Für die Beschäftigten kam die Entscheidung wohl nicht unerwartet, und dennoch ist sie ein Paukenschlag. Der Bekleidungshersteller Gerry Weber will bis September 122 seiner derzeit noch 171 Läden und Outlets schließen. Damit fallen 500 Arbeitsplätze weg, in der Regel von Frauen. Da diese oft in Teilzeit arbeiten, werden rechnerisch 350 Vollzeitstellen gestrichen. Weitere 75 Vollzeitstellen sollen in den Zentralbereichen in Halle (Westfalen) entfallen.
Die Gerry Weber International AG hatte im April beim Essener Amtsgericht die Einleitung eines Sanierungsverfahrens nach dem Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG) beantragt. Die Gerry Weber Retail GmbH, in der das Filialgeschäft gebündelt ist, hatte kurz darauf Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Das Insolvenzverfahren wurde am Montag eröffnet.
Nach unseren Informationen werden in Baden-Württemberg zwölf der 17 Standorte geschlossen. In der Region Stuttgart machen die Filialen in Leonberg und Backnang dicht, das Geschäft in Ludwigsburg bleibt erhalten. Für die Filiale in Bietigheim-Bissingen stehe die Entscheidung noch aus. Das Unternehmen teilt mit, man würde „gerne weitermachen“, wahrscheinlich kommt es in diesem Fall auch auf den Mietvertrag an.
Die Filialen in Reutlingen, Pforzheim und Heidenheim werden geschlossen
Während die Filiale im Outletcenter Metzingen erhalten bleibt, schließt Gerry Weber seine Standorte in Reutlingen, Pforzheim und Heidenheim. In Ostwürttemberg fallen die Filialen in Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Hall und Bad Mergentheim weg. Außerdem trifft es Wiesloch bei Heidelberg.
Im Schwarzwald werden die Filialen in Freudenstadt und Waldshut-Tiengen geschlossen, während die Standorte in Bühl und im Outlet Münstertal bestehen bleiben. Außerdem streicht das Modeunternehmen seine Filiale im oberschwäbischen Biberach.
Die gestrichenen Filialen gelten laut Unternehmen alle als defizitär. Der vor zehn Jahren eingeschlagene Kurs, mehr eigene Läden zu eröffnen, habe sich als „nicht marktgerecht herausgestellt“, sagt die Vorstandschefin Angelika Schindler-Obenhaus. Für den Stellenabbau seien bereits ein Interessenausgleich und ein Sozialplan mit dem Betriebsrat vereinbart worden, zu dem auch betriebsbedingte Kündigungen zählen. Das künftige Filialnetz umfasse ausschließlich Standorte, die bereits profitabel arbeiteten und ein „hohes Zukunftspotential“ hätten. Außerdem zieht sich das Unternehmen aus seinen Shop-in-Shop-Geschäften in den Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof zurück, wie das Unternehmen auf Nachfrage mitteilt. Von den rund 50 Standorten ist auch Galeria in der Stuttgarter Königsstraße betroffen.
Gerry-Weber-Shops in Filialen von Galeria Karstadt Kaufhof machen zu
Als Gründe der Schieflage des Modeherstellers gelten neben Managementfehlern die coronabedingten Schließungen, hohe Mieten und die Konsumzurückhaltung infolge der hohen Inflation. „Drei Jahre mit solch schwierigen Rahmenbedingungen ist bei einer Marke, die schon zuvor nicht so gut gelaufen ist, problematisch“, sagt der Textilexperte Axel Augustin. Die Modebranche habe das Vorcorona-Niveau noch nicht erreicht. Selbst wo die Umsätze stimmten, sei wegen der steigenden Kosten die Gewinne geschmolzen.
Ob die Marktbereinigung in der Modebranche anhalte, sei ungewiss und hänge auch vom Ausgang der aktuellen Tarifauseinandersetzungen im Einzelhandel ab. „Zudem haben sie im Modebereich immer das Risiko, dass Kollektionen nicht so gut laufen“, betont Augustin.
Gerry Weber will sich in Zukunft wieder verstärkt auf das Großhandelsgeschäft konzentrieren und damit zu seinen Wurzeln zurückkehren, wie Schindler-Obenhaus betont.