Die Hauptperson des Abends fährt standesgemäß vor – im Lancia Prisma von 1989. Es hätte aber auch der Käfer Cabrio, Baujahr 1979, sein können, oder die 1973er-Giulia 1300. Ein Fiat-500-Oldtimer rundet den Fuhrpark von Markus Mohn ab. Der Diplom-Designer ist vom Württembergischen Automobilclub (WAC) allerdings nicht gebeten worden, über seine Privatfahrzeuge zu referieren, sondern Einblicke in die Welt seiner Geschäftsautos zu geben. Die fallen etwas kleiner aus, weshalb er einige von ihnen auf dem Tisch neben dem Rednerpult drapieren kann.
Markus Mohn ist General-Manager der Firma CMC, was für „Classic Model Cars“ steht. Seine Mitbringsel passen dabei perfekt in das altehrwürdige 50er-Jahre-Ambiente des WAC-Clubhauses am Fuße der Stuttgarter Karlshöhe. Es sind bis ins kleinste Detail nachgebaute Modelle von Automobilikonen – meist im 1:18-Maßstab. Bewunderung ist Mohn und seiner Auslegware sicher. An diesem Abend sind schließlich Modellauto-Liebhaber unter sich: „Wir sind doch alle Freaks“, sagt Markus Mohn und parkt noch einen Alfa-Tourenwagen aus dem Jahr 1930 vor ihm um in einer Reihe begehrter Sammlerstücke. „Das ist kein Spielzeug“, betont Mohn.
Im Fahrzeugpass steht die Geschichte der Miniatur
Am nächsten Morgen sitzt Markus Mohn zufrieden in seinem Büro in Fellbach. Mal wieder hat er am Abend zuvor Menschen mit seiner Arbeit zum Staunen gebracht. Es sind die filigranen Feinheiten und eine absolute Detailtreue, mit denen seine Modelle die Betrachter faszinieren. Wie bei der 2020 auf den Markt gekommenen Nachbildung des Mercedes 600 Pullmann Landaulet mit funktionsfähigem Verdeck und den mit Originalleder bezogenen Klappsitzen. „Unsere Modelle haben alle eine Geschichte zu erzählen“, sagt Markus Mohn, „und die ist im mitgelieferten Fahrzeugpass auch nachzulesen.“ Häufig sind es große Rennerfolge, die den Ausschlag geben, ins exquisite CMC-Programm aufgenommen zu werden.
Erzählenswert ist aber auch die Geschichte des Unternehmens. Sie beginnt Mitte der 80er-Jahre in der Stuttgarter Marienpassage. Dort verwirklicht sich der in den Vorruhestand gegangene TWS-Angestellte Herbert Nickerl seinen Traum vom Modellautoladen. Im Lauf der Zeit kommt Nickerl zum dem Schluss, dass sich dieser Traum durchaus noch verfeinern lässt. Die Modellautos, die er den Kunden verkauft, entsprechen nicht mehr seinen hohen Ansprüchen, die er mit jenen vergleicht, die Luxusarmbanduhren zu erfüllen hätten.
Produziert wird in China
Zusammen mit seiner aus China stammenden Frau baut er 1993 eine Produktionsstätte in deren Heimat auf, während Firmensitz und Entwicklungszentrale von CMC in Fellbach entstehen. Mit der Seriennummer 001 kommt der Schwarze Prinz als erstes Modell der Firma auf den Markt. Das ist der Name des Mercedes Supersport aus dem Jahr 1928, Herbert Nickerls Lieblingsauto. Mit ihm startet die interessante Reise der schwäbisch-chinesischen High-End-Miniaturen. Die setzen Maßstäbe in einer Branche, in der CMC Marktführer wird.
2004 stirbt der Gründer, dessen Frau Shuxiao Jia muss die Geschäfte nun alleine führen. 2018 steigt Markus Mohn bei CMC ein. Bei Porsche war er zuvor mit Lizenzfragen im Merchandising-Bereich betraut. „Jetzt lebe ich meinen Beruf“, sagt der für die Modellentwicklung zuständige Fellbacher CMC-Chef, während die chinesische Besitzerin nach Hongkong gezogen ist, von wo aus es keine 100 Kilometer sind bis zur Produktionsstätte im südchinesischen Shenzhen.
In China sind etwa 120 der insgesamt rund 140 CMC-Angestellten tätig. In Fernost entstehen in Handarbeit Modellautos, die aus bis zu 2000 Einzelteilen zusammengefügt, aufwendig lackiert und poliert werden. Auf diese Weise werden jährlich rund 15 000 Miniaturen produziert. Neu auf dem Markt kostet ein Exemplar im Verkauf durchschnittlich etwa 700 Euro. Wenn es sich um Stücke aus limitierten Serien handelt, kann der Preis aber auch noch einmal deutlich höher liegen.
Museumsfahrzeuge eigenen sich nicht als Vorbild
Vor der Präzisionsfertigung stehen Idee, Recherche, Entwicklung – was in Fellbach gebündelt stattfindet. Wenn ein Fahrzeug, an dem der Automobilhersteller nach 30 Jahren seine Lizenzrechte verliert, den hohen CMC-Ansprüchen genügt, muss ein entsprechendes Modell gesucht werden. Solche Autoschätze lassen sich meist bei Privatpersonen heben. „Museumsfahrzeuge eigenen sich in der Regel nicht für unsere Zwecke“, sagt Markus Mohn, „weil sich mit ihnen die Vorstände der Automobilhersteller gerne bei historischen Rallyes zeigen.“ In diesen Fällen werde bei der Restaurierung viel Wert auf moderne Sicherheit gelegt. Das sei dann wichtiger als der Erhalt des Originalzustands.
Jeder Millimeter des Rennwagens wird gescannt
In den kommenden Tagen wird sich Markus Mohn in England aufhalten, um den auf 40 Millionen Euro geschätzten Ferrari 250 GTO eines Bauunternehmers ins Visier zu nehmen. Jeder Millimeter des Rennwagens wird dann mit Handgeräten gescannt. Aus den gewonnenen Daten entsteht per CAD-Software am Computer der Bauplan, nach dem gefertigt werden kann. Was Markus Mohn am Ende zu der Frage führt: „Wie konnte anfangs bei CMC ohne diese Möglichkeiten trotzdem so hervorragende Arbeit abgeliefert werden?“
Aber fast noch mehr interessiert den Manager, wie Frauen für sein Metier begeistert werden können. Eine Antwort bekommt er an diesem Abend beim Württembergischen Automobilclub nicht. Es sind nur Männer gekommen.
Das Programm von CMC
Produktion
Zwischen 1995 und 2022 sind beim mehrfach preisgekrönten Unternehmen CMC insgesamt 218 Automodelle im Kleinformat nachgebaut worden. Davon 212 Serien in einem Maßstab von 1:18 und 16 im Größenverhältnis 1:12.
Neuerscheinungen
Zum Modelljahrgang 2023 gehören insgesamt 15 Miniaturen, die bereits ausgeliefert sind oder noch werden. Dabei handelt es sich um Klassiker von Ferrari, Mercedes und Alfa Romeo.