Stadtkind Stuttgart

Mode aus Stuttgart: Maison Corinna Houidi Haute Couture für den Alltag

Von Tanja Simoncev 

Designerin Corinna Houidi brennt für rebellische Haute-Couture-Mode. Am liebsten wäre die Stuttgarterin ab nach Paris. Doch am Ende gab es mehr als einen guten Grund, ihrer Heimat treu zu bleiben.

Die Stuttgarter Designerin Corinna Houidi bei der Arbeit in ihrem Atelier. Foto: Tanja Simoncev 28 Bilder
Die Stuttgarter Designerin Corinna Houidi bei der Arbeit in ihrem Atelier. Foto: Tanja Simoncev

Stuttgart - Gerade erst gingen die Haute-Couture-Schauen in Paris zu Ende - ein Mode-Spektakel der Extraklasse, bei dem große Roben auf die hohe Kunst der Schneiderei treffen. Eine, die dort bereits in der Frontrow saß und die Aufmerksamkeit nur so auf sich zog, ist die Stuttgarter Designerin Corinna Houidi. Denn die 26-Jährige fällt auf - durch die im wahrsten Sinne des Wortes schräge Frise, aber auch durch ihren extravaganten Stil, den sie ohne Scheu zur (Moden-)Schau trägt.

Seit ihrem Abschluss an der Modeschule hat die junge Frau aus Weiler zum Stein bei Winnenden klare Ziele vor Augen und den großen Traum von Paris im Herzen. Auch deshalb gründete sie ihr Label Maison Corinna Houidi und schrieb sich "I do it my way" auf die Fahnen beziehungsweise auf die Stoffbahnen. Der Mode widmet die Künstlerin nun ihr Leben, dem Entwerfen ihre ganze Freizeit. Corinna liebt ganz offensichtlich was sie tut, davon konnten wir uns bei einem Besuch in ihrem Atelier überzeugen.

L'amour, Label, Luftsprünge

"Mir war eben schon immer klar, dass ich mal etwas Kreatives machen werde", sagt die 26-Jährige selbstbewusst. Dass es den extravaganten, leicht schüchternen und ziemlich rebellischen Couture-Fan deshalb an die Modeschule Brigitte Kehrer zog, verwundert da keineswegs. Und dort erkannte Corinna auch: "Ich brenne für Mode und muss nach Paris". Doch trotz Abschluss blieb sie Stuttgart treu - auch wegen L'amour, ihrem Freund. Er sei es auch gewesen, der ihr nicht nur den Kreativkopf verdrehte, sondern sie fast schon zum eigenen Label drängte. 

Denn für Paris fehlte der Designerin das nötige Kleingeld. Also jobbte sie nebenbei und machte auch ein wenig Kohle mit Kapuzen, selbstkreiert versteht sich. "Damit fing eigentlich alles an. Ich trug die Kapuzen auch bei meinem Nebenjob und wurde immer öfter darauf angesprochen, also ermutigte mich mein Freund: Starte doch dein eigenes Label, verkaufe ein paar Kapuzen und spare das Geld für Paris." Gesagt, getan - trotz Zweifel am Selbstständigen-Status.

Und wieso Kapuzen? "Keine Ahnung, sie waren zunächst einmal ein Teil meiner Abschluss-Kollektion, als Accessoire. Ich mag Kapuzen und hatte vorher auch noch nie so etwas entworfen. Es hat mich einfach gereizt, denn ich versuche bei jedem Entwurf das Beste aus mir herauszuholen und muss immer etwas machen, dass mich zum Nachdenken bringt. Und der Reiz bei der Kapuze war, dass man sie abnehmen kann. Ein düsterer Look, passend zum Kollektions-Thema 'Darkness'." 

Do it yourself statt Dior

Und warum Paris? "Weil es dort so viele Freiräume für Designer gibt, weil Haute-Couture dort zum Leben erweckt wurde. Die Frage ist also nicht: "Warum Paris?", sondern: "Welcher Designer will nicht nach Paris?" Und deshalb würde dieser Traum auch auf ewig fortbestehen. "Irgendwann", so Corinna, "habe ich dort mein Atelier und wohne direkt darüber." Zukunftsmusik, denn gerade lässt sie sich von einer besonderen Eigendynamik leiten.

