Mitmach-Ausstellung in Friedrichshafen Spielen im Zeppelin Museum
In einer Ausstellung in Friedrichshafen kann man hemmungslos daddeln. Aber warum spielt der Mensch eigentlich so gern?
In einer Ausstellung in Friedrichshafen kann man hemmungslos daddeln. Aber warum spielt der Mensch eigentlich so gern?
Auf der Straße wollte man ihm nicht begegnen. Denn der Junge, der hier mit dem Sportwagen unterwegs ist, bleibt an so ziemlich jedem Hindernis hängen. Hier rammt er Poller, dort schrammt er andere Fahrzeuge – und kommt doch quietschfidel und ohne Beulen davon. In der Realität wäre man mausetot. Beim Computerspiel kann man sich dagegen noch so linkisch anstellen und ist trotzdem unsterblich.
Wahrscheinlich spielt der Mensch deshalb so gern, weil die leidige Realität außen vor bleibt und Hierarchien und Autoritäten außer Kraft gesetzt werden. Plötzlich können Kleine die Großen abzocken und entscheidet das Schicksal, wer die schlechten Karten kriegt. Beim Spielen gelten für alle dieselben Regeln und muss sogar der Großkotz beim Würfeln auf Glück hoffen. Deshalb sind im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen die Plätze auf den Sofas auch begehrt und rasen vor allem Jungs in schwindelerregendem Tempo über irgendwelche Rennstrecken, angetrieben vom Ehrgeiz, besser als der Vater zu sein – wenigstens beim Daddeln.
Pädagogen müsste es eigentlich eine Lehre sein: Kinder lernen spielend. Wenn sie sich balgen oder um die Wette rennen, schaukeln und klettern, haben sie nicht nur Spaß, sondern erweitern ihre motorischen Fähigkeiten. Wer weiß, ob deutsche Schüler bei Pisa besser abschneiden würden, wenn der Bildungsplan die Lust am Spiel stärker ausnutzen würde. Das Zeppelin-Museum in Friedrichshafen kann in jedem Fall damit rechnen, dass seine Sommerausstellung bestens ankommt: „Choose your Player“ stellt „Spielwelten von Würfel bis Pixel“ vor und lädt ganz offiziell dazu ein, selbst aktiv zu werden.
Das behagt einer Mutter nur bedingt, deren Sohn hemmungslos ausnutzt, dass man sich hier kreuz und quer durch virtuelle Welten zocken kann. „Eigentlich gibt’s das bei uns nur dosiert am Wochenende“, sagt sie – und befindet sich mit ihrer Skepsis in bester Gesellschaft. Denn historisch betrachtet, hatte das Spielen in den meisten Epochen und Kulturen keinen guten Ruf. Die Puritaner hielten es für unproduktiv und moralisch gefährlich, im orthodoxen Judentum soll man es zumindest an Shabbat einschränken. Im frühen sozialistischen China verachtete man das Spiel dagegen, weil man darin bürgerlichen Müßiggang sah.
Auch heute plagt manch erwachsene Spieler das schlechte Gewissen. In Internetforen debattieren Muslime, welche Spiele verpönt sind und welche „auf Allahs Weg helfen, egal ob es mit der Hand oder der Zunge ist“. Bogenschießen ist erlaubt. Würfeln ist so verrufen, wie wenn man „seine Hand in das Fleisch und Blut eines Schweines“ eintaucht. Aber gilt das für alle Würfelspiele? Aber auch Christen haben mitunter Skrupel beim Zocken. Weil sie sich beim Abballern von Menschen nicht mehr schlecht fühlen wollten, gründeten einige Gamer 2011 in den USA die Gamechurch, die auch in Deutschland Mitglieder hat. Sie treffen sich auf Spielemessen zum Ballern und tragen Shirts mit dem Aufdruck „Jesus liebt Gamer“.
Den Kindern im Zeppelin-Museum scheinen solche Bedenken fremd zu sein. Ein Elfjähriger ist zumindest nicht mehr vom Sofa runterzukriegen, er ist einer der vielen Millionen, die von der erfolgreichsten Rennspielserie der Welt angefixt wurden: Mario Kart. Nintendo wusste, was vor allem Jungs gefällt – nämlich mit wendigen Karts Autorennen zu fahren. Die Eltern, die die Ausstellung in Friedrichshafen eigentlich gemeinsam mit dem Kind anschauen wollten, kapitulieren. „Wir gehen dann jetzt allein durch und holen dich in einer Stunde gematscht und ermattet ab“, sagen sie – „okay“. Früh übt sich die Couch-Potato.
