ExklusivModellversuch Tübingen testet neue Lehrerzuteilung

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Exklusiv Die Grünen haben vehement auf einen Versuch gepocht, die Lehrerstellen neu zuzuweisen. Jetzt kommt das Modell, aber nur in einer statt in vier Regionen und erst 2015 und nicht schon im neuen Schuljahr, wie die Stuttgarter Zeitung erfuhr.

Den Schülern der Geschwister-Scholl- Schule in Tübingen wird es egal sein, nach welcher Berechnungsgrundlage ihre Lehrerin vor ihnen steht. Der Staat erhofft sich jedoch von dem Modellversuch einen effizienteren Einsatz der Lehrerstellen. Foto: dpa
Den Schülern der Geschwister-Scholl- Schule in Tübingen wird es egal sein, nach welcher Berechnungsgrundlage ihre Lehrerin vor ihnen steht. Der Staat erhofft sich jedoch von dem Modellversuch einen effizienteren Einsatz der Lehrerstellen. Foto: dpa

Stuttgart - Der Schulamtsbezirk Tübingen-Reutlingen wird im Schuljahr 2015/16 eine neue Form der Lehrerzuweisung testen. Das sagte Edith Sitzmann, die Vorsitzende der Grünen-Fraktion, der Stuttgarter Zeitung. Erprobt wird die Zuweisung der Lehrerstellen aufgrund von Schülerzahlen statt wie bisher nach Klassen. „Von dem Modellprojekt in den Landkreisen Tübingen und Reutlingen erhoffen wir uns eine gerechtere Verteilung der Lehrerstellen“, erklärte Edith Sitzmann. Erwartet wird auch, dass sich dann der künftige Bedarf an Lehrerstellen besser planen lässt.

Seit langem stößt es der Koalition, besonders aber den Grünen sauer auf, dass viele Lehrer und Eltern im Land die Unterrichtsversorgung als nicht ausreichend empfinden. Dabei weise doch Baden-Württemberg rechnerisch das bundesweit beste Schüler – Lehrerverhältnis auf: Auf einen Lehrer kommen hierzulande statistisch gesehen 14 Schüler. Die Grünen folgern aus der anhaltenden Unzufriedenheit, dass die Lehrerstellen eventuell nicht dort ankommen, wo sie wirklich gebraucht werden.

Schüler statt Klassen

In dem Versuch sollen Schulen ihre Lehrerstellen nicht mehr nach der Anzahl der Klassen zugewiesen bekommen. Vielmehr sollen die Schülerzahlen der entscheidende Faktor werden. Bisher macht es bei der Bemessung der Lehrerstellen keinen Unterschied ob beispielsweise in einem Gymnasium oder einer Realschule 30 oder 16 Schüler in einer Klasse sitzen. Mehr Lehrer gibt es erst, wenn der Klassenteiler erreicht ist, es also 31 Schüler pro Jahrgang gibt. Dann wird eine zweite Klasse gebildet, und es gibt doppelt so viele Lehrerstunden. Das bisherige System führt zu Ungerechtigkeiten. Das hatte die grüne Bildungsexpertin Sandra Boser bereits im Frühjahr bemängelt. Kleinere Schulen mit kleinen Klassen stünden tendenziell besser da, als große Schulen. Auf jeden Fall kommen kleine Schulen den Staat auf die bisherige Weise besonders teuer. Der Test solle zeigen, ob die Stellenzuweisung nach Schülerzahlen diese Ungerechtigkeiten beseitigen könnte.

Im Grundsatz sind sich Grüne und SPD einig, dass das Prinzip geändert werden soll. Schon im Koalitionsvertrag steht, „wir wollen von der Zuweisung nach dem Klassenteilerprinzip auf eine Pro-Schüler-Zuweisung von Lehrerstunden umstellen“. Gleichzeitig haben Grüne und SPD im Jahr 2011 angekündigt: „Die Grundzuweisung an die Schulen wird durch die Berücksichtigung besonderer Förderbedarfe, darunter die soziale Zusammensetzung der Schüler ergänzt“. Eine Pro-Kopf-Zuweisung von Lehrerstellen erleichtere auch die Einrichtung von kleinen Gruppen zum individuellen Lernen, hatte Boser angedeutet.

