Stuttgart - Ein Blick hat genügt. Dann war klar, dass diesmal Philipp Klement den Freistoß aus halbrechter Position schießen würde – und nicht Daniel Didavi, der eigentliche Spezialist mit dem starken linken Fuß. Dabei lief die Schlussphase gegen den SC Freiburg, und der VfB Stuttgart drängte auf den Ausgleich. So eine Gelegenheit aus knapp 20 Metern lässt sich Didavi ansonsten nicht entgehen.
Doch diesmal lief es anders. „Bei uns gibt es keine in Stein gemeißelte Reihenfolge. Wir haben einige Spieler in der Mannschaft, die gute Freistöße schießen können. Zwischen Daniel Didavi und mir ist die Situation diesbezüglich offen. Wer sich gut fühlt, nimmt sich den Ball“, sagt Klement. Er war nach seiner Einwechslung gut drauf, wie es im Fußballjargon so schön heißt – und Didavi sah das genauso.
Enttäuschung vor und nach dem Spiel
Der Schuss landete schließlich in der Breisgauer Mauer, doch die Szene bei der 2:3-Niederlage verdeutlicht, dass Klement bereit war, Verantwortung für das Stuttgarter Spiel zu übernehmen. Das ist er im Grunde immer. Nur ist es für einen Einwechselspieler oft schwierig, diesem Anspruch gerecht zu werden. „Natürlich war ich enttäuscht, dass ich gegen Freiburg nicht von Anfang an gespielt habe, jeder Fußballer ist enttäuscht, wenn er nicht in der Startelf steht“, sagt der 28-Jährige. Der Mittelfeldspieler wandelte diese Emotionen jedoch in Energie um – und setzte in einer halben Stunde reichlich Impulse.
Das mag manche VfB-Beobachter verblüfft haben, da es für den Mann mit der Rückennummer 21 in der Vorsaison nicht optimal lief. Klement kam nach einer Verletzung gegen Ende der Vorbereitung nur schwer in Tritt. Unter dem Ex-Coach Tim Walter fand er seine Rolle auf dem Rasen zudem nicht. Sein Spiel wirkte verzagt. Dabei war der Techniker mit der Empfehlung von 16 Treffern und sieben Torvorlagen vom SC Paderborn gekommen – ein Spitzenspieler der zweiten Liga, der als sofortige Verstärkung dienen sollte.
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Die Erwartungen waren entsprechend hoch, weshalb immer wieder gerne von einem Neustart bei Klement die Rede ist. Nach Verletzungen, in der Winterpause der vergangenen Saison und auch vor dem Start der aktuellen Bundesliga-Runde. Der gebürtige Ludwigshafener mag die Schwarz-Weiß-Denke in der Bewertung jedoch nicht, er schaut differenzierter auf das Geschehen rund um den Ball: „Ich finde den Begriff Neustart in Bezug auf meine Person nicht zutreffend, weil in der vergangenen Saison nicht alles schlecht war. Ich habe zwar insgesamt mehr von mir erwartet, aber es wird gerne vergessen, dass ich zum Saisonende viermal hintereinander in der Startelf stand. Für mich ist diese Saison also kein Neustart, sondern eine Fortsetzung. Ich will an die guten Leistungen aus dem Juni anknüpfen.“
Treffen mit einem Freund
Der Trainer Pellegrino Matarazzo schätzt die Fähigkeiten des Linksfußes, spielerische Lösungen zu finden, Lücken zu erkennen, in die er den Ball spielen kann, und präzise Standards zu treten. Dennoch reichte es in der zweiten Liga nur zu vier Torvorlagen. Ein Pflichtspieltreffer ist Klement im VfB-Trikot bisher noch nicht gelungen. Diesen Makel will er beseitigen, und Klement hätte nichts dagegen, wenn ihm ein persönlicher Erfolg am Samstag beim FSV Mainz 05 vergönnt wäre. Dreieinhalb Jahre hat er dort gespielt. Vornehmlich in der zweiten Mannschaft, aber die Statistik weist bei zwei Kurzeinsätzen auch 28 Erstligaminuten für die Rheinhessen aus. Jetzt freut er sich auf das Wiedersehen mit alten Bekannten.
Mit Stefan Bell verbindet Klement sogar eine Freundschaft aus der Zeit in Mainz. Mit Alexander Hack hält er noch Kontakt, und in der Mannschaft von FSV-Trainer Achim Beierlorzer erwartet er einen Gegner, der nach der Auftaktniederlage in Leipzig sein Heil in der Offensive suchen wird. Möglicherweise ein Vorteil für die Stuttgarter. „Es kommt mir entgegen, wenn die Gegner in der Defensive nicht mehr ganz so tief stehen wie viele Mannschaften in der zweiten Liga. Da kann ich besser Pässe in die Tiefe spielen und unsere Stürmer besser in Szene setzen“, sagt Klement.
Aus fließenden Bewegungen heraus geschieht das. Klement ist ein feiner Spieler, der auch gerne mal den Außenrist benutzt, um die Kugel ins Rollen zu bringen. Außerdem ist er im Zentrum des Geschehens vielseitig einsetzbar. „Ich bin offen für mehrere Mittelfeldpositionen – als zweiter Sechser, als Achter und als Zehner“, sagt Klement. Die klassische Position hinter den Spitzen hat er jedoch schon länger nicht mehr eingenommen. Sie gehört beim VfB Didavi.
Dem Spielmacher soll er weiter Druck machen und sich selbst eine gewisse Leichtigkeit erhalten. Trotz der doppelten Enttäuschung zum Auftakt – der Niederlage und dem Platz auf der Bank. Damit gilt es umzugehen. „Wir sollten nach dem ersten Rückschlag nicht an uns zweifeln, sondern wir müssen weiter an unsere Entwicklung glauben“, sagt Klement mit Blick auf das junge Team, zu dessen Stützen er bald vom Anpfiff weg zählen will.