Viel Schmuck, auffällige Farben, mehr Glanz und dazu noch ein bisschen Dekadenz: Dieser Modefrühling traut sich endlich mal wieder was. Als wollten sich die Designer von den jüngsten Krisen befreien.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Stuttgart - Die Mode für die anstehenden warmen Monate könnte ganz hübsch, aber auch ziemlich anstrengend werden. Für das dritte Jahr der Pandemie haben die kreativen Köpfe in den Modehauptstädten Paris, Mailand und London beschlossen, dass es endgültig an der Zeit ist, die ausgebeulten Joggingstrampler und Kapuzenungeheuer in die Altkleidertonne zu stecken. Man soll sich und seinem Körper wieder etwas zutrauen, so lautet die stilistische Devise, ungeachtet der Tatsache, dass die Krisen in diesen Tagen und Wochen nicht weniger geworden sind, im Gegenteil.

 

Doch statt gemütlicher Loungewear zum Einigeln bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag steht nun das Aufbrezeln auf dem Programm – und zwar unabhängig vom Geschlecht. Diese Mode ist eine Art Trotzreaktion, die reichlich Mut zur Farbe einfordert. Auf den letztjährigen Schauen zur Modesaison Frühjahr/Sommer leuchteten deshalb die Models in ihren Teilen bunt wie saure Vitamindrops um die Wette.

Bei Schmuck bloß nicht dezent sein!

Die Verantwortlichen bei Gucci, Boss und Valentino sind offensichtlich der festen Überzeugung, dass kraftvolle Farben die Laune heben, das gilt auch für den reichlich eingesetzten Schmuck, der unbedingt auffallen soll. Bloß nicht dezent sein! Und schweres Geschmeide aus Gold – gleichgültig ob falsch oder echt – geht immer.

Einen zusätzlichen Serotonin-Schub verspricht Donatella Versace, deren Kollektion wieder einmal mit der grellen Farbpalette der fernen 80er Jahre die Augen blinzeln lässt. Das Neon-Revival ist einfach unübersehbar: Gerne in der Kombination Giftfroschgrün, Himbeerrot, Spülsteintürkis und Lachsorange setzt die italienische Modeschöpferin die Augenblender-Töne großflächig ein.

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Neonfarben waren ja schon in der jüngsten Vergangenheit beliebt, sie wurden aber vor allem bei der sportlich-lässigen Kleidung für den Alltag gesichtet, ein gewisses Proll-Image gehörte dazu. Ab sofort dürfen grelle Kopftücher, Schuhe und Taschen auch im feinen Lokal und Opernfoyer die Umgebung blenden. Im Zweifel helfen Sonnenbrillen, die bitte am besten radkappengroß sein sollten.

Schulterpolster kehren zurück

Und wenn wir schon beim Dekadenzthema sind: Das Lieblings-Showteil der 80er Jahre waren die Türsteher-Schulterpolster, die Älteren werden sich mit Schaudern an den Denver-Clan-Schick von Joan Collins und Linda Evans erinnern. Nun können die Blazer wie einst nicht mächtig genug sein, zumindest bei den Damenkollektionen von Fendi und Louis Vuitton ist das so.

Anders die Herrenmode: Das Metzinger Modelabel Boss etwa reagiert auf das anhaltende Desinteresse bei den klassischen Businessanzügen für Männer und empfiehlt weiche Silhouetten bei Sakkos und passenden Hosen.

Fließende Stoffe für den postpatriarchalen Mann

Ansonsten gibt sich der postpatriarchale Mann möglichst feminin, am besten genderfluid. Man trägt schon mal einen tiefen Ausschnitt und zeigt die Brust. Fließende Stoffe betonen die Figur, falls eine präsentable zur Verfügung steht, etwa bei den Wollshirt-Hose-Kombinationen von Ferragamo.

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Die lockeren Hosenbeine gehen wieder über den Knöchel, man trägt lässige Sandalen und eine bauchige Tasche spazieren, die sogenannte Tote Bag, in die neben dem Laptop auch noch das Suppengrün vom Biomarkt hineinpasst. Nur merkwürdig, dass Armani die Krawatte wieder auspackt, und zwar mit Palmendessins. Ausgerechnet den Binder, das verfemte Statussymbol des Mannes vom alten Schlage. Geht da wieder was? Oder hat sich der alte weise Herr aus Mailand nur einen genderkritischen Scherz zum Thema Mann und Mode erlaubt?

Reminiszenzen an das Jahr 2000

Und dann wäre da noch so ein seltsamer Trend, der wahrscheinlich noch in den Kleiderschränken der 35- bis 45-Jährigen schlummert: Y2K ist die kryptische Abkürzung für das Jahr 2000. Die modischen Reminiszenzen an die nuller Jahre sind das Comeback des Jahres. Y2K – das waren unter anderem recht offenherzige Butterfly-Tops und Super-Low-Waist-Hosen, also Hosen, bei denen der Bund möglichst tief hängt, mit legeren Gürteln, die mehr Zierrat als Fixierung sind.

Man kann das als Abrechnung mit dem wohl populärsten Damenhosen-Modell der letzten Jahre begreifen: die Mom Jeans. Fashiontechnisch wirkt die karottig geschnittene, weit über den Knöcheln abschließende Hose mit dem hohen Bund bei den meisten Trägerinnen wie eine Absage an jegliche Sexyness. Lieber Clown statt Femme fatale. Man wollte es gemütlich haben.

Diese Zeiten sind augenscheinlich vorbei. Wie gesagt, der Sommer könnte noch anstrengend werden.