Grüne drängen auf Versuch

Getan hat sich lange Zeit gar nichts. Im Frühjahr machten sich die Grünen vereint stark für die Modellversuche. Teile der SPD gaben sich zurückhaltend. Das Thema ist durchaus heikel und könnte, so die Befürchtungen der Abgeordneten, leicht als Politik gegen den ländlichen Raum ausgelegt werden. Der SPD-Kultusminister Andreas Stoch dagegen hatte schon zum Jahresanfang das Stadt-Landgefälle in der Lehrerzuweisung unumwunden zu einem Gerechtigkeitsthema erklärt. Stoch hatte auch in Zweifel gezogen, ob eine Schule vor Ort ein Wert an sich sei. Qualität gebe es nicht in Kleinsteinheiten.

Allerdings hat offenbar die Arbeitsebene im Kultusministerium große Bedenken gegen den Versuch angemeldet. Nach mehr als sechsmonatigem nachhaltigem Drängen der Grünen, ist die Entscheidung nun gefallen. Ursprünglich wollten die Grünen in jedem der vier Regierungsbezirke einen Versuch starten. Die 21 staatlichen Schulämter konnten sich um die Teilnahme bewerben. Jetzt wird es nur ein Modell geben und auch das kommt ein Jahr später als ursprünglich von den Grünen erhofft. Das nimmt Sitzmann nicht tragisch. Wichtig sei die Freiwilligkeit. Dann sei auch ein einzelner Testlauf in Ordnung.

Als Hinderungsgrund verweisen die Behörden auf die regionale Schulentwicklung, die jetzt angelaufen ist. Diese Neuordnung der Schullandschaft und die damit verbundene Planung verlange Kommunen und Schulverwaltung schon genug ab.

Garantiertes Budget

Die Schulen in den Landkreisen Tübingen und Reutlingen bekommen im Rahmen des Versuches ab 2015 eine Lehrerversorgung von 108,5 Prozent garantiert. Das ergibt sich aus den Stellen, die für den Pflichtunterricht notwendig sind, der Ergänzungsbereich wird mit sechs, die Krankheitsvertretungen werden mit durchschnittlich 2,5 Prozent dazu gerechnet. Dieses feste Budget können die Schulen in eigener Verantwortung einsetzen.

„Der Versuch wird zeigen, ob die Ressourcen gerecht und effizient eingesetzt sind“, erwartet Edith Sitzmann. Wenn das Modell erfolgreich sei und zur verbesserten Ressourcensteuerung erfolgreich sei, werde man die geänderte Zuweisung in der neuen Legislaturperiode eventuell schrittweise in die Fläche übertragen. Grundschulen sollen davon ausgenommen sein. Die vielen kleinen Grundschulen im Land will Grün-Rot nach dem Prinzip „kurze Beine, kurze Wege“ erhalten.

Die jetzige Praxis, Lehrerstellen nach Klassen zu vergeben, gibt es in Baden-Württemberg erst seit den 1990er Jahren. Damals waren die Klassen groß und die Regierung stellte auf das dann kostengünstigere System um. Zuvor wurde bereits nach Schülern zugewiesen.

Kosten gestiegen – Versorgung nicht

Nach Angaben der Koalition sind die Ausgaben des Landes pro Schüler seit dem Jahr 2010 von 3475 Euro auf jetzt 4236 Euro gestiegen. Die Unterrichtsversorgung habe sich aber nicht im gleichen Ausmaß verbessert.

Statistisch gesehen sind seit 2004 die Klassen an allen Schularten im Land kleiner geworden. Das Statistische Landesamt führte die Grundschulen im Schuljahr 2013/14 mit einer durchschnittlichen Klassengröße von 19,4 Schülern. Zehn Jahre zuvor waren es 22,1 Schüler. Im landesweiten Durchschnitt sitzen inzwischen 19,5 Schüler in einer einer Werkreal- oder Hauptschule, gegenüber 21 Schülern im Jahr 2004. Tendenz: dramatisch sinkend. Für die Realschulen ergibt sich ein statistischer Durchschnitt von jetzt 25,4 Schülern pro Klasse. Vor zehn Jahren lag das landesweite Mittel bei 27,8 Schülern. An den Gymnasien zählt eine durchschnittliche Klasse aktuell 26 Schüler, vor zehn Jahren waren es 27,5.