Mobbing 2.0 Attacke am Bildschirm

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Die vielen Möglichkeiten, die das Internet für die Kommunikation eröffnet, verleihen auch Mobbingangriffen eine neue Dimension.

Sticheleien aus dem Internet: laut Studie ist jeder vierte Jugendliche bereits mit Cybermobbing konfrontiert gewesen. Foto: Stollberg 2 Bilder
Sticheleien aus dem Internet: laut Studie ist jeder vierte Jugendliche bereits mit Cybermobbing konfrontiert gewesen. Foto: Stollberg
Stuttgart - Irgendwann fällt auf dem Schulhof das Wort "Schlampe". Vera ist gemeint. Sie will reagieren, sich wehren, aber ihr fällt nichts ein: "Ich bin kein so direkter Typ." Abends verschanzt sie sich hinter ihrem Computerbildschirm. Von dort aus feuert sie gegen die Schülerin, die sie beschimpft hat.

Eine neue Form der Gewalt


Was ihr auf dem Schulhof angetan wurde, zahlt sie im Netz zurück: blöde Hure, dumme Sau, fette Kuh - sie findet harte Worte, um es dem Mädchen aus der Parallelklasse heimzuzahlen. Innerhalb weniger Tage entstehen mehr als hundert beleidigende Einträge im Netzwerk Kwick durch Vera und ihre zwei Freundinnen. Ein Fall von Cybermobbing, der erst endet, als Sylvie, eine besonnene Mitschülerin, eine Lehrerin einschaltet.

"Ich war entsetzt, als ich das las. Als Deutschlehrerin ist man ja Kummer gewöhnt, wenn es um Sprache geht. Aber das war unglaublich", sagt sie. Ebenso verblüfft war sie, als die Täterinnen vor ihr standen: "Die sind ja sonst nicht verkehrt. Was ist da nur mit ihnen durchgegangen?" sagt sie über die Mädchen, die bedröppelt neben ihr sitzen. Alle Beteiligten, auch die Lehrerin, wollen weder ihre Namen noch den Namen ihrer Schule in der Zeitung lesen. Denn die Angelegenheit ist heikel. Es geht nicht um eine Rangelei unter Teenagern, es geht um eine neue Form von Gewalt an der Schule: Die Attacken sind gerade deshalb so gefährlich, weil sie nicht im Klassenzimmer stattfinden, sondern in der digitalen Welt.

Das Internet wird zum Tatort


Cybermobbing bedeutet, jemanden verbal fertigzumachen, ohne ihm dabei gegenüber zu stehen. Das Internet wird zum Tatort. Die Methoden sind so vielfältig wie die Angebote des Mediums. In einem Netzwerk wie SchülerVZ, Facebook oder Kwick kreiert ein Täter beispielsweise ein falsches Profil, das auf das Opfer ein schlechtes Licht wirft. Ein gekränkter Mann stellt intime Fotos seiner Exfreundin online. Das Video einer Schlägerei wird vom Handy ins Netz geschickt. Private Fotos werden ohne Erlaubnis verbreitet. Oder man stichelt in populären Chats gegen andere - wie im vorliegenden Fall.

Als die Mädchen zum ersten Mal an einem Tisch sitzen, ist die Stimmung gereizt, der Tonfall aggressiv. Trotzdem wollen sie darüber sprechen, denn sie hoffen, dass ein Zeitungsbericht über ihre Erfahrungen andere Jugendliche vor ähnlichen Fehlern bewahren. Die 15-jährige Tatjana, das Opfer der Hetzattacke, ist stinksauer. "Warum seid ihr nicht einfach zu mir gekommen? Wir hätten doch reden können!" sagt sie. "Es ist doch klar, dass das Mobbing war. Vor allem weiß man ja nicht, ob das nicht noch irgendwo steht. Man kann noch in Jahren lesen, wie ihr mich beschimpft habt."

Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Vera mit zwei Unterstützerinnen. "Man realisiert im Netz nicht wirklich, was man jemand antut", verteidigt sie sich. "Man sitzt abends am Rechner und steigert sich da so rein." Stärker als im realen Leben fühle man sich im Schutz des Bildschirms, sagt der Teenager. Über Umwege hat Tatjana erfahren, welche Geschichten über sie im Internet kursieren. Beim Anblick der Einträge fühlte sie sich ohnmächtig. "Ich war sprachlos", sagt die junge Frau, die sonst nicht auf den Mund gefallen ist.

"Vor dem Internet kann man nicht weglaufen"


"Oft sind die Opfer die Letzten, die merken, was vor sich geht", sagt Kriminalhauptkommissar Stefan Middendorf. "Das ist einer der Unterschiede zum Mobbing im realen Leben." Middendorf ist beim Landeskriminalamt für Prävention zuständig, das Internet sein Sachgebiet. "Wenn sich früher eine Schlägerei angebahnt hat, konnte man weglaufen. Vor dem Internet kann man nicht weglaufen", sagt er. Tückisch sei, dass alles von jedem Winkel der Welt durch die Vernetzung einsehbar ist - das Opfer also nie weiß, wie weit sich die Beleidigungen ausgebreitet haben. Und der Täter kann sich verstecken. "Die Anonymität lässt die Hemmschwelle sinken" , sagt Middendorf.

Vera weiß das. Was sie im Netz über ihre Schulkameradin verbreitet hat, will die 14-Jährige nicht wiederholen - so verletzend, so verächtlich, so schmutzig waren ihre Beleidigungen: "Online ist man ja dauernd, und da hab ich halt losgeschrieben." Die Täterin schämt sich. Und Tatjana, das Opfer, will auch nicht verraten, was sie über sich lesen musste. Sie verzieht angewidert das Gesicht, wenn sie daran denkt. Die Leidensgeschichte schmerzt noch immer.

Ein Klassenzimmer in der Realschule Ditzingen. "Wer von euch ist bei Kwick angemeldet?" will Ulrich Sailer wissen. Bis auf drei Schüler strecken alle in der achten Klasse - ein typisches Ergebnis. Fast alle Jugendlichen sind heutzutage online in sozialen Netzwerken aktiv. "Ihr wisst schon, dass man dafür 14 Jahre alt sein muss?" fragt Sailer die Schüler, die größtenteils erst 13 Jahre alt sind. Die Antwort: Schweigen.

Eine dynamische Entwicklung


Der Gerlinger Medienberater Ulrich Sailer reist landauf, landab, um Schüler über die Rufmordgefahren aufzuklären, die im Internet lauern. "Meist wissen die Eltern nicht, was im Zimmer ihrer Kinder alles vor sich geht", sagt Sailer. Für seine Veranstaltungen habe er noch nie Werbung machen müssen, "die Anfragen kommen am laufenden Band". Es habe sich bei Eltern und Lehrern herumgesprochen, dass Jugendliche im Internet ihr Innerstes offenbaren.

"Das Internet ist nicht böse. Aber es gibt jetzt Dinge, die es früher so nicht gegeben hat", sagt der Polizist Middendorf. Die Entwicklung beim Cybermobbing sei sehr dynamisch. Die Täter sind nicht einmal mehr auf den Rechner angewiesen, sie können via Handy ihre Verunglimpfungen ins Netz stellen.

Laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest haben 42 Prozent der jungen Internetnutzer im Netz schon einmal Videos oder Fotos von sich gefunden, deren Veröffentlichung sie nicht zugestimmt hatten. Ein Viertel berichtet von regelrechtem Cybermobbing. 14 Prozent der Jungen und Mädchen haben Beleidigungen oder falsche Behauptungen über sich selbst im Netz entdeckt.

Zur Strafe für ihre Mobbingattacken müssen die Mädchen durch die Klassenzimmer ziehen und andere Schüler über die Gefahren des Netzes aufklären. Veras Einträge sind inzwischen gelöscht.