Wer bei dem Begriff „Seminar“ einen Schulungsraum mit Power-Point-Präsentation oder Flipchart erwartet, der ist bei dieser Einheit von Christian Eckerlin gehörig falsch. Beim erfolgreichen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer aus Frankfurt gilt: auf die Matte, gleich in die Praxis, schwitzen, besser werden. Das zeigt er in Sindelfingen, wo er bei der Kampfsportschule German Top Team (GTT) zu Besuch ist.
„In erster Linie ist es für mich immer schön, Leuten zu zeigen, was der Sport überhaupt bedeutet“, sagt Christian Eckerlin, der sein Wissen weitergeben und neue Menschen für MMA gewinnen will. „Das versuche ich eigentlich schon, seit ich mein YouTube-Dasein angefangen habe. So haben wir damit Erfolg gehabt, den Sport in Deutschland groß zu machen.“
Anlass für den Auftritt des 38-Jährigen ist der „Open Fightclub“ der Sindelfinger Kampfsportschule. Jeder kann an diesen beiden letzten Wochenendtagen im September an Schnuppertrainings teilnehmen. Und einen der großen Stars der Szene persönlich treffen. MMA – diese drei Buchstaben bilden das Kürzel der Vollkontakt-Sportart, die Techniken mehrerer Kampfsportarten, darunter Boxen und Ringen, miteinander vereint. Sie gilt daher als Königsdisziplin.
Bevor Christian Eckerlin für die zahlreichen Fans Unterschriften schreibt und Bilder mit ihnen macht, hält er im oberen Stockwerk sein Seminar ab – das nicht öffentlich, sondern nur für Wettkämpfer und Mitarbeiter des GTT sowie für Sieger eines Gewinnspiels ist. Aufwärmen, Schlagkombinationen, Bodenkampf und mehr – in der mehr als einstündigen Einheit lernen die Kinder, Frauen und Männer der Gruppe von einem Meister seines Fachs, der in der Organisation Oktagon antritt.
Christian Eckerlin ist „King of Germany“
Christian Eckerlin, der große Reichweiten auf YouTube und Instagram hat, trug maßgeblich dazu bei, dass MMA hierzulande derart gewachsen ist. Er zählt zu den bekanntesten deutschen Athleten und darf sich seit dem Sieg gegen Christian Jungwirth im Oktober 2024 beim Riesen-Event „Oktagon 62“ im Frankfurter Deutsche Bank Park sogar „King of Germany“ nennen. Der heute 38-Jährige setzte sich vor rund 60 000 Fans durch.
Und dennoch lässt er sich Termine wie den in Sindelfingen nicht nehmen, gibt Tipps, mischt selbst auf der Matte mit. „Er ist kein abgehobener Topstar, er ist einer von uns“, lobt Frank Luz aus Deckenpfronn, der gemeinsam mit Patrick Deile Geschäftsführer und neben Alexander Budja und Deile Gesellschafter bei German Top Team ist. Auch in Reutlingen und Herrenberg betreiben sie eine Kampfsportschule.
MMA-Star zieht Fans an
Erst im August eröffnete der Standort in der Sindelfinger Kolumbusstraße 22. „Sport vereint alle Altersklassen“, sagt Patrick Deile, „hier ist jeder gleichwertig.“ German Top Team wolle junge Wettkämpfer weiterentwickeln, zudem solle der Sport an sich mehr Anerkennung gewinnen. Er sei bodenständig, ehrlich, respektvoll.
Und er zieht viele Fans an. Eine 35-jährige Sindelfingerin ist beim Eckerlin-Besuch vor Ort, „weil er mein Lieblingsfighter ist“. Schon im Alter von sechs habe sie durch ihre älteren Brüder angefangen, MMA zu verfolgen. „Ich brenne total dafür“, schwärmt sie. Aus ihrem Umfeld hätte ihr jeder für das Event abgesagt, daher sei sie allein dort. Eigentlich sei sie auch niemand, der nach Autogrammen und Bildern fragt. „Aber wenn er schon hier ist, dann macht man das mal mit“, sagt die Sindelfingerin.
Durch GTT-Kontakte in Christian Eckerlins Trainingszentrum „MMA Spirit“ in Frankfurt ist der Besuch laut Alexander Budja möglich geworden. Der Reutlinger, der einer der Inhaber ist, zieht ein positives Zwischenfazit des „Open Fightclub“. Er freue sich vor allem, dass viele Kinder vorbeikommen. Im GTT gebe es auch ein Programm für diejenigen, die aus finanziell schwachen Familien stammen. Auf dem Kindertraining liegt laut dem Schwarzgurtträger der Fokus – und somit auf Bewegung und Wertevermittlung statt auf Playstation, Handy und Co.
„Wir haben schon damit gerechnet, dass es einen Andrang gibt. Aber dass so viele Leute kommen, haben wir nicht gedacht“, sagt er, während hinter ihm die Gäste in einer längeren Schlange auf Autogramme warten. Bedingt durch den Besuch des MMA-Stars sei natürlich noch einmal mehr los.
MMA-Popularität in Deutschland hat „andere Ausmaße angenommen“
Mit der Popularität von MMA in Deutschland vor fünf Jahren könne man das gar nicht vergleichen, weiß Christian Eckerlin, früherer U19-Bundesligafußballer des SV Darmstadt 98, „jetzt hat es andere Ausmaße angenommen“.
Der Star spricht den Teilnehmern in Sindelfingen auch Mut zu. „Wer Ziele im Leben hat, der soll sie verfolgen – unabhängig davon, ob im Sport- oder Businessbereich“, sagt Christian Eckerlin und fügt hinzu: „Wir wollten schon immer den Sport salonfähig machen. Das haben wir geschafft.“ Er ergänzt: „Für jeden da draußen sind keine Grenzen gesetzt.“
Bleibt noch eine Frage offen: Verbindet der Auto-Fan seinen Besuch mit einem Abstecher zu einem Hersteller, um ein Fahrzeug abzuholen? Das sei nicht geplant. „Ich habe lange keinen Mercedes mehr gefahren, aber vielleicht kommt das in nächster Zeit wieder – mal gucken“, sagt der MMA-Athlet schmunzelnd.
Für ihn steht am 18. Oktober – ebenso wie für Alina Dalaslan aus Stuttgart – der nächste Kampf an. In Köln trifft er bei „Oktagon 78“ auf den 37-jährigen Kroaten Ivica Truscek. Dann läuft MMA auch erstmals überhaupt bei RTL im Free-TV.