Je länger man Kaspar Pfister zuhört, umso mehr fragt man sich: Ist das ein Träumer, ein Gutmensch – oder doch ein Revolutionär? Pfister ist Gründer und Chef der privaten Benevit-Gruppe mit Sitz in Mössingen und betreibt 30 Pflegehäuser in Deutschland, und er behauptet, die Quadratur des Kreises gefunden zu haben. Er verwirkliche in seinen Einrichtungen eine menschenwürdige und sinnstiftende Pflege und könne zugleich die Kosten für Bewohner und Kassen deutlich senken. Wie soll das gehen? Genau nach diesem Stein der Weisen suchen doch alle in der Pflege seit Jahrzehnten.
Alle Heime des Familienunternehmens Benevit sind Hausgemeinschaften, in denen das Wohnen und nicht die Pflege im Vordergrund stehen soll. Auf die Spitze getrieben hat Kaspar Pfister seine Philosophie im Haus Rheinaue in Wyhl (Kreis Emmendingen), wo es seit sechs Jahren ein bundesweit einmaliges Modellprojekt mit dem etwas sperrigen Namen Stambulant gibt.
Wellnessbad und Wasserbett für Bewohner und Mitarbeiter
Dort wohnen 55 alte Menschen in vier Gruppen, und schon, wenn man durch das Haus geht, merkt man, dass es besonders ist. Es riecht nicht nach Desinfektionsmitteln und Hagebuttentee, sondern nach Lavendel und frischem Kaffee. Man geht auf Teppichböden, in den Gängen gibt es keine Handläufe, niemand trägt ein geschäftsmäßiges Namensschild. Im großen Wohnzimmer steht ein Kaminofen für kuschelige Winterabende, und es gibt eine große Küche, wo sich jeder Bewohner nachts einen Tee machen kann, wenn er nicht schlafen kann.
Im ersten Stock wurde ein Badezimmer zu einem Wellnessbad umgebaut, in dem die Bewohner bei Lichtspielen, Musik und Massagedüsen und unter einem künstlichen Sternenhimmel in der Badewanne entspannen können. Und im Nachbarzimmer steht ein angenehm angewärmtes Wasserbett mit Schwebeillusion. Da dürfen auch die Mitarbeiter und die Angehörigen drauf.
Das Haus ist 1000 Euro monatlich günstiger als normale Heime
Ja klar, denkt man jetzt, das ist alles eine Frage des Preises, da zahlen die Bewohner halt kräftig drauf. Doch Dagmar Goerke-Caille, die Tochter eines Paares, das im Haus Rheinaue wohnt, sagt: „Meine Eltern waren zuerst in einem anderen Pflegeheim, und ich konnte es selbst nicht glauben, aber hier ist es 1000 Euro im Monat günstiger.“ Auch sie habe sich lange gefragt, wo eigentlich der Pferdefuß an der Sache sei. Gefunden hat sie ihn noch immer nicht: „Dieses Heim ist ein richtiger Glücksgriff für uns!“
Kaspar Pfister müsste eigentlich tief ins Verwaltungs- und Pflegerecht einsteigen, um zu erklären, was er anders macht. Im Grunde aber geht es darum, dass er über eine eigens gegründete Tochterfirma ambulante Pflegedienstleistungen ins Haus holt. Die Mitarbeiterinnen dieser Firma kümmern sich um die körperliche Versorgung der Bewohner. Dadurch braucht man im Heim nicht so viele stationäre Pflegekräfte und kann mehr (weil günstigere) Mitarbeiterinnen ohne Spezialausbildung anstellen, die Zeit haben für die Bewohner. Jeden Tag wird mit ihnen in der eigenen Küche frisch gekocht. Man wäscht zusammen die Wäsche und bügelt. Oder man kümmert sich gemeinsam um die Hochbeete draußen.
Der Kern des Konzepts: Menschen wollen gebraucht werden
Natürlich hat das Konzept während der Pandemie Federn lassen müssen – die Bewohner mussten auf ihrem Zimmer bleiben, Angehörige durften nicht mehr kommen. Im Moment bemüht man sich darum, die alten Standards wieder aufzubauen. Und manchem Bewohner sind doch zu viele schwere Pflegefälle in der Einrichtung, sodass die Idee der Hausgemeinschaft teils nicht mehr umgesetzt werden könne.
Aber der Kern von Pfisters Konzept scheint zu funktionieren und ist ganz einfach: „Menschen wollen gebraucht werden und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen“, sagt er. Wenn jemand sein Leben als sinnhaft erlebe, wenn er Ansprache habe und etwas zu tun, wachse er und lebe gern. Das wird im Haus Rheinaue angestrebt: Dort ist Wohnen wie zuhause, und es soll sich jeder einbringen, wie er es vermag. Die Bewohnerin Anne Rupp betont ebenfalls, dass es die Kleinigkeiten seien, die in der Summe ihre Lebensqualität ausmachten – und sei es nur der eigene Käse, den sie im Kühlschrank deponieren darf.
Befinden vieler Bewohner hat sich verbessert
Tatsächlich haben es die Mitarbeiterinnen auf diese Weise sogar geschafft, ein Drittel der Bewohner so zu aktivieren, dass ihre Pflegestufe herabgesetzt werden konnte. Solche Verbesserungen gibt es anderswo kaum. Und nicht zu vergessen ist auch die Zufriedenheit der Belegschaft, die ihre Arbeit ebenfalls als erfüllend begreift. Nicole Bölke, die Heimleiterin in Wyhl, möchte jedenfalls nirgendwo anders mehr arbeiten – und die meisten ihrer Mitarbeiterinnen ebenfalls nicht.