Dass Kinder heute oft motorische Defizite haben, liegt daran, dass sie nicht zu viel spielen – sondern Spiele bevorzugen, bei denen sich körperliche Fertigkeiten nur noch auf die Finger beschränken. Das muss aber nicht so sein, weshalb ein Junge auf der Platte vor einem Spielautomaten stampft wie ein Elefant. „Ich hab keine Ahnung, ich brauch ein Tutorial“, sagt er. Bei der japanischen „Dance Dance Revolution“ ist Körpereinsatz gefragt. Pfeile laufen über den Monitor – und man muss auf das passende Feld treten, immer schneller und schneller, grad so, als würde man tanzen. „Jetzt kapier ich das Spiel“, schnauft der Junge und kann nun gar nicht mehr aufhören zu hüpfen. Die kleine Schwester hat das Nachsehen und Oma und Opa dürfen auch nur zuschauen und den Pulli halten.
Wahre Gamer erkennt man daran, dass sie sich nicht von komplizierten Spielregeln abhalten lassen. Die einen schauen kurz auf den Monitor, drücken ein paar Knöpfe – und schon ist ihnen die Lust vergangen. Deshalb will der Junge auch weiter, als eine virtuelle Ameisenkönigin auf einer Leinwand auftaucht und Vorträge über die Hybris des Menschen und sein übersteigertes Selbstbild hält. „Die labert jetzt noch 23 Stunden“, sagt der Junge und rollt genervt die Augen.
Ein Vater und sein Sohn sitzen dagegen hoch konzentriert an einem Tisch vor Blättern mit kryptischen Zeichen. Der Vater liest aus dem Smartphone die Bedeutungen der Symbole vor – es scheint um eine Zeitmaschine zu gehen. Es ist bemerkenswert, welch Energie Spielende aufwenden, um sich in fremde Welten und Systeme einzudenken. Sie reisen mal eben nach Ewer, also in eine Region im Osten von Midden, der Heimat des Stammes der Steinböcke, wo der Ballon des Kartografen von Ewer aber nicht ständig präsent ist, sondern nur während der Quest „Flüsternde Steine“ erscheinen, weshalb man nach Süden zum Schrein gehen muss, mit dem der Gleitstein aktiviert werden kann.
Die Faszination vieler heutiger Spiele – ob Brett- oder Computerspiele – scheint von eben diesen Fantasiewelten auszugehen, in denen andere Gesetze gelten und fremde Kreaturen existieren. Sobald man die Regeln durchdrungen hat, kann man sich als Teil dieses Spiele-Universums fühlen, zugehörig, eingebunden und sicher. Wie anders fühlt sich dagegen das Lernen in der Schule an, denn um sich in einer anderen Sprache, in der Mathematik oder in Chemie heimisch zu fühlen, muss man sehr, sehr viel lernen und wissen – und bekommt auf dem langen Weg dorthin permanent gespiegelt, wie viel einem dazu noch fehlt.
Friedrich Schiller behauptete, dass der Mensch nur da ganz Mensch sei, „wo er spielt“ – also immer dann, wenn er nicht Pflichten erfüllen muss, sondern es genießen kann, frei und ohne jede Notwendigkeit zu handeln. Heute weiß man, dass das Gehirn sich Lerninhalte besser merken kann, wenn sie mit positiven Gefühlen verknüpft sind. Deshalb kann es gut sein, dass man nach ein paar Jahren die meisten Englisch- oder Latein-Vokabeln längst vergessen hat, aber immer noch die Pokémon-Namen runterrattern kann, Rettan, Arbok, Pikachu, Raichu.
Jede Generation hat ihre eigenen Spiele – und deshalb wundert sich einer der Aufsichten im Zeppelin Museum jeden Tag wieder, wie selbstverständlich die Kinder daddeln. „Da sitzen schon so Kleine mit Kopfhörern, und ich alter Depp verstehe nichts.“ Dafür haben die Kleinen schlechte Karten auf den Motorrädern. Um den Hindernissen auf der virtuellen Rennstrecke ausweichen zu können, muss man genug Körpergewicht mitbringen, um die Maschinen zur Seite zu legen. „Wie auf dem Skateboard“, erklärt ein Junge, aber sein Bruder kriegt es einfach nicht hin. 200 Punkte – mehr schafft er nicht.
Selbst wenn es ein Bällebad gibt und einige konventionelle Brettspiele in Vitrinen, so ist die Ausstellung in Friedrichshafen ein wahres Gamer-Paradies. Auch wenn man hier einen anderen Eindruck bekommen kann, behauptet das Umfrageportal „Statista“, dass 49 Prozent aller Gamer Frauen seien, also beide Geschlechter gleich gern Computer- und Videospiele machten. Dass es unter den Erwachsenen im Zeppelin- Museum aber auch fast nur Männer sind, die sich an den Konsolen festgespielt haben, liegt vielleicht am Angebot.
Denn Spielen hat viele Funktionen – und während die einen den Adrenalinkick suchen, wollen sich andere dabei eher entspannen, weshalb Solitär weltweit von Millionen von Menschen regelmäßig gespielt wird. Allzu viele Fertigkeiten erwirbt man dabei auch nicht, aber Studien zufolge löst das Kartenspiel psychische Wohlbefinden aus und versetze die Spieler angeblich sogar in einen meditativen Flow.