Probleme mit Mobilfunknetz Stuttgart, Stadt der vielen Funklöcher

Von Josef Schunder und  

Der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer will mit mehr Mobilfunkmasten die Funklöcher beseitigen. Doch das ist gar nicht so einfach. Neue Standorte rufen Protest hervor.

Ein Sendemast am Stuttgarter Nordbahnhof Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Ein Sendemast am Stuttgarter Nordbahnhof Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Der neue Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will mehr Funksendemasten errichten lassen, um die Funklöcher in Deutschland zu schließen. Die Bremser von Telefongesprächen und Datenaustausch über Mobilgeräte gibt es auch im Zen­trum des Ballungsraums Stuttgart. Entsprechende Klagen sind zum Beispiel bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart laut geworden. Demnach scheint man auf Straßen in den Landkreisen um Stuttgart herum recht oft in Funklöcher zu geraten. Dem ehrenamtlichen IHK-Funktionär Alexander Banzhaf ist das zudem schon auf der Fahrt mit der S-Bahn zwischen Sindelfingen und Stuttgart passiert. Dort könne man nicht mal mit dem – an sich weit verbreiteten – GSM-Funknetz arbeiten, also einem Mobilfunkstandard der 1990er Jahre. Die Verbindung halte nicht einmal wenige Minuten. Telefonieren oder mit einer Software zu arbeiten, für die man eine Netzwerkverbindung brauche, sei praktisch unmöglich. So etwas dürfe in einer wirtschaftsstarken Region nicht sein, klagte der Geschäftsführer einer IT-Firma.

Bei Oliver Buttler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg melden sich des Öfteren Handy- und Smartphone-Benutzer. Pro­blembereiche finden sich nach seiner Erfahrung straßen- oder abschnittsweise in fast allen Höhenlagen von Stuttgart. In der Innenstadt seien die Verhältnisse gut, die Mobilfunknetze seien hier dichter und leistungsfähiger.

Unterversorgung in einzelnen Straßen

Den zirkulierenden Zahlen zufolge sähe es eigentlich gar nicht schlecht aus. Mit dem GSM-Standard, erklärte das Wirtschaftsministerium des Landes schon 2016, würden 99 Prozent der Haushalte sogar in der gesamten Region von jedem einzelnen der drei deutschen Mobilfunk-Netzbetreiber – Telekom, Vodafone und Telefónica – abgedeckt. Beim schnelleren und leistungsfähigeren Funkstandard UMTS wurden damals wie heute 91 bis 99 Prozent gehandelt. Der noch bessere Standard LTE – vierte Generation der Technik – war demnach bei 87 Prozent (Vodafone) bis 91,9 Prozent (Telekom) der Haushalte garantiert. Mangelhafte Versorgung mit LTE oder größere Lücken, stellte der Verband Region Stuttgart (VRS) Ende 2017 fest, seien in siedlungsarmen und waldreichen Gebieten zu verzeichnen. Eine Unterversorgung gebe es in vielen Kommunen in einzelnen Straßen und Stadtteilen zumindest im einen oder anderen Netz.

Um Problemzonen zu kümmern, muss man genau hinschauen

Eine 100-prozentige Abdeckung der Region mit LTE werde vermutlich nie erreicht werden, meinte der VRS, weil die Versorger oft keine passenden Grundstücke für Sender bekämen und die Sache auch wirtschaftlich sein müsse. Bis zur flächendeckenden Einführung von 5G, dem Funkstandard der fünften Generation, werde sicher noch einige Zeit vergehen. Die Bundesregierung habe sich ein hochleistungsfähiges 5G-Netz für die 20 größten Städte und alle Hauptverkehrswege bis 2025 zum Ziel gesetzt. Es gilt als Voraussetzung für autonomes Fahren.

Doch auch in vermeintlich flächendeckenden Netzen stehen die Frequenzen nicht immer und überall zur Verfügung. Das hängt auch von der Zahl der momentanen Nutzer und der Zahl der Funkzellen ab. Die positiven Aussagen der Netzbetreiber über die Abdeckung sind nach Buttlers Meinung mit Vorsicht zu genießen. In den Karten schlügen sich etwa die plötzlichen Gesprächsabbrüche nicht nieder, weil Fußgänger oder Autofahrer sich bewegen und von einer Funkzelle zur anderen wechseln. Auch um markierte Problemzonen in den Karten zu erkennen, muss man manchmal sehr genau hinschauen und stark zoomen.

Beispiel Ottendorfer Straße in Bad Cannstatt: Dort gibt es einige Häuser, deren Bewohner daheim lieber auf dem Festnetztelefon angerufen werden möchten, weil im Mobilfunk die Qualität zu schlecht ist. Dabei müsste hier – laut Kartenmaterial – zumindest die Versorgung mit dem GSM-Netz gewährleistet sein. Weiße Flecken werden für diese Straße und ihre Umgebung in den leistungsfähigeren Netzen angezeigt – wie in größerem Maßstab für die Umgebung von Schloss Solitude und für einen kleinen Bereich zwischen Frauenkopf und Waldebene Ost. Auch von innenstadtnahen Punkten kommen immer wieder Klagen von Autofahrern. Beispiele dafür: die Bereiche Bopser und Weinsteige.Weiter außen sind es Degerloch und der Fernsehturm.

Warnung vor den Folgen der Strahlung

Auch in vermeintlich gut versorgten Gebieten sind die Funknetze nach Oliver Buttlers Einschätzung bisweilen „fast an der Grenze“ der Kapazität. Was den Verbraucherschützer nicht wirklich überrascht: Smartphone-Nutzern würden von den Mobilfunkanbietern ständig größere Datenpakete verkauft – und die größeren Datenvolumen würden mit Streamingdiensten wie Spotify und Netflix fleißig zum Herabladen von Musik und Filmen genutzt. „Im Grunde braucht man noch weitere Mobilfunkmasten“, sagt Buttler. Doch die rufen Protest hervor, wie derzeit auf der Rohrer Höhe in Stuttgart-Vaihingen. Einen offenen Brief an Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) unterschrieben bis Mitte März fast 600 Menschen.

Ein entschiedener Mastengegner ist Peter Hensinger, Vorstandsmitglied im Stuttgarter Bund für Umwelt und Naturschutz und bei der Verbraucherschutzorganisation Diagnose Funk. Er warnt seit Jahren vor den Folgen durch die Strahlung, die seiner Einschätzung nach von den Mobilfunkmasten ausgehen: Herzrasen und Kopfschmerzen bei „elektrosensiblen Menschen“ sowie Krebsgefahr. Von der Initiative des Ministers Scheuer erwartet er sich nichts Gutes. Mit dem Bau weiterer Masten drohe die Verstrahlung der Bevölkerung riesige Ausmaße anzunehmen. Im Schwarzwald, befürchtet er, könnten die letzten funkfreien Täler bestrahlt werden. Aber auch der Senkung des Energieverbrauchs und dem Datenschutz würden mit dem massiven Netzausbau Bärendienste erwiesen.

Hensinger unterstützt die Bemühungen in der Region zum Ausbau des Glasfaser-Kabelnetzes. Mit dessen Hilfe könnten die Menschen in Gebäuden besser und mit weniger Elektrostrahlung kommunizieren. Für den Mobilfunk schlägt er statt Masten mit intensiver Strahlung kleine Funkzellen mit geringerer Leistung vor. Deren Strahlung würde nicht durchschlagen auf Innenräume. Das Kleinzellennetz im Freien müsse aber „geregelt“ betrieben werden. Sprich: ein Netz für alle, nicht mehrere strahlende Netze.

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