Mobilfunk in Weilimdorf Protestaktion gegen geplanten Sendemast

Von Leonie Schüler 

Bürger kämpfen gegen den Bau einer Mobilfunk-Anlage am Spechtweg und schlagen eine Alternative vor

Im Namen der Bürgerinitiative  hat Julia Mohr  an Bürgermeister Matthias Hahn eine Unterschriftenliste gegen  den Bau eines Sendemasten am Spechtweg  überreicht. Foto: Leonie Schüler
Im Namen der Bürgerinitiative hat Julia Mohr an Bürgermeister Matthias Hahn eine Unterschriftenliste gegen den Bau eines Sendemasten am Spechtweg überreicht. Foto: Leonie Schüler

Wolfbusch - Mehr als 360 Unterschriften haben Anwohner aus dem Stadtteil Wolfbusch am Dienstag im Rathaus an Bürgermeister Matthias Hahn überreicht. „Wir sind keine Gegner von Mobilfunk, es gibt viele gute Seiten daran“, betont Julia Mohr. Die Bürgerinitiative, welche die Anwohnerin zusammen mit etwa 20 Nachbarn gegründet hat, habe vielmehr etwas dagegen, dass die Deutsche Telekom für einen neuen LTE-Sendemast einen Standort gewählt hat, der unmittelbar ans Wohngebiet angrenzt. Schließlich würden zahlreiche Studien vor gesundheitliche Schäden warnen. Julia Mohr kann das Gelände am Spechtweg 25, auf dem die Telekom den 25 Meter hohen Mast errichten möchte, von ihrem Wohnzimmer aus sehen. Der Bebauungsplan lässt eine entsprechende Nutzung zu, baurechtlich muss die Stadt ihre Zustimmung erteilen. „Die Baugenehmigung ist eingereicht“, sagt Telekom-Sprecher Markus Jodl.

Peter Hensinger, Vorstand der Umwelt- und Verbraucherorganisation Diagnose-Funk hält den Standort für sehr bedenklich. „Es ist unverantwortlich, in der Nähe von Kindergärten und des Solitude-Gymnasiums einen Sendemasten aufzustellen, obwohl es Alternativen mit geringerer Belastung und genauso guter Versorgung geben würde“, sagt er. Einen konkreten Vorschlag hat Hans Klingel von der Bürgerinitiative erarbeitet: An einem Bereich entlang der Bundesstraße 295 hätte ein Sendemast in alle Richtungen 300 Meter Abstand zur Wohnbebauung. Von dort aus sei die Belastung durch Mobilfunkwellen für Weil­imdorfer Anwohner deutlich geringer, bestätigt Peter Hensinger.

Kritiker bemängeln Höhe des Grenzwerts

Baut die Telekom den Mast wie vorgesehen am Spechtweg, liegen die prognostizierten Immissionswerte an verschiedenen Punkten im Wohngebiet zwischen 6,2 und 11,4 Prozent des zugelassenen Grenzwertes. „Das Problem ist: Der Grenzwert ist völlig absurd“, warnt Hensinger. Bundesweit sind je nach Funktechnik bis zu 61 Volt pro Meter beziehungsweise 10 Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter zugelassen. Die Anwohner, die direkt am geplanten Sendemast wohnen, wären einer Belastung von 128 270 Mikrowatt pro Quadratmeter ausgesetzt, so Hensingers Berechnung. „Das ist erschreckend hoch“, sagt er. „In anderen Ländern wären die Werte weit über dem Grenzwert.“ In der Schweiz etwa dürften 100 000 Mikrowatt nicht überschritten werden, an Spielplätzen nicht mehr als 42 500 Mikrowatt. In Russland und China liege der Grenzwert bei 95 000 Mikrowatt. Hensinger zieht einen Vergleich: „Der in Deutschland gültige Grenzwert ist so, als würde man die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen auf 990 Stundenkilometer festlegen.“ Der BUND fordere hingegen eine maximale Außenbelastung von 100 Mikrowatt und dort, wo sich Personen dauerhaft aufhalten, ein Mikrowatt. „Das ist bei intelligenter Technik zu realisieren und würde dennoch eine gute Kommunikation absichern.“

Seitens der Deutschen Telekom wird die Lage freilich anders bewertet. „Mobilfunk, so wie wir ihn einsetzen, ist eine sichere Technik“, sagt der Sprecher Markus Jodl. „Wir halten alle gesetzlichen Bestimmungen ein.“ Die Bundesnetzagentur prüfe jeden Standort und gebe diesen frei. Von der Idee, den von der Bürgerinitiative erarbeiteten Standort zu prüfen, hält Jodl nicht viel. Schließlich sei das Gelände am Spechtweg bereits das Ergebnis eines kommunalen Dialogs. „Ursprünglich wollten wir den Standort an der Straße Am Seelachwald erweitern. Nach Gesprächen mit der Stadt haben wir nun eine machbare Alternative gefunden.“ Außerdem sei das Gelände am Spechtweg im Besitz des Mobilfunkbetreibers, „warum sollten wir den Masten also 300 Meter weiter errichten?“. Die Telekom sei schließlich ein wirtschaftliches Unternehmen. Gesundheitliche Fragen müssten die zuständigen Behörden beantworten.

„Handy und Handymast sind eine Einheit“

Jodl betont zudem, dass ein gutes, flächendeckendes Netz nicht ohne den Ausbau von Masten zu erreichen sei. „Handy und Handymast sind eine Einheit. Ein dichtes, gleichmäßiges Netz führt zu den niedrigst möglichen Immissionen, weil Handy und Handymast dann automatisch nach unten regeln. Deshalb müssen die Masten dort stehen wo die Nutzer sind.“

Das baden-württembergische Umweltministerium hat sich vergangenes Jahr im Bundesrat dafür eingesetzt, dass die geltenden Grenzwerte auf 6 Volt beziehungsweise 100 000 Mikrowatt gesenkt werden. Vorbild dafür war die Schweiz, die 1999 niedrigere Grenzwerte eingeführt habe. „Auch in der Schweiz wird flächendeckend mobil telefoniert. Wenn niedrigere Grenzwerte den Funkbetrieb nicht beeinträchtigen, gibt es keinen Grund, dagegen zu sein“, sagte Umweltminister Franz Untersteller damals. Der Antrag wurde in der Bundesimmissionsschutzverordnung jedoch nicht umgesetzt. Unabhängig von der bundesweiten Vorgabe könnten jedoch Kommunen entsprechende Vorsorgekonzepte aufstellen, rät ein Sprecher des Ministeriums. So könne erreicht werden, dass Kommunen bei der Wahl von Sendemast-Standorten mitreden könnten.

Gemeinderat hat Vorsorgekonzept abgelehnt

Die Grünen-Gemeinderatsfraktion hat in den Haushaltsberatungen ein solches Mobilfunkvorsorgekonzept beantragt, war damit aber mehrheitlich abgelehnt worden. „Der Grenzwert kann natürlich nur auf Bundesebene geändert werden“, sagt Grünen-Stadträtin Clarissa Seitz. Deshalb sollte die Stadt wenigstens bei der Standortwahl Mitsprache haben. Ihre Fraktion lehne den Bau eines Masts am Spechtweg ab und setze sich dafür ein, dass der Alternativvorschlag der Bürgerinitiative geprüft werde.

Am Dienstag im Rathaus versprach Bürgermeister Hahn den Wolfbusch-Anwohnern, noch einmal mit der Telekom ein Gespräch zu führen. Er merkte jedoch an, dass die gesetzliche Lage es zulasse, dass der Mobilfunkbetreiber am Standort festhalte.

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