Willi Rottler, Bürgerbus-Fahrer Manfred Hanus, Fabian Starzmann, Helmut Leuze und Köngens Bürgermeister Ronald Scholz (von links). Foto: Kerstin Dannath
Als Bürgerbus ist in Köngen ein Diesel-Fahrzeug im Einsatz. Bei Fahrgästen ist er beliebt – doch von sieben Plätzen sind im Durchschnitt nur 2,3 belegt. Wie nachhaltig ist das Angebot?
Kerstin Dannath
08.08.2025 - 10:01 Uhr
Bürgerbusse sind wichtig: Sie helfen, das bestehende Nahverkehrsnetz – besonders in ländlichen Regionen – auszubauen und schließen damit Lücken. In vielen Regionen profitieren vor allem Senioren. Die Busse helfen ihnen, bestimmte Ziele ohne eigenes Auto zu erreichen, so auch in Köngen. „Der typische Fahrgast des Köngener Bürgerbusses ist weiblich, in Rente und in seiner Mobilität eingeschränkt“, bestätigt Fabian Starzmann.
Der 27-Jährige Unterensinger hat sich im Rahmen seiner Masterarbeit am Geographischen Institut der Universität Tübingen intensiv mit dem zusätzlichen Angebot zum Nahverkehr in Köngen beschäftigt. Warum Köngen? „Ich habe bei fünf Bürgerbusvereinen angefragt und die Köngener waren sofort Feuer und Flamme“, berichtet er. Sieben Monate hat er den Köngener Bürgerbus auf Herz und Nieren geprüft – im Mittelpunkt stand die Frage, ob der Bürgerbus sein selbst gestecktes Ziele als ergänzendes Angebot zum bestehenden Nahverkehr erfüllt.
Einkaufszentrum ist das Hauptziel
Aber auch Nachhaltigkeit oder die Sinnhaftigkeit der Routenführung wurden auf den Prüfstand gestellt. Dazu führte Starzmann insgesamt 25 Interviews mit Fahrgästen, Fahrern und Bürgerbus-Verantwortlichen, die dann ausgewertet wurden. Dazu fuhr er selbst eine Woche mit dem Bürgerbus mit. Starzmanns Fachgebiet ist die Humangeographie, die sich mit der menschlichen Nutzung und Gestaltung der Erde befasst. Sie untersucht, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, verändern und gestalten, und wie sich dies auf ihre Lebensweisen und sozialen Strukturen auswirkt.
Wenig überraschend kristallisierte sich als Fahrtziel Nummer eins das Einkaufszentrum Kö8 im Neckartal heraus, gefolgt vom Rathaus im Dorfzentrum und dem Friedhof am nördlichen Ortsende. Wünschen würden sich viele Nutzer eine zusätzliche Haltestelle beim Aldi im Unterdorf. Die meisten Fahrgäste sind im Seniorenalter und nutzen das Angebot ein Mal pro Woche, aufmerksam geworden sind sie meist über das Köngener Gemeindeblatt, Bekannte oder sie haben eine Haltestelle gesehen und sind einfach mal mitgefahren.
„Senioren sind neugierig und haben Zeit“, erklärt Starzmann. Was auch Helmut Leuze vom Bürgerbusverein bestätigt: „Es gibt viele, die eine komplette Runde durch das Dorf mitfahren.“ Viele Nutzer hätten eine Jahreskarte und nehmen die Fahrt als Abwechslung gerne mit: „Das ist besser als zu Hause herumzusitzen, sagen sie“, erklärt Leuze. Über die Hälfte der befragten Fahrgäste hat keine andere Möglichkeit mobil zu sein: „Sie sind also auf den Bürgerbus angewiesen“, konstatiert Starzmann.
