Modekrankheit Prädiabetes Halb zuckerkrank – gibt es das wirklich?
In den USA fordern Ärzte jetzt auch die Behandlung der Vorstufen von Diabetes. Deutsche Experten sind da skeptisch. Sicher ist: Pharmafirmen wittern ein gutes Geschäft.
In den USA fordern Ärzte jetzt auch die Behandlung der Vorstufen von Diabetes. Deutsche Experten sind da skeptisch. Sicher ist: Pharmafirmen wittern ein gutes Geschäft.
Stuttgart - Die USA haben eine neue Krankheit. Oder zumindest eine halbe. Denn sie heißt: Prädiabetes, also Vorstufe zu Diabetes. Sie sollte, so die Forderung des führenden US-Diabetes-Fachverbands, unbedingt behandelt werden, weil sonst schwere Gesundheitsschäden drohen würden. Doch viele Experten warnen davor, aus Prädiabetes eine Krankheit machen zu wollen.
Ein Fallbeispiel: Die Kalifornierin Nance wollte sich die Möglichkeit sichern, auch in einer späteren Lebensphase noch Kinder bekommen zu können. Also beschloss die junge Ärztin, einige ihrer Eizellen einfrieren zu lassen. Routinemäßig bestimmte ihre Gynäkologin auch den Blutzuckerwert. Ergebnis: Nance hatte Prädiabetes, die Vorstufe zu Diabetes Typ 2. Das müsse man, so die Gynäkologin, angesichts der Pläne für eine spätere Schwangerschaft unbedingt behandeln. Also nahm Nance das Diabetesmedikament Metformin. Obwohl sie sich als schlanke Frau von gerade mal 34 Jahren nicht gerade als dessen typische Nutzerin gesehen hätte. Doch sie wusste, dass die American Diabetes Association (ADA) schon seit 2009 vor den Folgen eines unbehandelten Prädiabetes warnt. Und dafür müsse es ja gute Gründe geben.
Dass die ADA gute Gründe für ihre Empfehlung hat, betont auch Charles Piller, der im Fachblatt „Science“ den Fall von Nance beschreibt. Allerdings seien diese Gründe eher wirtschaftlicher Natur. Denn viele Mitglieder dieser Organisation würden finanziell von der Pharmaindustrie unterstützt. Und die profitiert, wenn Prädiabetes als behandlungsbedürftig eingestuft wird. Schon vor einigen Jahren hatte die ADA den für Prädiabetes maßgeblichen HbA1c-Wert – er misst das von Zucker besetzte Hämoglobin – von 6,1 auf 5,7 heruntergesetzt. „Dadurch wurden rund 72 Millionen neue potenzielle Patienten geschaffen“, warnt Piller. Und es könnten Hunderte von Millionen mehr werden, wenn die neuen Werte weltweit als Richtschnur eingeführt würden.
Dabei ist gar nicht gesagt, dass Prädiabetes am Ende zur Zuckerkrankheit führt. So zieht die Cochrane Library nach Analyse einschlägiger Studien das Resümee: Knapp 60 Prozent der als Prädiabetiker eingestuften Patienten kehren binnen elf Jahren zu normalen Zuckerwerten zurück, und zwar ganz ohne Behandlung. Cochrane-Studienleiter Bernd Richter von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf warnt denn auch: „Ärzte sollten vorsichtig mit der Behandlung von Prädiabetes sein.“ Man wisse nicht, ob sie mehr Schaden als Nutzen bringt.
Andreas Fritsche von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) warnt ebenfalls, aus Prädiabetes eine therapiebedürftige Krankheit zu machen. „Ich kenne auch niemanden in Deutschland, der dies ernsthaft plant“, so der Tübinger Internist und Diabetologe. Allerdings gebe es Patienten mit klaren Anzeichen für ein erhöhtes Diabetes-Risiko, und da könne man schon von Prädiabetes sprechen. Doch die Kriterien sollten weiter gefasst werden, als die ADA vorgibt, so Fritsche.
So besagt ein mäßig erhöhter HbA1c-Wert eigentlich nur, dass jemand eine Insulinresistenz hat, dass also seine Körperzellen nicht so gut auf dieses Hormon reagieren. Doch das allein lasse keinen verlässlichen Schluss auf ein erhöhtes Diabetes-Risiko zu. „Für so eine Prognose muss man sich auch diverse andere Dinge anschauen“, erläutert Fritsche – etwa Bluthochdruck, Blutfette und Übergewicht. Und auch Fettleber und eine verringerte Insulinproduktion seien wichtige Kriterien. „Wer jedoch einen HbA1c-Wert von 5,8 hat und ansonsten bei guter Gesundheit ist, würde von mir nicht weiter behelligt werden“, sagt Fritsche. „Ich würde ihm allenfalls raten, dass er sich mehr bewegt und nicht länger als ein Jahr bis zur nächsten Untersuchung warten sollte.“
Anders sieht es aus, wenn der Patient zusätzlich erhöhte Blutdruck- und Blutfettwerte aufweist oder sogar schon eine Fettleber hat. Damit steigt nicht nur das Diabetes-Risiko, es drohen auch Erkrankungen an Blutgefäßen, Herz und Nieren – und dann bedarf es in der Tat einer effektiven Therapie. Doch das bedeutet nicht, dass man ein Medikament wie Metformin einnehmen muss. Es ist zwar bei Diabetes angezeigt, doch bei dessen Vorstufe bringt es nicht mehr, als wenn der Patient sich gesünder ernährt und mehr bewegt. „Und wenn ich die Wahl habe zwischen annähernd gleich wirksamen Methoden, dann nehme ich doch lieber diejenige, die weniger Nebenwirkungen hat“, erläutert Fritsche. So führt Metformin nicht selten zu einem Vitamin-B12-Defizit oder zu Übelkeit und Durchfall.
Besser also, man versucht es bei Prädiabetes mit einer Änderung des Lebensstils. Was freilich nicht einfach ist – und auch keinen Erfolg garantiert. In zehn bis 20 Prozent der Fälle wird der Betroffene trotzdem einen echten Diabetes entwickeln. Denn auch die Gene spielen eine große Rolle. Aber auch das ist kein Grund zu Resignation, denn mittlerweile lässt es sich gut und auch lange mit Diabetes leben. Vorausgesetzt, man hält die Blutdruck-, Blutfett-, Blutzucker- und Nierenwerte im Zielbereich und raucht nicht.