"Ich wollte zu Dior. Jetzt mache ich die hochwertigen Teile selbst, unter meinem Namen, entwerfe das, was mir einfällt." Die Stuttgarterin, die sich schon einen Kundenstamm aufgebaut auf, erntet langsam aber sicher, was sie sät, unter anderem viel positive Resonanz. "Das macht mich so happy." Beinahe so glücklich wie die Erkenntnis: "Ich muss ja nicht unbedingt in Paris wohnen, sondern kann mein Label auch von hier aus aufbauen." Ganz nach Massive Töne, die schon in ihrem Song "Mutterstadt" zu rappen wussten: "Es ist nicht wo du bist, es ist was du machst." 

Den ersten großen Erfolg löste übrigens die Vox-Sendung "Shopping-Queen" aus. Corinna hatte eine Kandidatin im Shop Geschwisterliebe, wo sie nebenher jobbt, bedient und ihr gleich noch eine ihrer Kapuzen verkauft. "Was danach folgte, war unfassbar. Das Telefon stand eine Woche lang nicht still. Jeder wollte eine meiner Kapuzen haben - was für ein Hype, was für ein Stress - großartig." Trotzdem wünscht sich die Designerin für ihr Label lieber ein langsames Wachstum. "Hochwertige Teile brauchen ihre Zeit." Denn gut Ding will eben Weile haben.

Kleine Randnotiz: Im Moment würden alle Teile in Ateliers und Schneidereien produziert, die die Künstlerin eben damit beauftrage - in niedriger Stückzahl, versteht sich. "Wenn du eine höhere Stückzahl erreichst und Kontakte findest, was natürlich sehr schwierig ist, dann kannst du mal versuchen, die größeren Nähereien in Portugal oder Italien, die von der Qualität super sind, anzuhauen. "Da diese aber schon von den großen Labels besetzt sind, ist es als kleiner Designer fast unmöglich da reinzukommen." Trotzdem sei Corinnas langfristiges Ziel, die Produktionswege auszubauen.

Mode und Mitläufer

Auch wenn es der 26-Jährigen nicht ganz leicht fällt, den Fuß vom Gas zu nehmen und jede Stufe einzeln zu gehen. "Ich gebe eben immer Vollgas und falle gern mit der Tür ins Haus. Dass es aber nicht von heute auf morgen nach Paris geht, finde ich mittlerweile gut. Denn so kann ich mich darum bemühen, meine Teile noch hochwertiger zu gestalten. Ich lerne jeden Tag dazu. Schritt für Schritt. Und desto beständiger ist dann auch das Label."

Dabei ist die Mode-Industrie doch so schnelllebig, da von Beständigkeit zu sprechen, scheint fast schon lächerlich. Doch Corinna spricht von einem eigenen Stempel, der bleibenden Eindruck hinterlasse und weit weg sei von Abkupferei. "Sonst passiert doch da nichts Neues mehr. Wenn alle nur Mitläufer sind, wird es nie wieder so etwas wie Dior und Chanel geben. Ich hab gar keine Zeit, zu schauen, wer gerade was entwirft, ich mache mein eigenes Ding und bin damit voll glücklich."

Die Mode in Deutschland sei in den Augen der überzeugten Designerin echt traurig. Warum? "Weil es keinen gibt, der Wow-Effekte auslöst. Und ich will diejenige sein, zu der andere aufschauen und sagen: 'Wow, die inspiriert mich und dann ist sie auch noch nett.' Und das ist doch das wichtigste, dass du immer nett bist und auf dem Boden bleibst. Ganz nach dem Motto: Lieber das Herz der Menschen berühren als Neid und Missgunst zu schüren." Denn die Energie, die in den Teilen stecke, würden die Leute spüren. Dass die Falten im Rucksack etwa nicht mal so eben in einer Stunde gemacht wurden. "Allein die Freude in den Gesichtern zu sehen, das ist der eigentliche Luxus im Leben." 

Und wie geht's jetzt weiter? "Neben einer neuen Bekleidungskollektion soll der Ausbau des Onlinshops erfolgen und mit der Kollektion werden dann hoffentlich bald Boutiquen weltweit angesteuert. Für 2017 wünsche ich mir einfach, dass es meine Erwartungen übertriftt." Zum Schluss hat Mademoiselle Houidi noch folgende Tipps für alle Jung-Designer parat: "Habt einen Traum und haltet daran fest. Denn Glaube versetzt Berge. Lebt euer Talent, überwindet Hindernisse, bleibt dran, gebt immer euer Bestes und nie auf, bleibt optimistisch, versucht mitzureißen und euch durchzubeißen, seid mutig, offen und unvoreingenommen, liebt die Arbeit am Traum und lebt ganz nach dem Prinzip: Entweder ganz oder gar nicht."