VfB und die weitere Themensetzung.