Mankind-Project-Treffen in Schorndorf Was ist ein richtiger Mann?

Leonhard Fromm findet: „Unsere Kultur ist uns verloren gegangen.“ Foto: Gottfried Stoppel

Männlichkeit sei heute negativ besetzt, davon ist Leonhard Fromm überzeugt. Wir haben ihn bei einer Sitzung mit einer Gruppe des Mankind-Project besucht und erfahren, was die Teilnehmer antreibt.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

Schorndorf - Der Blick von Leonhard Fromm ist gnadenlos. Ohne ein Blinzeln wandern seine Augen von Mann zu Mann durch die Runde, die anderen tun es ihm gleich und fixieren ihre Gegenüber. Wer ein Problem miteinander hat oder Hochachtung für den Anderen empfindet, merkt es spätestens jetzt. Der direkte Augenkontakt gehört für das Treffen der MKP-Gruppe fest dazu – und ist für einen Neuling sehr ungewohnt. „Im Alltag tut man so etwas nicht, es wird als Verletzung der Intimsphäre gesehen“, sagt Leonhard Fromm, der die Sitzung leitet. „Die Übung ist wie ein Spiegel deiner Seele.“

 

Jeden Monat kommen die Männer im Treffpunkt Familie in Schorndorf zum MKP-Treffen. Die Abkürzung steht für Mankind-Project, ein internationales Männernetzwerk, dessen Konzept aus den USA kommt. Dessen Deutschland-Ableger, der Verein „Kreis der Männer“, hat sich zum Ziel gesetzt, Männern zu helfen, ihre Rolle in Partnerschaft, Familie, Beruf und Gesellschaft zu finden. Männlichkeit, sagt der 58-jährige Fromm, sei heute oft negativ belegt. Er beobachte eine Orientierungslosigkeit: „Vor hundert Jahren war die Rolle eines Mannes als Ernährer und Chef der Familie klar – heute ist nichts mehr klar“, ist er überzeugt.

Sucht, Angst, Trauma: Die Teilnehmer haben verschiedene Baustellen

Nicht, dass er sich eine Gesellschaftsordnung wie vor hundert Jahren zurückwünsche: „Aber jede Zeit hat ihre Kultur – unsere ist uns verloren gegangen.“ Beim Begriff der Männlichkeit werde heute oft zu kurz gegriffen. „Dabei ist Männlichkeit doch, wenn du Zugang zu deinen Gefühlen hast und nicht immer recht haben musst.“ Ein Mann zu sein, das bedeutet für ihn auch, nicht wegzusehen, wenn die Nachbarin verprügelt, der Bekannte alkoholsüchtig oder die Kollegin sexuell belästigt wird.

Ein jeder hat sein Päckchen zu tragen, sagt der Volksmund. Die Männer, die zu den MKP-Treffen kommen, haben ganz unterschiedliches Gepäck. Einer der Teilnehmer sucht Orientierung im Umgang mit der Sucht seines Sohnes. Ein anderer versucht, die Misshandlungen in seiner Kindheit abzuschütteln. Ein dritter hat regelrecht Todesangst vor Zusammentreffen mit anderen. Lediglich Sektengurus oder schwer psychisch Kranke, sagt Fromm – „vor denen will ich mich und die Gruppe schützen“.

Wer bei MKP mitmachen will, muss sich auf die Riten einlassen

Der Schorndorfer selbst ist Wirtschaftsjournalist, Medienberater und Gestalttherapeut, zusammen mit seinem Freund und Kollegen Michael Sudahl leitet er die meisten der Sitzungen. Im Prinzip könnte auch jeder aus der Gruppe mit einem Gegenüber arbeiten – vorausgesetzt, er ist mit den MKP-Riten vertraut. Und davon gibt es einige. Vor Coronazeiten gehörte zum Beispiel eine rituelle Räucherung zum Einstieg dazu. Jeder der Männer beendet seine Wortmeldungen mit dem Wort „Ahu“ – das hört sich nicht nur an wie das „Howgh“ der amerikanischen Ureinwohner, sondern ist auch ähnlich gemeint. Ein Durcheinanderreden gibt es daher nicht. Wer sich besonders ausgiebig in die hellen und dunklen Seiten der Seele begeben will, kann sich in einem MKP-Wochenendseminar initiieren lassen. Dort findet er nicht nur eine Mission – in Fromms Fall zum Beispiel „Frieden stiften und Liebe in die Welt bringen“, sondern gibt sich auch einen Tiernamen. Und so sitzen auf den Stühlen im Familienzentrum unter anderem ein „entspannter Kater“ und ein „kräftiges Waldmammut“.

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Leonhard Fromm erinnert sich noch an sein erstes MKP-Treffen, auf das er damals auf eine Einladung von Michael Sudahl ging. „Ich habe das Ganze für ein Spielchen gehalten und war kurz davor abzureisen“, gibt er zu. Dann habe er sich doch darauf eingelassen, sei geblieben – „und es hat mich zu Tränen gerührt“.

Wer zu einem MKP-Treffen geht, muss bereit sein, die Regeln dort zu akzeptieren. Und dazu, sich im übertragenen Sinne vor den anderen Männern nackt zu machen, Fehler einzugestehen. Irgendwelche Baustellen habe jeder, sagt Fromm: „Wenn ein Mann sagt, er hat nichts mehr zu bearbeiten, dann ist sein Schatten wohl Hochnäsigkeit oder Geltungssucht.“ Widersprüchlichkeiten, Unsicherheiten, Nachlässigkeit – Fromm und Sudahl decken all das auf und gehen hart mit ihren Schützlingen ins Gericht. Mal unter vier Augen, öfter vor allen anderen. Die Männer sind ihnen dankbar dafür. Das funktioniert nur, weil das Ehrenwort gilt: Was hier gesprochen wird, bleibt im Raum. Nur so können die Männer sich öffnen, Gefühle zeigen und Tränen fließen lassen. „Die Gruppe ist ein Resonanzboden und ein Schwamm zugleich“, sagt Fromm.

Eine Sitzung in Schorndorf dauert rund drei Stunden

Die acht Männer, die heute Abend hier sind, kennen sich von den vorherigen Sitzungen. Sie wissen, mit welchen Dämonen ihr Gegenüber zu kämpfen hat – und auch, welche Versprechungen sie sich selbst und den anderen beim letzten Treffen gegeben haben. Heute arbeiten sie drei Stunden an den dunklen Seiten ihrer Seele – das ist auch für das kräftigste Mammut nicht leicht. Nach rund zwei Stunden machen sich die Männer auf – bis zum nächsten Mal, denn zu tun gibt es bekanntlich immer etwas.

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