Mobbing an einer Stuttgarter Grundschule Ben mobbt in der Schule – seine Eltern sehen kein Problem

Da liegt nicht nur der Ranzen am Boden. Aber was ging dem Ganzen voraus? Foto: imago images/Thomas Koehler

Eine Schulsozialarbeiterin berichtet über einen Mobbing-Fall an einer Stuttgarter Grundschule, bei dem Eltern die Probleme auf dem Schulhof noch verschärft haben – und appelliert an alle Mütter und Väter.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Streit auf dem Schulhof ist normal. Wenn ein Kind mal nicht mitspielen darf, dann sei das noch kein Mobbing, betont Luise Müller (Name geändert), eine erfahrene Schulsozialarbeiterin an zwei Stuttgarter Grundschulen. Anders war es bei dem Fall, um den es im Folgenden gehen wird. Ein Viertklässler sei über Monate von Klassenkameraden systematisch geärgert worden. Raffael, wie er hier heißen soll, sei zwar auch in den unteren Klassenstufen nie besonders gut integriert gewesen, aber im letzten Schuljahr auf der Grundschule sei es eskaliert. Bis er irgendwann nicht mehr in die Schule kommen wollte.

 

Da gingen die Schulsozialarbeiterin und die Klassenlehrerin dem Ganzen gemeinsam auf den Grund. Sie sprachen mit dem Opfer, mit Unbeteiligten und Beteiligten. Nach einer Weile hätten sie festgestellt, wie weitreichend das Mobbing war – und dass es einen federführenden Hauptakteur gegeben habe. Denn während sonst die Namen der Beteiligten wechselten, sei ein Name jedes Mal gefallen, wenn es um Situationen ging, in denen Raffael geärgert und ausgeschlossen wurde.

Oft werde die Schuld bei anderen Kindern gesucht

Die Schulsozialarbeiterin erzählt nicht viel über den Hauptakteur, um ihn zu schützen. Ben, der eigentlich ebenfalls anders heißt, sei ein sportlicher, intelligenter, beliebter Junge. Wie das Opfer habe er keinen Migrationshintergrund und wachse in gesicherten sozialen Verhältnissen auf.

Bens Eltern seien immer sehr stolz auf ihr Kind gewesen, so die Sozialarbeiterin. Das wusste auch die Schulleiterin, als sie sie kontaktierte. Aber dass sie sich derart uneinsichtig zeigen würden, damit habe die gestandene Pädagogin nicht gerechnet. Die Eltern hätten sich komplett vor ihren Sohn gestellt und sogar abgestritten, dass dieser sich überhaupt falsch verhalten haben könnte, berichtet Luise Müller. Sie kennt so ein Verhalten: „Mein Kind macht so etwas nicht“ – solch eine Haltung begegne ihr leider häufig, sagt die Schulsozialarbeiterin. Oft werde die Schuld eher bei anderen Kindern gesucht. Am aufgeschlossensten erlebe sie Eltern mit Migrationshintergrund. Die sagten eher: „Ich kenn mein Kind. Was hat er gemacht?“ Von Eltern aus gehobeneren Kreisen höre sie dagegen immer wieder Sätze wie „Zu Hause macht sie das nie.“

In einem anderen Fall ist es vorbildlich gelaufen

In der schulpsychologischen Beratungsstelle in Stuttgart hat man mehr Erfahrungen mit Eltern, die beklagen, dass ihr Kind Opfer von Mobbing ist, als mit Eltern von „Tätern“. Letztere wendeten sich von sich aus eigentlich nicht an die Anlaufstelle. „Es melden sich die Betroffenen“, berichtet Jochen Bender, der Experte zum Thema aus der Beratungsstelle – er schult landesweit Lehrkräfte zum Umgang mit Mobbing.

Schulpsychologe Jochen Bender Foto: P/rivat

Bender kann sich nur an einen Fall erinnern, in dem Eltern dreier Gymnasiasten sich an sie gewandt hätten mit der Bitte um eine Gesprächsmoderation. Hintergrund war, dass die Eltern erfahren hatten, wie ihre Söhne auf einen Klassenkameraden losgegangen waren. Das sei ihnen sehr unangenehm gewesen. „Sie haben sich glaubhaft entschuldigt bei den Eltern von dem betroffenem Kind“, berichtet der Psychologierat.

Solch ein verantwortungsvoller Umgang sei natürlich vorbildlich. Verharmlosten Eltern das Verhalten ihrer Kinder dagegen oder seien sie vielleicht sogar der Ansicht, dass Gewalt cool sei und sagten das auch so zu ihrem Kind, „macht es das schwierig, zu Änderungen zu kommen“.

„Wir wollten, dass die letzte Zeit für alle aushaltbar ist“

Im konkreten Fall an der Stuttgarter Grundschule soll das elterliche Verhalten die Situation tatsächlich verschlimmert haben. Unterstützt von der schulpsychologischen Beratungsstelle hat Luise Müller, wie es in Fällen von Mobbing empfohlen wird, ein Planspiel mit der Klasse gemacht. Das Opfer wusste davon, es war aber nicht dabei. Das Planspiel folgte dem Prinzip des No-Blame-Approach. Bei diesem Ansatz geht es nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, Empathie zu entwickeln und zu überlegen, wie man dem Opfer helfen kann. Es ist also ein lösungsorientierter Ansatz.

