Mobilität Gemütlich schnurrt der Lastesel die Berge rauf

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Die Pelzigs finden ihr Christiania-Lastenrad derart überzeugend, dass sie unter dem Namen Hyggelig-Bikes einen Vertrieb für die dänischen Gefährte eröffnet haben. Für Stuttgart empfehlen sie eine motorisierte Variante.

Das Lastenrad hat Anne Pelzig in Kopenhagen entdeckt und war begeistert. Foto: privat
Das Lastenrad hat Anne Pelzig in Kopenhagen entdeckt und war begeistert. Foto: privat

S-West - Wenn Anne Pelzer mit dem Lastenrad die Reinsburgstraße hinunterbraust, dann lächeln ihr die Passanten hinterher. Die beiden niedlichen Kinder, die vorn in der Holzkiste zwischen den Einkäufen hocken, sind ein putziger Anblick. Und da das Gefährt mit einem Motor ausgestattet ist, geht das ganze auch den Buckel rauf.

Vor zwei Jahren hat die 39-Jährige das Lastenrad während eines Familienurlaubs in der dänischen Hauptstadt entdeckt. „Kopenhagen ist ja sowieso die Fahrradstadt an sich. Es gibt zwei Fahrspuren: eine für Autos und eine für Räder. Seine Kinder fährt man in einer Kiste am Lastenrad spazieren. Wir waren hell begeistert! Das wollten wir auch!“ Allerdings gibt es für Radler einen entscheidenenden Unterschied zu Kopenhagen: Berge. Anne Pelzers Familie wohnt selbst recht steil beim Kräherwald. Würde ein mit Elektromotor ausstaffiertes Lastenrad die Stuttgarter Steigungen packen oder taugt es bloß für Flachlandtiroler? Die Pelzers ließen es nach langem Hin und Her drauf ankommen und orderten ein Christiania-Rad mit Motorantrieb.

Das vor gut 30 Jahren kreierte Rad gibt es nämlich in mannigfachen Ausstattungsvarianten – mit und ohne Motor und mit unterschiedlichen Transportvorrichtungen. Ursprünglich ist es ein Kind der Hippie-Bewegung. Sein Erfinder lebte Anfang der achtziger Jahre in der alternativen, autonomen, vor allem aber autofreien Kommune Christiania in Kopenhagen. Irgendwie vorwärts kommen musste man aber auch dort. Und so baute der Schmid Lars Engstrøm 1984 das erste Lastenrad mit Ladefläche vorn, um damit seine Kinder und seine Möbel zu transportieren. Mittlerweile betreibt Engstrøm eine Fahrradfabrik auf Bornholm mit gut 20 Angestellten. Das Geschäft mit dem Hippie-Rad läuft rund – nicht bloß in Dänemark, sondern weltweit und besonders in London, wo seit der Einführung der Umweltzone Autofahren die luxuriöse Freizeitbeschäftigung des geselligen Goldbarrenversenkens abgelöst hat.

Aber auch in Deutschland gibt es eine Dependance für Christiania-Bikes. Sie firmiert in einem Kreuzberger Hinterhof und hat um die 100 verpartnerte Fahrradhändler bundesweit. Anne und Mark Pelzer vertreiben die Räder seit kurzem in Stuttgart, denn das Lastenrad in motorisierter Version, weil sie so begeistert waren von dem Rad, das sie für sich selbst in Dänemark bestellt hatten. „Ich fahre damit das ältere Kind zur Schule, fahre dann vom Kräherwald in die Reinsburgstraße, wo ich unser jüngeres Kind im Kindergarten abliefere, und fahre dann zum Stöckach im Osten, wo ich arbeite. Mittags radle ich wieder hoch zum Kräherwald und in die Reinsburgstraße, um die Kinder wieder einzusammeln. Manchmal bleiben die Leute auf dem Gehweg stehen. Wenn sie mich von vorne sehen, wundern sie sich, wie ich es mit den Kindern und den Einkäufen in der Kiste überhaupt den Berg hoch schaffe. Erst von hinten erkennen sie dann den Motor.“

Zur Begeisterung gesellte sich bei den Pelzers bald eine Art missionarischer Ehrgeiz, auch andere aufs Rad zu holen und sie beschlossen, damit Handel zu betreiben. Im Süden, in der Kolbstraße haben das berufstätige Paar ein kleines Eckgeschäft als Showroom eingerichtet, wo man zum Probefahren vorbeikommen kann. Das ist auch nötig, denn die Gefährte sind zwar wendiger als sie aussehen, aber das Lenken ist völlig anders als bei einem Fahrrad und ziemlich gewöhnungsbedürftig. „Reine Übungssache“, meint Anne Pelzer.

Weil sie das Fahren so gemütlich finden, haben sie ihre Firma „Hyggelig-Bikes“ genannt – „hyggelig“ heißt „gemütlich“ auf Dänisch. „Mit dem Rad kann ich überall kurz anhalten, schnell zum Bäcker oder zum Metzger, ohne einen Parkplatz suchen zu müssen.“ Der Motor bewältige auch steile Berge, der Akku reiche selbst bei anspruchsvollen Strecken den ganzen Tag. „Über Nacht lade ich ihn auf.“ Von einem Rad ohne Motor würde Pelzer Stuttgartern eher abraten. Die Gemütlichkeit, die Solidität, die vielfältige Nutzbarkeit als Familienkutsche, Umzugswagen, mobiler Verkaufsstand oder Lieferservice und die dänische Wertarbeit haben allerdings ihren Preis. Ein Christiania-Bike kostet je nach Ausstattung zwischen 1500 und 4200 Euro – mit Motor das Doppelte. Seitdem Eröffnung ihres Showrooms sind fünf Interessenten Probe gefahren: Zwei haben Räder gekauft, eine Kundin überlegt noch.

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