Eine weitere wichtige Säule des Konzepts bilden die Angehörige, die eingeladen sind, regelmäßig mitzuarbeiten. Dadurch kommt nicht nur mehr Leben ins Haus, sondern die Bewohner können auch Kosten sparen, wenn der Sohn beispielsweise selbst das Zimmer putzt.
Seit sechs Jahren hört Kaspar Pfister vor allem Kanzleitrost
Doch nun beginnt der unschöne Teil dieser Geschichte. Seit sechs Jahren gibt es den Modellversuch Stambulant. Zum Jahresende läuft er womöglich aus, weil das Bundesgesundheitsministerium einige Regeln im Sozialgesetzbuch ändern müsse, fürchtet Pfister.
Mittlerweile fühlt sich Pfister, der lange Jahre Amtsleiter in Burladingen gewesen ist, ein wenig wie der dortige Trigema-Chef Wolfgang Grupp: Alle finden den kantigen Typ gut, aber allen geht er auch etwas auf die Nerven. Jedenfalls führt er ständig Politiker, Kassenvertreter oder Journalisten durchs Haus und redet sich den Mund fusselig, aber nichts geht voran. Ständig schreibt er Briefe an Ministerien, aber meist erhält er nur Kanzleitrost. Und ständig beklagt er sich bei den Kontrollbehörden über Normen, Quoten und Schlüssel in der Pflege, aber selten ändert sich etwas.
Kassen und Landesregierung halten das Konzept für gut
Zum Beispiel musste er Jahre darum kämpfen, dass er die Feuerlöscher in Schränke stellen darf, um das Heim wohnlicher aussehen zu lassen. Aber in der Pflege gehe es immer nur um Zimmergröße, Nachtdienstschlüssel und Kontrollen, klagt Pfister, und viel zu selten um die individuellen Bedürfnisse der Menschen, um Sinnstiftung und ja, auch um ihre Sehnsüchte. „Wir müssen weg von diesen Mini-Krankenhäusern und hin zu einer Normalität des Alltags“, sagt Pfister.
Tatsächlich hat der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) den Modellversuch von Anfang an unterstützt, zuletzt wieder in einem Brief an den Bundeskollegen Karl Lauterbach (SPD). „Wir würden es sehr bedauern, wenn für den Ansatz keine Rechtsgrundlage geschaffen würde“, sagt der Stuttgarter Sprecher Pascal Murmann. Aber letztlich hat Stuttgart eben nichts zu melden in der Sache. Auch die AOK Baden-Württemberg stehe dahinter, betont deren Sprecher Alexander Kruse. Derzeit würden die finanziellen Auswirkungen von einem unabhängigen Institut nochmals untersucht, aber die AOK wolle auf jeden Fall „eine Weiterführung dieses innovativen Konzepts ermöglichen“.
Ob es weitergeht in Wyhl, kann niemand sagen
Im Berliner Gesundheitsministerium räumt man ein, dass ein erster Anlauf, das Gesetz anzupassen, gescheitert sei. Jetzt seien noch Fragen offen, weshalb man derzeit eine wissenschaftliche Evaluation unternehme, sagt Sprecher Sebastian Gülde. Es gehe um den tatsächlichen Mehrwert dieser „ambulantisierten Wohnformen“. Grundsätzlich hat die Regierungskoalition in ihrem Programm vereinbart, das Sozialgesetzbuch um „innovative quartiernahe Wohnformen“ zu erweitern. Doch ob es das Stambulant-Modell schafft, aufgenommen zu werden, ist weiter offen. Wo genau die Bedenken liegen, kann niemand sagen – offene Kritikpunkte an dem Konzept äußert niemand.
Kaspar Pfister würde lieber heute als morgen alle seine Heime entsprechend umgestalten. Aber manchmal verzweifelt auch er an all den Vorgaben, Regelungen und Bedenken: „Wir haben es verlernt, simple und einfache Lösungen zu akzeptieren. Es werden bis ins letzte Detail alle denkbaren Fallstricke ausgeleuchtet statt zu schauen, was machbar ist“, seufzt er.
Aufgeben wird er natürlich nicht. Denn Kaspar Pfister ist kein Träumer und auch kein naiver Gutmensch, sondern er ist ein Menschenfreund, der rechnen kann, Ideen hat und bereit ist zu kämpfen. Ihm sei es egal, wenn er nur zwei statt fünf Prozent Rendite habe, sagt Pfister. Am Ende mache er das alles, weil er sehe, wie sehr pflegebedürftige Menschen in den Hausgemeinschaften aufblühen könnten und wie leicht man ihre Lebensqualität steigern könne. „Das treibt mich an“, sagt Kaspar Pfister.
Kaspar Pfister und die Benevit-Gruppe
Leben
Kaspar Pfister (Jahrgang 1956) war 20 Jahre lang Kommunalbeamter in Burladingen und dort für das Finanz- und Bauressort zuständig. Im Jahr 1996 begann er eine zweite Karriere als Geschäftsführer bei der St.-Anna-Hilfe der Stiftung Liebenau. 2004 gründete er die Benevit-Gruppe als Familienunternehmen; seine beiden Kinder arbeiten mittlerweile in der Firma mit.
Benevit
Die Gruppe betreibt 30 Häuser mit 119 Hausgemeinschaften in ganz Deutschland, aber mit Schwerpunkt in Baden-Württemberg. Der Firmensitz liegt in Mössingen (Kreis Tübingen). In den Häusern leben 2300 Menschen und arbeiten 2000 Angestellte. fal