„Wir wollten, dass die verbleibende Zeit für alle aushaltbar ist“, benennt Luise Müller das konkrete Ziel für die Klasse. Das Problem: Der Hauptakteur habe sich auf das Planspiel nicht eingelassen. „Meine Mama sagt, ich muss da nicht mitmachen. Ich habe keinen Bock drauf“, soll Ben den Erinnerungen der Sozialarbeiterin zufolge gesagt haben – die Eltern haben den pädagogischen Ansatz also unterlaufen.

„Moralismus ist nicht hilfreich“

Wie können es Eltern besser machen? Wie bespricht man das Fehlverhalten mit dem Kind, ohne ihm das Gefühl zu vermitteln, man stehe nicht hinter ihm? Schulpsychologe Jochen Bender sagt, in einem ersten Schritt gehe es darum, mit dem Kind ins Gespräch zu gehen und es in einer ruhigen Situation auf die konkreten Vorfälle, von denen man weiß, anzusprechen. „Erzähl mir mal deine Sicht“, könne man sagen. Auch den Motiven könne man auf den Grund gehen: „Woran liegt es? Was willst Du erreichen?“ Was ist die Vorgeschichte? Stecken vielleicht legitime Wünsche oder das Gefühl dahinter, eine offene Rechnung begleichen zu müssen? Dann könne man gemeinsam überlegen, ob es einen anderen Weg gibt. „Ich will wissen, was los ist“ – um diese Haltung gegenüber dem Kind gehe es, nicht etwa um Bestrafung. „Für die Wiedergutmachung ist die Schule zuständig“, so Bender.

Eine Botschaft gegen Mobbing Foto: www.imago-images.de/IMAGO/

Es sei wichtig, eigene Werte klar zu machen: dass einem ein respektvoller Umgang wichtig sei. Eltern dürften auch ihre Enttäuschung zeigen, sollten aber dem Kind bitte keine Predigt halten. „Moralismus ist nicht hilfreich“. Der Schulpsychologe würde zugewandt mit dem Kind sprechen: „Wir machen Fehler, ich habe auch schon Fehler gemacht, lass uns gemeinsam schauen, was kannst du daraus lernen.“ Auch würde er anregen, sich in das andere Kind hineinzuversetzen: „Was glaubst du, wie war das für das andere Kind? Wie würde es dir gehen in einer ähnlichen Situation?“ Natürlich könne es auch vorkommen, dass das eigene Kind alles abstreitet. In solch einem Fall würde er das gemeinsame Gespräch mit der Lehrerin suchen. Nicht mit den anderen Eltern – „das kann sehr schnell zu Eskalation führen“.

Eltern wollen Konflikte für ihre Kinder lösen

Bei Luise Müller hat der Mobbingfall aus der vierten Klasse ein unbefriedigendes Gefühl hinterlassen. Dort kam noch hinzu, dass auch die Eltern des Opfers es der Schule schwer machten, den Konflikt gut zu lösen. Raffaels Vater habe Ben auf dem Schulgelände gestellt und aufgefordert, dass er den eigenen Sohn gefälligst in Ruhe lassen solle. Der Vater erhielt Hausverbot.

Luise Müller bemerkt immer wieder, dass Eltern versuchen, die Konflikte für ihre Kinder zu lösen. „Die Kinder verlernen, Konflikte selbst zu lösen und Strategien zu entwickeln.“ Sie glaubt aber trotzdem, dass die Arbeit mit der Klasse etwas gebracht hat. Das Opfer habe gemerkt, dass es auch Kinder gebe, die da nicht mitmachten. Zwei Mädchen hätten sich positiv hervorgetan, sodass Raffael doch noch die Erfahrung gemacht hat: „Cool, mir hilft ja doch jemand.“ Aber Ben habe sein Verhalten nicht mehr geändert. Er hat die Chance verpasst, daraus zu lernen.

Begriff kann auch zu Abwehrhaltung führen

Begriff
Der Begriff Mobbing wird inzwischen sehr schnell gebraucht. Dabei ist nicht jeder Streit Mobbing. Ist ein Schüler oder eine Schülerin über einen längeren Zeitraum schikanierenden Handlungen ausgesetzt, spricht man von Mobbing. Der Schulpsychologe Jochen Bender rät Eltern betroffener Kinder, zurückhaltend mit dem Mobbing-Begriff umzugehen, wenn sie mit einer Lehrkraft sprechen. Anstelle des starken Wortes Mobbing empfiehlt er eine Wortwahl wie „Meiner Tochter geht es nicht gut“ oder „mein Kind fühlt sich unwohl“.

Fragebögen
Wie anfällig ist eine Klasse für Mobbing? Das zeige sich auch daran, wie offen diese sei, verschiedene Meinungen zuzulassen. Lehrkräfte können mithilfe von Fragebögen ermitteln, wie gut das Klassenklima ist. Diese Fragebögen gibt es auch bei der schulpsychologischen Beratungsstelle.

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