Mobilitätscheck in Esslingen Wie fußgängerfreundlich ist die Stadt?

Der „Rote Platz“ in der Pliensauvorstadtwird zwar gerne von Fußgängern genutzt, macht aber einen verwahrlosten Eindruck. Foto: Roberto Bulgrin

Mobilität soll in Esslingen vorangehen. In einem vom Land geförderten Check mit Begehungen wurde daher die Situation der Fußgänger im Stadtgebiet untersucht. Die Ergebnisse sind deutlich.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

In Esslingen läuft vieles. Manches läuft auch schief. Wie ist die Lage bei den Fußgängern? Was für sie im Stadtgebiet geht oder auch nicht, wurde bei den vom Land Baden-Württemberg geförderten Fußverkehrschecks unter die Lupe genommen. Im Blickpunkt der Begehungen standen im Juli vergangenen Jahres die östliche Innenstadt mit Maille-Kreuzung, Neckarstraße und Charlottenplatz sowie die Pliensauvorstadt rund um die Stuttgarter Straße. Die Ergebnisse wurden im Mobilitätsausschuss des Esslinger Gemeinderates am Montagnachmittag vorgestellt – und das Fazit lautet: Im Fußverkehr müsste im Stadtgebiet viel mehr vorangehen, und mit Blick auf die Lage der Fußgänger ist Esslingen teilweise stehen geblieben.

 

Defizite Fußgängern ergeht es in Esslingen laut dem Check nicht immer gut. Schilder und Laternen stünden im Stadtgebiet teilweise sehr weit von der Fahrbahn eingerückt, erläuterte Raphael Domin vom ausführenden Ingenieurbüro bei der Präsentation der Untersuchung im Ausschuss. Bauschilder befänden sich zum Teil mittig auf den Gehwegen, viele Ampeln hätten lange Wartezeiten. Es müssten dringend ausreichende Grünzeiten vor allem bei größeren Fußverkehrsmengen im Bereich von Schulen oder Haltestellen eingeplant und die Wartezeiten so kurz wie möglich gehalten werden. Ein weiteres Ärgernis seien das Gehwegparken und andere Verengungen ohnehin bereits schmaler Bürgersteige. Zu den Daueraufgaben für die Stadt gehören laut dem Check Verbesserungen in Bereichen wie Kommunikation, Schulwegplanung oder Barrierefreiheit.

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Kritik am Beispiel Blumenstraße In der Blumenstraße und anderen Teilen des Esslinger Stadtgebiets ist laut den Ergebnissen des Fußverkehrschecks die Querung, auch zwischen den Geschäften und Nahversorgern, schwierig und umständlich. Zudem würden parkende Fahrzeuge die Sicht erschweren. Empfohlene Gegenmittel gegen diese Missstände wären laut den Planern das Ermöglichen eines flächigen Querens und eine klare Trennung von Fahrbahn, Parkplatz und Gehwegen, führte Raphael Domin aus. Parkflächen sollten nur dort ausgewiesen werden, wo ausreichend Platz vorhanden ist. Falschparker müssten sanktioniert werden. „Shared Spaces“ mit der Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer, der Vereinigung vieler Nutzungsansprüche an den Straßenraum und einer Verkehrsberuhigung durch eine andersartige Verkehrsraumgestaltung sollte die Überschrift für das Handeln sein.

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Mängel am Beispiel „Roter Platz“ Im Stadtgebiet und auch auf dem „Roten Platz“ in der Pliensauvorstadt wirken gut genutzte Flächen vernachlässigt, prangert der Fußverkehrscheck an. Verkehrsberuhigte Bereiche könnten nicht immer klar erkannt und genutzt werden. Lösungsmöglichkeiten wären aus Sicht der Macher die Instandsetzung von Brunnen, Belag, Mobiliar oder Grünflächen. Radverkehrsquerungen und Quartiersgaragen könnten Abhilfen schaffen, legte Raphael Domin dar.

Neue Strukturen Die Studie schlägt die Schaffung eines runden Tisches oder Arbeitskreises zum Fußverkehr mit Bürgerschaft, Polizei, Interessenverbänden oder Verwaltung vor. Die Besetzung der Stelle eines Fußgängerbeauftragten könne laut Raphael Domin ebenfalls hilfreich sein. Die Erarbeitung eines Fußgängerkonzepts könne finanziell durch das Ministerium für Verkehr gefördert werden. Denkbar wären auch Fußgängerquerungskonzepte, Schulwegpläne oder eine Konzeption für verkehrsberuhigte Ortsmitten.

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Reaktionen Fußgänger müssten in Esslingen mehr Bedeutung bekommen, meinte Stadtrat Jürgen Menzel (Grüne) im Ausschuss. Veränderungen wie längere Grünphasen an Ampeln hätten Auswirkungen auf den fließenden Verkehr: „Wir müssen den Mut dazu aufbringen.“ Der Fußverkehrscheck sei eine gute Geschichte, stimmte Heidi Bär (SPD) zu: „Doch wir müssen auch dranbleiben und die Fußgänger in unser Mobilitätskonzept miteinbinden.“ Augenmaß forderte dagegen Tim Hauser (CDU). Es sei eine schwierige Aufgabe, für die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer zu sorgen. Die Auswirkungen von Verbesserungen für Fußgänger auf andere Verkehrsteilnehmer müssten im Auge behalten werden. Eine verlängerte Grünschaltung der Ampeln könne etwa auch Folgen für den Busverkehr haben. Die Einrichtung eines Arbeitskreises Fußverkehr oder eines runden Tisches forderte Tobias Hardt (Die Linke): „Wir sind nicht zufrieden, wenn die Fußgänger die Krümel bekommen, die vom Autoverkehr übrig bleiben.“

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Das sagt die Verwaltung Beim Fußverkehr sei in Esslingen „Luft nach oben“, gab Baubürgermeister Hans-Georg Sigel im Ausschuss zu. Neben anderen Verkehrsteilnehmern müssten auch die Fußgänger mehr bei Planungen mitgenommen und berücksichtigt werden. Das gelte für die Aufenthaltsqualität in der Stadt, aber auch für Veränderungen wie längere Ampelschaltungen oder die Platzierung von Schildern und Laternen. Der Gesichtspunkt „Personal und Finanzen“ müsse aber immer gemeinsam gedacht werden. Die Finanzierung der Stelle eines Fußgängerbeauftragten gestalte sich angesichts knapper Kassen schwierig.

Der Fußverkehrs-Check

Der Check

Seit 2015 gibt es diese landesweite Maßnahme des Stuttgarter Verkehrsministeriums zur Förderung und Weiterentwicklung des Fußverkehrs. Etwa 20 Prozent aller Kommunen haben sich seit Beginn um eine Teilnahme beworben. 2020 wurde Esslingen als eine von zehn Kommunen aus 62 Bewerbungen ausgewählt. Der Prozess wurde von einem Ingenieurbüro begleitet und moderiert.

Die Ziele
Durch den Check sollen eine Sensibilisierung für die Belange der Fußgänger und eine Analyse der Stärken und Schwächen der Infrastruktur vor Ort erreicht werden. Die Verantwortlichen möchten den Fußverkehr in das Bewusstsein von Verwaltung, Politik und Bürgerschaft rücken und konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

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