Mehr als die Hälfte der Plätze bleibt meist frei
Ob das Angebot nachhaltig ist, darüber waren die Meinungen indes geteilt. Zwar lobten alle Fahrgäste den Bürgerbus und auch den symbolischen Fahrpreis von einem Euro sowie die Jahreskarte für 50 Euro finden die Nutzer großartig. Allerdings ist den Nutzern auch aufgefallen, dass der Bürgerbus ein Dieselfahrzeug ist und oft nur mit wenigen Fahrgästen besetzt ist. Was auch von Fahrdienstorganisator Leuze bestätigt wird: „Die durchschnittliche Auslastung liegt bei 2,3 Fahrgästen pro Tour.“ Möglich wären bis zu sieben Mitfahrer.
Der Bürgerbus ist eine Ergänzung zum regulären Nahverkehrsangebot. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Die Nachhaltigkeit werde im Verein oft thematisiert, sagt der Vereinsvorsitzende Willi Rottler. Doch auch ein Umstieg auf ein umweltfreundliches E-Fahrzeug, wie jüngst etwa in Wendlingen erfolgt, habe seine Tücken: Zunächst sind solche Fahrzeuge nicht einfach zu beschaffen und obendrein um einiges teurer. „Ein neues Fahrzeug kostet ungefähr 90 000 Euro und wird vom Land mit 40 000 Euro gefördert. Ein neues E-Fahrzeug kostet 180 000 bis 200 000 Euro und wird mit 60 000 Euro gefördert“, sagt Leuze. Dazu komme, dass Fragen wie eine spätere Entsorgung der Batterie ungelöst seien.
Zurzeit dreht in Köngen ein zehn Jahre alter Ford Transit die Bürgerbus-Runde. Das Dieselfahrzeug hat 65 000 Kilometer auf dem Tacho und kostet den Verein rund 4500 Euro Unterhalt im Jahr. Finanziert wird das Angebot über Sponsoren, die Werbeflächen auf dem Fahrzeug bekommen. Von den Werbeflächen ist rund die Hälfte belegt, sagt Rottler. Der Verein sei auf der Suche nach weiteren Sponsoren, fügt er hinzu.
Die Gemeinde haftet für den Verein
Finanzielle Unterstützung aus dem Rathaus gibt es nicht, allerdings haftet die Gemeinde für den Verein und hilft mit anderen Dingen. So wurde etwa an der Haltestelle hinter dem Rathaus erst vor kurzem eine Sitzbank auf Kosten der Kommune aufgestellt. Bei der Beschaffung des Fahrzeugs wurde der Verein von der Petermann- und der Maier-Stiftung großzügig unterstützt.
Starzmanns Fazit über den Köngener Bürgerbus fällt positiv aus: „Es ist ein tolles Angebot für ältere Bürger und gibt ihnen ein Stück weit ihre Mobilität zurück.“ Die Erreichbarkeit bestimmter Ziele wie Einkaufsmöglichkeit, Ärzte, Rathaus oder Apotheke wird durch den Bürgerbus wesentlich verbessert: „Und damit erhöht sich Mobilität der Nutzer im ländlichen Raum.“
Was auch viel mit Teilhabe zu tun hat, ergänzt Köngens Bürgermeister Ronald Scholz: „Der Bürgerbus hat große Symbolkraft für das ehrenamtliche und soziale Engagement in unserer Gemeinde. Das wirkt positiv auf das Leben in der Kommune – man merkt, hier gibt es Menschen, die an einem Strang ziehen.“
Ergänzendes Angebot
Erfolgsmodell Schon 1986 gab es im Landkreis Ravensburg den ersten Bürgerbus in Baden-Württemberg. Heute fahren rund 66 Bürgerbusse im Südwesten (Stand April 2022). Allein von 2014 bis 2022 hat sich die Zahl der Bürgerbusse nahezu verdoppelt. Neben Köngen gibt es Bürgerbusse in der Region zum Beispiel in Denkendorf, Wendlingen oder Oberboihingen.
Bürgerbus Köngen Der Bürgerbusverein Köngen wurde am 15. September 2015 gegründet. Der Bürgerbus fährt dienstags bis freitags jeweils am Vormittag, am Mittwoch zusätzlich nachmittags. Derzeit gibt es 18 ehrenamtliche Fahrer, die auf dem Rundkurs mit 15 Haltestellen durch Köngen unterwegs sind.